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  • Oper Frankfurt
  • Saison 2014/2015, Januar-Februar
  • S. 22-23

Essay

Der Klang der Erinnerung

Text: Waldemar Dąbrowski

[Oper Frankfurt]

Zofia Posmysz’ Hörspiel diente als Vorlage für den von Andrzej Munk gedrehten Film (nach dessen Tod von seinen Mitarbeitern zu Ende geführt) und war damit die erste szenische Annäherung an diesen Stoff. Die Passagierin, die 1963 in die Kinos kam, ist für die polnische Filmschule, die damals neben der französischen Nouvelle Vague und dem italienischen Neorealismo die höchsten Standards in der europäischen Filmkunst definierte, symptomatisch. Von so außergewöhnlichen Filmschaffenden wie Andrzej Wajda, Roman Polański, Kazimierz Kutz und Janusz Morgenstern aufgebaut, lagen ihr zwei Phänomene zugrunde: das Phänomen Geschichte und das Phänomen Talent – das war eine Gruppe junger, außergewöhnlich talentierter Menschen, die in der Sprache der Kunst die Geschichte einer Generation erzählten, bei der die Erfahrungen des Krieges tiefe Wunden hinterlassen hatte und die nicht in der Lage war, in der neuen politischen Wirklichkeit, die von ihren Träumen und Wünschen so weit entfernt war, Fuß zu fassen. 

Ein paar Jahre später komponierte Mieczysław Weinberg die Oper Die Passagierin zu dem Libretto, das Alexander Medwedew nach einem bereits damals erschienenen Roman von Zofia Posmysz geschrieben hatte. Die Welturaufführung dieser Oper fand allerdings erst rund ein halbes Jahrhundert später in Österreich bei den Bregenzer Festspielen statt. Im gleichen Jahr zeigten wir diese Produktion in der Nationaloper (Teatr Wielki – Opera Narodowa) in Warschau, anschließend gastierte sie bei unserem Koproduzenten, der English National Opera London. Vor einigen Monaten konnte ich »unsere« Passagierin zutiefst ergriffen in New York betrachten – in einer Produktion der Houston Opera –, und in einer neuen Inszenierung wird sie nunmehr in der Oper Frankfurt gezeigt. Ungemein berührend, auf einem Thema aufbauend, das für viele Völker überaus schmerzhaft ist, weil es die schwärzesten Momente des vergangenen Jahrhunderts in Erinnerung ruft – in ihrem Gehalt und ihrer Musik dennoch wunderschön und in die Zukunft blickend –, wird diese Oper auf ihrem Triumphzug über die Bühnen der Welt zurecht zu den Meisterwerken des 20. Jahrhunderts gezählt und trägt zur großen Renaissance des Œuvres von Mieczysław Weinberg bei. Mir persönlich standen anfangs seine Kammermusiken und seine sinfonischen Werke besonders nahe, insbesondere die VIII. Symphonie »Polnische Blumen«, komponiert zu den Worten des berühmten Gedichtes von Julian Tuwim mit dem gleichnamigen Titel. Doch bereits während unseres ersten Londoner Treffens mit dem damaligen Direktor des Madrider Teatro Real, Gerald Mortier, und dem damaligen Intendanten der Bregenzer Festspiele, David Pountney, der beschlossen hatte, die Passagierin bei den Bregenzer Festspielen und in seiner eigenen Regie zu zeigen, wusste ich mit Bestimmtheit, dass wir uns an dieser Produktion beteiligen würden. Ich glaube daran, dass wir durch die weltweiten Inszenierungen dieser Oper und durch die zahlreichen Aufführungen von Weinbergs Werken einen der hervorragendsten, doch auch zutiefst leidgeprüften Komponisten des letzten Jahrhunderts wieder in Erinnerung rufen können: einen Menschen, der nur durch ein Wunder den Krieg überlebt hat und es dann, zum Leben in einem kommunistischen Land verurteilt, nur der Hilfe seines Freundes Dmitri Schostakowitsch verdankte, dass er nicht Opfer sowjetischen GULAGs wurde. Seine Musik dient uns heute als Beweis dafür, dass auch ein verstorbener Künstler dadurch präsent ist, dass er berührt und die Sensibilität der nachfolgenden Generation inspiriert. Weinberg ist ein Bespiel hierfür, indem er auf ganz natürliche Art und Weise unterschiedliche, voneinander sowohl geografisch als auch zeitlich weit entfernte Kulturkreise einander näherbringt.

Die Passagierin ist wegen der Lebensgeschichte ihrer Autorin eine ganz besondere Oper: Der Inhalt stammt aus der Feder von Zofia Posmysz, einer Grande Dame, einer wunderschönen Frau mit aristokratischer Seele, die durch ihre Persönlichkeit, durch ihr sanftes Lächeln, das so oft ihr Gesicht erhellt, mich immer wieder an die ikonografische Mona Lisa denken lässt. Ungewöhnlich verständnisvoll und sanft erfindet sie sich täglich immer wieder aufs Neue und bewahrt in sich die Fähigkeit zu verzeihen –, entgegen dem Diktat der Geschichte und trotz der tragischen Vergangenheit, die sie erfahren musste und deren Zeuge sie war. Eine großartige Frau, eine außergewöhnliche und zugleich unerhört bescheidene Schriftstellerin, die es verstanden hat, aus dem erlebten Trauma eine Lehre der Güte und Menschlichkeit zu ziehen.

Am 28. Oktober 2014 fand in Warschau eines der bedeutendsten sozialen und kulturellen Ereignisse der letzten Jahrzehnte statt, ein Ereignis von ungewöhnlicher internationaler Bedeutung: die Eröffnung der Dauerausstellung des Museums der Geschichte der polnischen Juden. Das beeindruckende Gebäude des Museums wurde in unmittelbarer Nähe des Denkmals der Helden des Ghettos von Nathan Rapaport errichtet – im Mittelpunkt jenes Stadtteiles, welcher das Warschauer Ghetto einnahm – und damit im Zentrum der jüdischen Hölle: auf einem kleinen Fleckchen Erde, auf dem sich einst die Symbolik des größten Dramas der Menschheitsgeschichte konzentrierte. Die Dauerausstellung, von mehreren hundert Wissenschaftlern aus der ganzen Welt unter Einhaltung der höchsten Standards des zeitgenössischen Museumswesens zusammengestellt, präsentiert eintausend Jahre der Koexistenz des polnischen und des jüdischen Volkes – eine wunderbare Geschichte, die immer wieder von tragischen Ereignissen durchbrochen wurde. Hier wird die Wahrheit gezeigt, ohne jegliche Klischees und Stereotype.

Das Museum der Geschichte der Polnischen Juden ist ein Zeichen der Überlegenheit des Guten über das Böse, einer ewig lebendigen Hoffnung und großer Kraft – es ist das Museum des Lebens. Am Abend vor der Eröffnung des Museums fand in der Nationaloper ein Galakonzert statt, das Werke von polnischen Komponisten jüdischer Abstammung umfasste, welche die Tragödie des Krieges überlebt, die Jahre der Verachtung überdauert und in der Geschichte der Weltkultur eine ungewöhnliche Spur der Verbindung unserer beiden Kulturen hinterlassen haben. Da konnte Mieczysław Weinberg nicht fehlen – seine Phantasie für Cello und Orchester wurde von Marcin Zdunik gespielt, einem Vertreter der jungen Generation polnischer Musiker. Auf diese Weise haben wir die gemeinsame Tradition und Kultur deutlich gemacht und die Botschaft der Hoffnung, der Offenheit und des Glaubens an die Zukunft erfüllt – trotz allem. 

Im Zusammenhang mit der Premiere der Passagierin empfinde ich tiefe Dankbarkeit für Bernd Loebe und danke ihm auch dafür, dass er talentierte junge polnische Sänger, Mitglieder der Opernakademie unseres Theaters, eingeladen hat, ein Konzert am Samstag, dem 28. März 2015 anlässlich dieser Premiere zu gestalten. Dieser Abend, der unter der künstlerischen Leitung von Eytan Pessen, einem der führenden Pädagogen der Akademie, geleitet wird, bietet Gelegenheit, den außergewöhnlichen Reiz der Vokalwerke von Mieczysław Weinberg zu präsentieren. Die Tatsache, dass diese Werke – hier in Frankfurt – von jungen polnischen Sängern dargeboten werden, hat für mich eine ganz besondere Bedeutung, da ich Vertreter einer Generation bin, der das Schicksal zwei Leben beschert hat: eines in einem zur Realität gewordenen Absurdum und eines in den Bedingungen von Demokratie und Marktwirtschaft. Beide sind mit historischen Wendepunkten angereichert und lassen ein ganz spezifisches Wunder wahr werden: ein Wunder, das es uns heute gestattet zu sagen, dass wir in den Deutschen die aufrichtigsten Verbündeten und Freunde in der Europäischen Union haben. Es ist eine schöne Zeit, die wir erleben dürfen. 


Waldemar Dąbrowski, Intendant des Teatr Wielki

Nach seinem ein Studium an der Warschauer Technischen Universität belegte Waldemar Dąbrowski einen Studiengang für Führungskräfte an der Harvard Universität in den USA. Er erhielt Stipendien, u.a. des British Council, des GoetheInstituts und des amerikanischen Außenministeriums. Er war Mitbegründer sowie Manager des Riviera-Remont Club Centre, teilte sich 1982 die Geschäftsführung des Studio Art Centre in Warschau mit Jerzy Grzegorzewski und gründete mit Franciszek Wybrańczyk die Sinfonia Varsovia – ein Orchester, an dem unter anderem Jerzy Maksymiuk und Yehudi Menuhin das Amt des Generalmusikdirektors inne hatten. 1990 wurde Waldemar Dąbrowski für vier Jahre stellvertretender Kultusminister sowie Aufsichtsratspräsident des Komitees für Film. Von 1994–98 war er Präsident der Polnischen Agentur für Auslandsinvestition. 1998 wurde er Intendant des Teatr Wielki, der Nationaloper Polens. Von 2002–05 war er Kultusminister der Republik Polen und Gründer des Polnischen Filminstituts. Waldemar Dąbrowski wurde mit zahlreichen Ehrungen bedacht.

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