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  • Magazin Klassik
  • Radio Klassik Stephansdom
  • # 13 | Sommer 2019
  • S. 34-35

Die Jahreszeiten von Joseph Haydn

Biblisches Denken im Freimaurerkleid

Text: Elisabeth Birnbaum

[Radio Klassik Stephansdom]

„Die Jahreszeiten“ von Joseph Haydn sind vom Titel her kein biblisches Oratorium. Befasst man sich jedoch näher mit dem Werk, wird deutlich, dass darin sehr wohl religiöse und auch biblische Bezüge zu finden sind, allerdings in einer von Aufklärung und Freimaurertum geprägten Umformung.

Im ersten Teil des Oratoriums, dem „Frühling“, wird Gott für seine gute Schöpfung gepriesen. Die Natur in all ihren idyllischen Seiten wird bewundert und der „Hauch des Schöpfers“ darin erkannt. „Die Jahreszeiten“ knüpfen damit inhaltlich nahtlos an „die Schöpfung“ an – anders als in der Bibel lebt der Mensch noch immer in einem paradiesähnlichen Zustand in ungetrübtem Einklang mit Gott, Mensch und Natur. Er erkennt Gott durch seine gottgegebene Vernunft in der Schöpfung und bewahrt diese durch seine angeborenen religiösen Vorstellungen.

Im zweiten Teil, dem „Sommer“, wird der Aufgang der Sonne hymnisch gefeiert. „O du, des Weltalls Seel und Aug, der Gottheit schönstes Bild …“ heißt es da. Hier spiegelt sich das Gedankengut der Aufklärung und der Freimaurer besonders deutlich. Die Sonne als „Licht der Vernunft“, als Aufgang einer besseren Welt und Sieg über das Chaos der ungeordneten Triebe spielt eine sehr große Rolle für beide, man denke nur an Mozarts „Zauberflöte“, an den Isis und Osiris-Kult der Freimaurer oder an die Freimaurer-Kantate von Lorenz Leopold Haschka, die von Mozart vertont wurde. Die hier vollzogene Verehrung der Sonne steht dem biblischen Schöpfungsdenken diametral entgegen: Dort werden Sonne und Mond gerade nicht verehrt, sondern zu rein funktionalen „Lampen“ im Lebenshaus Welt degradiert.

Der dritte Teil, „Herbst“, bildet eine Art Tugendkatalog aus: Natürlichkeit, Bescheidenheit und Fleiß werden hochgehalten.

Die stärksten theologischen und biblischen Bezüge finden sich jedoch im vierten Teil, dem „Winter“: Hier geht es um Sinn und Ziel des Lebens und letztlich um die Frage, wo ewige Glückseligkeit zu finden ist. Das Libretto weist hier starke Anklänge an zwei biblische Psalmen auf: Psalm 15 und 24. Beide gehören zur sogenannten „Einlass-Liturgie“ und benennen die Bedingungen für den Einlass ins „heilige Zelt“ und für das Verweilen am „Heiligen Berg“, dem Zion. „Wer darf besteigen diesen Berg? – von dessen Lippen Wahrheit floss – Wer darf in diesem Zelte wohnen?“ und weitere Zeilen entsprechen den genannten Psalmen beinahe wörtlich. Doch auch das Aufnahmeritual in die Freimaurerlogen dürfte damit angesprochen sein, darauf verweist etwa die wiederholte Betonung der „Pforten“, durch die der Mensch eintreten will.

Das Oratorium „Die Jahreszeiten“ ist demnach eine faszinierende Verknüpfung von biblischem Schöpfungsglauben, christlichem Tugendverständnis und aufgeklärtem Vernunftoptimismus, verbunden zu einer freimaurerisch inspirierten hymnischen Verkündigung einer idealisierten, positiven, bruchlosen Einheit von Natur, Mensch und Gott.


Radiotipp

Musica Sacra
Sonntag, 16. Juni, 19.00 Uhr

Joseph Haydn: Die Jahreszeiten, Hob XXI:3
Genia Kühmeier (Sopran) / Werner Güra (Tenor) / Christian Gerhaher (Bariton)
Arnold Schoenberg Chor, Concentus Musicus Wien
Dirigent: Nikolaus Harnoncourt 

www.jahrederbibel.at 

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  • S. 34-35

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