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  • PROspekt
  • Theater Erfurt
  • # 2 | Dezember 2016 - Februar 2017
  • S. 29

Kolumne

Psst! Fünf Wochen lang Chef - ein Erfahrungsbericht

Text: Viktoria Knuth

[Theater Erfurt]

Wer hat sich nicht schon mal gewünscht, selbst Chef zu sein? Endlich kann man die wirklich wichtigen Entscheidungen treffen, endlich steht man im Zentrum der Aufmerksamkeit, endlich kann man andere herumkommandieren! Ich jedenfalls habe mir das nie gewünscht. Da gibt es nur ein Problem: Wenn man am Theater seine Ideen umsetzen möchte, muss man Chef sein. Denn ein Regisseur ist nichts anderes als der Chef einer Inszenierung. Und da ich erst kürzlich am Theater Erfurt in der Oper The Turn of the Screw die Chance bekam, ein paar meiner Ideen an echten Menschen und echtem Material auszuprobieren, blieb mir wohl oder übel nichts anderes übrig. Aber wie geht das eigentlich: Chef sein?

Das kannste schon so machen, aber dann isses halt kacke

Es gibt ja ganz unterschiedliche Arten von Chefs. Da gibt es die cholerischen Typen, die ihre Ziele durchsetzen, indem sie alle Umstehenden in emotionalen Stress versetzen. Aber da ich gelesen habe, dass Bluthochdruck die Lebenszeit verkürzt und Schreien schlecht für die Stimmbänder ist, war diese Strategie schon mal nix für mich. Dann gibt es noch die eiskalten rationalen Typen, die zwar alles, was getan werden soll, erklären, aber dann auch nur einmal und ganz schnell. Wer das nicht gehört oder verstanden hat, ist ein unfähiger Idiot und muss letztendlich sowieso tun, was gesagt wurde, denn es kommt ja vom Chef. Auch diese Vorgehensweise erschien mir nicht als erstrebenswert, da ich nicht eine ganze Produktion lang von den Kollegen als arrogantes Arschloch bezeichnet werden wollte.

Warum einfach, wenn’s auch kompliziert geht

Ich habe mich dann kurzerhand für die schwierigste Variante vom Chefsein entschieden. Das bedeutet, dass ich es mir zum Ziel machte, alle Mitarbeiter von der Sinnhaftigkeit meines Konzepts zu überzeugen, damit sie das von mir Beabsichtigte freiwillig und aus eigenem Antrieb heraus machen. Spätestens jetzt merkt man – ich bin hoffnungsloser Idealist. Aber wie kriegt man das nun konkret hin? Zuerst habe ich mich bis an die Zähne mit Wissen und Vorbereitung bewaffnet. Autorität durch Ahnung sozusagen. Ich habe den Text gelesen und die Musik gehört (mehrmals), ich habe Sekundärliteratur gelesen (stapelweise), ich habe Filme zum Thema gesehen (Horrorfilme, die schlaflose Nächte verursacht haben), ich habe mit Freunden und Kollegen diskutiert (und gestritten). Ich habe Skizzen gezeichnet, Abläufe erstellt und Listen geschrieben (zu Verwandlungen, Bildern und Requisiten) und natürlich einen Probenplan gemacht. Währenddessen habe ich außerdem genug Pausen eingelegt, ging im Luisenpark spazieren oder joggen (zu selten), habe mich gesund ernährt, viel Wasser getrunken und geschlafen (zu lang).

Transpiration und Inspiration

Während der Probenzeit ging dann aber die richtige Arbeit los. Fünf Wochen lang habe ich geredet, diskutiert, erklärt. Immer wieder. Ich habe Smalltalk gehalten, ich habe Witze gemacht, ich habe motiviert. Immer wieder. Ja, das war definitiv anstrengender als einfach Dienst nach Vorschrift zu machen: Du kommst von links, gehst dann schräg nach rechts rüber, bist erst traurig, dann irritiert und dann ängstlich. Und bitte! Aber für all diese Energie, Lebenszeit, Geduld und echte Aufmerksamkeit, die man investiert, bekommt man etwas ganz Besonderes zurück. Augenblicke, die man als Zuschauer der Vorstellung (leider) nie mitbekommt. Die schönsten, erfüllendsten und inspirierendsten Momente am Theater sind nämlich die Proben, in denen jemand (nicht unbedingt der Regisseur) eine Idee äußert und diese dann von anderen weitergedacht und gemeinsam umgesetzt wird. Ganz ohne Aufforderung. Solche Momente erinnern mich immer wieder daran, warum ich eigentlich unbedingt am Theater arbeiten möchte. Vor allem, wenn ich als Regisseur – als Chef – solche Momente möglich machen kann. 

Viktoria Knuth
Regieassistentin 

  • Quelle: PROspekt
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