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  • Radio Klassik Stephansdom
  • # 13 | Sommer 2019
  • S. 2-5

Richard Tauber

Ein Leben in Episoden

Text: Wolfram Huber

[Radio Klassik Stephansdom]

„Heute hier, morgen fort, was macht es! Reicht das Glück dir die Hand, rasch greif zu, Komödiant!“

Diese Textzeilen aus Kálmáns Operette „Die Zirkusprinzessin“ versinnbildlichen in aller Kürze das Leben eines der größten Tenöre des 20. Jahrhunderts – von Richard Tauber. Von Kindesbeinen an schon bald einem unruhigen Wanderleben ausgeliefert, später nirgends wirklich Wurzeln schlagend auf der Jagd nach dem großen Erfolg, der sich in überreichem Maße einstellen sollte, und letztlich aus der Heimat vertrieben – heute noch hier, doch morgen schon fort.

Was der Name Richard Tauber den meisten heute bedeutet, lässt sich ganz einfach in der Schublade „Leichte Muse“ ablegen, Unterkategorie Franz Lehár. Dieser begnadete Melodienerfinder muss es auf sich nehmen, dass sein Vorzeigetenor Tauber keineswegs so gewürdigt wird, wie es ihm zustünde. Nämlich als der größte Mozart-Tenor seiner Zeit.

Dafür gibt es Belege – sofern man so eine Behauptung überhaupt belegen kann. So sagte etwa Marcel Prawy: „Er war unvergleichlich. Er war der größte Mozart-Tenor, den ich je erlebt habe. Nicht der größte seiner Zeit, der größte jeder Zeit.“

Immerhin holte ihn Richard Strauss zu den ersten Salzburger Festspielen, die in ihrem Repertoire Oper spielten, 1922 zur „Zauberflöte“ und zur „Entführung aus dem Serail“. Bald schon hieß es: „Wir gehen heute in die „Tauberflöte“!

folg als Sänger. Denn seine Laufbahn hatte mit einem eklatanten Rückschlag begonnen: Bei einem privaten Vorsingen in Wien, als er noch studierte, äußerte sich der berühmte Kammersänger Leopold Demuth wie folgt: „Des is ka Stimm’, des is’ a Zwirnsfaden! Aus Ihnen wird nie a Sänger!“ Doch dank des begnadeten Gesanglehrers Carl Beines in Freiburg im Breisgau, wohin Tauber von seinem Vater wegen einer unerwünschten Liebschaft quasi in die Verbannung geschickt wurde, behielt Demuth nicht recht.

Das Theaterblut floss Tauber durch jede Ader. Kein Wunder, lag er doch 1891 als startbereiter Embryo auf der Bühne des Linzer Landestheaters im Bauch seiner Mutter, und eine Stunde später schon in ihren Armen dort, wo heute das Hotel „Zum Schwarzen Bären“ steht. Aus ihm wurde ein braver Bub, denn er wollte immer nur geliebt werden. Diese Haltung wird sein ganzes Leben durchziehen – nicht zu seinem Vorteil.

Was die Bühne betrifft, gelingt es ihm geradezu vollkommen – dass er geliebt wird. Was seine Frauenbeziehungen betrifft – das ist ein anderes Kapitel. Da reiht sich eine Episode an die andere. Eine verläuft sogar kriminell, und zwar just jene seiner ersten Ehe.

Obwohl er keineswegs als Mann, auch wegen seines Monokels (er war auf einem Auge fast blind), besonders anziehend war, wurde er der Liebling der Damenwelt. Aber was vermag alles eine Stimme! Doch niemand wusste, dass er eine Bürde mit sich herumtrug, höchstens seine jeweilige Geliebte: Er war nicht fähig, sich mit einer Frau zu vereinigen.

Seine erste Frau Carlotta Vanconti, ein Sopran, die durch ihn und an seiner Seite Karriere machen wollte, witterte eine doppelte Chance. Sie ließ ihn gleich nach der Hochzeit ein Einverständnis unterschreiben, dass sie auch mit anderen Männern intim sein dürfe. Sie begann ihn zu erpressen. Nichts ärger, als wenn die in die Millionen gehenden Verehrerinnen dieses intime Geheimnis erfahren würden.

Tauber muss darauf eingehen – und noch viel mehr. Die Scheidung kostet ihn eine Million Mark, worauf die Presse über Carlotta schreibt: „Äußerlich eine Soubrette, innerlich ein Krokodil“, aber die Erpressungen sind damit nicht zu Ende. Er zahlt und zahlt, willig und wohl zähneknirschend. Bis seine zweite Frau dem Spuk ein Ende setzt und zugleich aus ihrem Richard einen Mann macht. Sie erzählt, sie habe ihm einen Komplex vorgespielt, dass sie immer schon Angst vor Sex gehabt hätte, und das habe Richards Ehrgeiz geweckt. Er wollte jener sein, der sie befreit. Und dann habe es funktioniert, bis zum Lebensende. „Und wie!“, fügte sie noch hinzu.

Mittlerweile aber ist aus Tauber ein Star geworden, ein wirklicher, der – so scheint es – fast alles singen konnte. Seinen Erfolg vor allem bei der Damenwelt erklärt sein Biograph Fischer sehr treffend: „Er ging mit der Musik ein intensiv erotisches Verhältnis ein, er streichelt und umhegt jede Silbe, jede Phrase mit äußerster Behutsamkeit, sein unendliches Legato ist wie die Hand eines erfahrenen Liebhabers, die die Körperlinien der Geliebten nachzeichnet.“ Hans Hotter bleibt sachlicher: „Er konnte beides singen, Oper und Operette, weil er die Kunst des Singens beherrschte. Er hatte handwerkliches Können und er hatte Atemtechnik ...“. Dass die Operette immer mehr das Übergewicht bekommen sollte, ist vor allem den damit verbundenen Einnahmen zu danken. Das symbiotische Gespann Lehár/Tauber eilte von Erfolg zu Erfolg und zerbrach am Nationalsozialismus. Tauber als Halbjude musste die Stätten seiner Triumphe, vor allem Berlin und Wien, verlassen – und Triumphe waren es allemal: Besonders „Giuditta“ 1934 in der Wiener Staatsoper mit der physisch und stimmlich erotischen Jarmila Novotna. Es war ein Jahrhundertereignis.

120 Rundfunkanstalten übertrugen die Premiere live in alle Welt! Sogar Direktor Clemens Krauss konnte zufrieden sein, er saß inmitten roter Zahlen, und diese von ihm gar nicht geschätzte „Giuditta“ hob wenigstens seine Einnahmen. Jene von Tauber waren schon vorher in höchste Höhen geklettert, war er doch der nach Caruso höchstbezahlte Tenor seiner Zeit.

All diese Erfolge mit Lehár überdecken in der Erinnerung, dass Richard Tauber unglaubliche 102 Partien gesungen hatte, darunter 18 Uraufführungen wie Pfitzners „Christ-Elflein“, dass er an der Wr. Staatsoper 242 Vorstellungen sang, er, der Operettentenor. Zum Vergleich, der ausschließliche Opernsänger Nicolai Ghiaurov war dort in 227 Vorstellungen und 13 verschiedenen Partien zu hören. Tauber sang 14 verschiedene Hauptrollen – in einem Monat! Ein Komponist aber war gleichsam sein Credo: „Von allen Göttern, zu denen ich bete, steht mir Mozart am höchsten.“

Diese 102 Partien deckten ein reiches Spektrum ab: vom Almaviva über Tamino über Puccini und Verdi bis zu Wagner. Er sang sogar den Parsifal, einmal, am Karfreitag 1918 in der Kathedrale von Riga – auch nur eine Episode. Und das alles ohne ein hohes C. Auf keinem der über 1.000 Tonträger gibt es ein hohes C, trotzdem sang er Rudolf, Faust, Kalaf. Zitieren wir nochmals Marcel Prawy, der gemeint hat, Tauber konnte in der Höhe meisterhaft schwindeln. Er musste es.

Wer auswandert, verliert mehr als die Heimat. Seltsam nur, dass Lehár, der Zurückgebliebene, noch mehr verlor als der Auswanderer. Ihm war kein Erfolg mehr gegönnt ohne seinen musikalischen Zwillingsbruder, obwohl er sich um Ersatz bemühte – etwa mit dem durchaus verdienstvollen Karl Friedrich.

Am Höhepunkt der Erfolge zersplittert der Ruhm. Auch Taubers Tätigkeiten zersplittern in mehrere Richtungen: Tourneen führen ihn bis nach Ceylon und Australien, die Carnegie-Hall in New York hatte er schon früher erobert (heute da, morgen dort), in England, dessen Staatsbürger er wurde, sang er nicht nur, er begann vermehrt zu dirigieren (das hatte er schließlich auch gelernt), drehte Filme, schickte Ex-Freundinnen regelmäßig Geld – denn er wollte ja noch immer geliebt werden. Von allen. Auch von den Verflossenen – bis er finanziell am Ende war. Zugleich nahte seine letzte Stunde, gekrönt von einer Sternstunde: Mit nur einer funktionsfähigen Lunge (er litt an Lungenkrebs) sang er einmal noch den Don Ottavio in der Londoner Covent Garden Opera bei einem Gastspiel „seines“ Wiener Ensembles unter Joseph Krips.

Mit Mozart hatte er begonnen, mit Mozart sang er sich aus dieser Welt hinaus. Ein paar Tage später wurde er operiert. Zwei Frauen pflegten den Kranken, Diana, seine Ehefrau, und Esther, seine Geliebte ...

Am 7. Jänner 1948 hörte sein Herz zu schlagen auf. Für das Begräbnis des weltberühmten und hochbezahlten Tenors Richard Tauber am Londoner Old-Brompton-Friedhof musste gesammelt werden ...


Buchtipp

Tauber, mein Tauber
24 Annäherungen an den weltberühmten Linzer Tenor Richard Tauber
Von Heide Stockinger Kai-Uwe Garrels  

Verlag Bibliothek der Provinz
ISBN: 9783990286500
316 Seiten | gebunden 28,00 EUR 

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