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  • Radio Klassik Stephansdom
  • # 20 | Frühling 2021
  • S. 40-42

Zoltán Závodszky - ein wahrer Meistersinger

Zur Erinnerung an den größten ungarischen Wagner-Tenor

Text: Wolfram Huber

[Radio Klassik Stephansdom]

In unseren Breiten kennt so gut wie keiner seinen Namen. In Budapest, seiner Wirkungsstätte, kannten und liebten ihn drei Generationen von Opernliebhabern. Noch 2014 (!) lernte ich in Opatija ein altes Ehepaar aus Ungarn kennen, das in höchsten Tönen von diesem „begnadeten Sänger“ schwärmte.

Wenn der bekannte Musikkritiker Joachim Kaiser sagte, Wagner zu singen ruiniere auf Dauer die Stimme, so kannte auch er nicht das Gegenbeispiel in Gestalt jenes Tenors der Budapester Oper, der – und das gab es vorher und nachher meines Wissens nach nicht – 40 Jahre lang (mit politisch bedingten Unterbrechungen) Wagner sang, und zwar schon sehr bald alle Tenorpartien mit Ausnahme des Rienzi; also vom Erik bis zum Tristan. Und die Stimme, die von einem eigenartigen lyrischen und warmen Timbre beseelt war, hielt. Allerdings waren die damaligen Verhältnisse nicht mit den heutigen zu vergleichen. Er kannte keine Gastspiele im Ausland und sang nur ca. 30-mal pro Saison. So war es ihm möglich, noch mit 69 Jahren den Tristan darzustellen und von der Opernbühne mit 70 Jahren Abschied zu nehmen in den „Meistersingern von Nürnberg“ als Walther von Stolzing.

Über seinem Klavier in seiner Budapester Wohnung in der Ruszti út auf dem Rosenhügel hing ein Porträt, das ihn als Parsifal zeigt, mit einer Widmung, die lautet: „Dem großartigen Parsifal in dankbarer Erinnerung an seine prachtvolle Leistung!“ Sie stammt von keinem Geringeren als von dem nicht gerade lobfreudigen Hans Knappertsbusch. Er bezog sich auf zwei Vorstellungen in Berlin. Bruno Walter hatte ihm einen Vertrag in Berlin angeboten. Dann kam der Krieg und damit das Ende der beginnenden Karriere im Westen und ein Einbruch im Osten. Denn Závodszky lehnte es auf Aufforderung der neuen Machthaber ab, sich von seiner jüdischen Frau scheiden zu lassen. Er fiel in Ungnade. Erst 1946 trat er wieder auf und sang unter János Ferencsik seinen 50. Tannhäuser. Seinen ersten hatte er noch unter Felix von Weingartner gesungen.

Závodszky beherrschte mit seiner stimmlichen Souveränität und seiner glanzvollen Bühnenerscheinung das gesamte Wagner-Repertoire der Budapester Oper, die es ihm zu verdanken hatte, dass sie zum ersten Mal seit ihrem Bestehen diese Werke auch auf Ungarisch aufführen konnte. Denn Závodszky hatte diese Opern alle übersetzt, auch „Aida“ und Mozarts „Entführung aus dem Serail“ und so nebenbei noch über 900 Lieder.

1956 ging Závodszky nach Wien und unterrichtete, kehrte aber zu einigen Aufführungen und Plattenaufnahmen zurück. Es ist schade, dass diese Aufnahmen erst stattfanden, als der Künstler bereits sein 65. Lebensjahr erreicht hatte. Dennoch stellen sie einen unschätzbaren Wert dar, denn sie dokumentieren, dass man Wagner durchaus mit Legato-Kultur singen kann, wie es etwa Závodszkys Zeitgenosse im Westen, Franz Völker, gezeigt hat. Und diese Stimmkultur kam auch seinen zahlreichen Liederabenden zugute, die er in Budapest bis ins Alter von 81 Jahren gegeben hat.

Die zwei Sendungen (Termine siehe unten) bringen bemerkenswerte Ausschnitte aus Lohengrin, Tannhäuser, Siegfried, Götterdämmerung, Tristan, Walküre und Othello sowie Lieder von Schubert, Schumann, Strauss und Béla Bartók.

Unter Richard Strauss sang er in dessen „Die ägyptische Helena“ den Menelaos bei der ungarischen Erstaufführung. Und 1928 war er der erste ungarische Strawinsky-Oedipus gewesen.

Trotz seines enormen Könnens und all seiner Erfolge durch Jahrzehnte hindurch ebenso, kannte er keinen Eigendünkel, kein Stargehabe, sondern es zeichneten ihn besonders seine Güte und sein Humor aus.

Als Ehrenmitglied und Kammersänger der Budapester Oper verstarb er 83-jährig im Jahre 1975. Eine Straße erinnert heute an diesen großen Künstler. Sein Grab auf dem Budapester Farkasréti-Friedhof verfällt.


Radiotipp

Zoltán Závodszky

20. März 2021, 14.00 Uhr (DaCapo 24.03., 20.00 Uhr)
27. März 2021, 15.00 Uhr (DaCapo 29.03., 21.00 Uhr) 

  • Quelle: Magazin Klassik
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  • S. 40-42

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