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  • Magazin Klassik
  • Radio Klassik Stephansdom
  • # 14 | Herbst 2019
  • S. 28-29

Selig sind, die da Leid tragen

Text: Elisabeth Birnbaum

[Radio Klassik Stephansdom]

Das „Deutsche Requiem“ von Johannes Brahms trägt zwar den Titel „Requiem“, beinhaltet aber nicht den liturgischen Text der katholischen Totenmesse.

Eine Bibeltext-Collage …

Es ist ein Werk, das nur aus Bibeltexten besteht – doch die Auswahl der Texte ist höchst individuell. Die Bibeltexte formen durch kreative Zusammenstellung eine völlig neue Handlung.

Besonders auffällig ist das in Teil 5: Eine Sopranstimme spricht in Ich-Form. Die gewählten Worte stammen biblisch aus drei verschiedenen Texten und Mündern: Zunächst („ihr habt nun Traurigkeit“) aus Joh 16, wo Jesus von seiner nahenden Passion spricht. Dann („Sehet mich an“) aus Sir 51,27, wo Sirach seine mühselige Suche nach Weisheit schildert. Und zuletzt („Ich will euch trösten“) aus Jes 66, wo Gott sein bedrängtes Volk aufmuntert.

Bei Brahms wird daraus ein Trostwort einer einzelnen Gestalt, einer weiblichen Stimme (eine Verstorbene aus dem Jenseits?), die zu dem/der Trauernden spricht.


… mit einer sehr persönlichen Theologie

Was ist die dadurch gewonnene theologische Botschaft des Werkes?

Kurz gesagt, die Hoffnung auf ein Jenseits, das keinen Schmerz und kein Leid mehr kennt und ewige Glückseligkeit bei Gott bereithält. Eine gewisse Todessehnsucht lässt sich dabei heraushören.

Den Leidtragenden wird zunächst zugesagt, dass sich ihre Trauer in Freude wandeln wird. Der Grund ihres Leides (Satz 2) ist die Vergänglichkeit menschlichen Lebens – die Musik deutet einen Trauermarsch an. Es geht also offenbar um die Vergänglichkeit anderer Menschen, die man verliert und betrauert. Hier wird Geduld eingemahnt und die Zuversicht, dass die (eigenen, geliebten) Gestorbenen als „Erlöste“ in Freuden bei Gott leben werden.

In Satz 3 geraten das Leiden an der eigenen Vergänglichkeit in den Blick und der Trost, dass auch das (eigene) Leid nach dem Tod ein Ende haben wird. Teil 4 als Zentrum des Werkes ersehnt mit den Worten von Psalm 84 (die eigentlich auf den Tempel bezogen sind) diese erhoffte Seligkeit bei Gott.

Die Stimme in Teil 5 versichert, dass sie (die verstorbene Mutter?) nach dem kurzen, mühseligen Leben diese Seligkeit bei Gott bereits erfährt. Teil 6 richtet nun seinen Blick ganz auf dieses andere, bessere Leben mit einem zentralen Text zur Auferstehung der Toten (1 Korinther 15) und preist Gott hymnisch.

Teil 7 bildet die Conclusio: Nicht mehr die Leidenden, sondern die Toten sind selig. Die Leidtragenden mögen sich auf den Tod freuen, denn nur er ermöglicht ein besseres Leben im Jenseits.


Radiotipp

Musica Sacra
3. November 2019, 19.00 Uhr

Johannes Brahms: Ein Deutsches Requiem Genia Kühmeier (Sopran) / Thomas Hampson (Bariton) / Arnold Schoenberg Chor, Wiener Philharmoniker, Nikolaus Harnoncourt
Aufnahme Dezember 2007, Wiener Musikverein 

  • Quelle: Magazin Klassik
  • Radio Klassik Stephansdom
  • # 14 | Herbst 2019
  • S. 28-29

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