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  • Magazin
  • Oper Frankfurt
  • November/Dezember 2009
  • S. 10-11

Quast spielt Offenbach

Jacques Offenbach hat für uns komponiert!

Die Neuentdeckung eines großen Meisters

Text: Michael Quast

[Oper Frankfurt]

Die deutschen Theater tun sich schwer mit Jacques Offenbach, seinem unsentimentalen Witz, seinem subversiven Esprit, seiner Frivolität, seinen wohlkalkulierten musikalischen Tollheiten. Die augenzwinkernde Doppelbödigkeit, die sich in den Libretti, vor allem aber in der flirrenden Musik äußert, ist dem deutschen Publikum suspekt. Die Intendanten lehnen sich in ihren Bürostühlen zurück, blinzeln an die Decke und sagen: »Offenbach ist schwierig.« Dann kommt das Weiße Rössl auf den Spielplan. Dabei sind uns Offenbachs Satiren auf die aufgeheizte Stimmung im Paris des Zweiten Kaiserreichs mit seinem Krokodilkapitalismus heute näher denn je.

Es gibt viel zu entdecken: eine musikalische Dramaturgie in den Finali zum Beispiel, die mit ihrer Mechanik, die zugleich fröhlich und gnadenlos ist, ein gesamtes Operettenensemble zu Besessenen macht. Eine erfrischende Respektlosigkeit gegen jede Form von Autorität, Anarchie und Poesie. Karl Kraus, der sich vehement für Offenbach eingesetzt hat, spricht von »fantasiebelebender Unvernunft«, von »verantwortungsloser Heiterkeit«

Wie können wir uns das rüberholen von 1866 nach 2009? Wichtigste Grundlage für meine Arbeit ist eine neue Übersetzung, die versucht, für den geistvollen Witz des französischen Originals zeitgemäße Entsprechungen zu finden, ohne in plumpes Kabarett zu verfallen. Ein Grund nämlich für die Schwierigkeiten, die Jacques Offenbach auf den deutschen Bühnen hat, ist die Unsitte, seine Stücke mit kabarettistischen Scherzen aufzumotzen. Das geht dann meistens schief. (Ich denke mit Grauen an die Frankfurter Périchole 1998, in der Heinz Schenk mit den allerbilligsten Witzen verheizt wurde. Oder an Jürgen Flimms Gerolstein 2003, bei der der Militärposse unbedingt eine Satire auf den Irakkrieg aufgequetscht werden musste.) 

Offenbach und seine Librettisten Meilhac und Halévy überziehen ihre Stücke mit Gesellschaftskritik wie mit einem Zuckerguss, nichts weniger, aber auch nichts mehr! Die tagesaktuelle Pointe hat durchaus ihren Platz. Die eigentliche Qualität aber liegt unter dem Zuckerguss! Heute, wo sich viele Anspielungen aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht mehr erschließen, verschieben sich die Gewichte. Zum Vorschein kommen großartig gebaute Komödien mit Menschen- und Situationsbeschreibungen, die jetzt, in unserer Gegenwart, verblüffend gültig und bestürzend komisch sind. Es zeigt sich die Arbeit von Theaterprofis, die alle Register ihres Genres ebenso effektvoll wie lustvoll zu bedienen wussten. 

Gibt es innigere, rührendere und zugleich lustigere Liebesszenen als das »Fliegenduett« im Orpheus oder das »Wolkenduett« in Pariser Leben? Wurden Zorn und Resignation einer lebenshungrigen jungen Frau treffender in Töne gesetzt als in der Schönen Helena oder der Großherzogin von Gerolstein? Wurde der Tod je zärtlicher besungen als von Eurydike im Orpheus oder von Boulotte im Blaubart?

Der Kölner Jude Jacques Offenbach mit der Pariser Karriere ist der wahre Antipode zum sächsischen Gesinnungsgermanen Richard Wagner. Wenn uns Wagner wie ein schwerer Wein überwältigt, so werden wir durch Offenbach´schen Vin mousseux stimuliert und erheitert. Es darf und soll mitten in der Arie herzlich gelacht werden. Bei Offenbach ist die bessere Stimmung im Theater und – ganz wichtig! – auf dem Nachhauseweg! Allerdings denkt sich der deutsche Theatergänger am nächsten Morgen: »Ein bisschen unseriös war´s doch.« Und batsch! wird die große und schwierige Kunst des Lachtheaters wieder degradiert zum bloßen Amüsement, das etwas Minderwertiges zu sein scheint. Dabei hat uns Offenbach – für einen Augenblick – zu besseren Menschen gemacht. 

Karl Kraus stellte Offenbach neben Shakespeare. Das ist Weltliteratur: anarchisch-genial zusammengekloppt wie Orpheus in der Unterwelt, perfekt gebaut wie Die schöne Helena, als augenzwinkernde große Oper wie Blaubart, als wohlkalkulierter Reißer wie Die Großherzogin von Gerolstein, zum Bersten vital und melancholisch zugleich wie Pariser Leben.

Es geht um nichts Geringeres als die Neuentdeckung eines großen Meisters intelligenter Unterhaltung.


TEXTVERGLEICH BARBE-BLEUE – RITTER BLAUBART

Finale I, Couplets Blaubart
(Blaubart sieht Boulotte zum ersten Mal und ist begeistert)

Henry Meilhac & Ludovic Halévy, 1866

C´est un Rubens! C´est un Rubens!
Ce qu´on appelle une gaillarde,
une robuste campagnarde,
bien établie, bien établie en tous les sens!
Elle n´a point ces mignardises
qui m´ont fatigué des marquises! – Non!
C´est un Rubens, un fameux Rubens, un fameux Rubens!

lineare Übersetzung, Rainer Dachselt

Das ist ein Rubens!
Das nenn ich mir ein munteres Geschöpf,
ein strammes Mädchen vom Land,
gut gebaut in jeder Hinsicht!
Da gibt es keine von diesen Geziertheiten,
die mich an den Marquisen so langweilen! – Nein!
Das ist ein Rubens, ein glorreicher Rubens!

Lothar Jansen, 1956
(lange der gängige Text, Edition Bote & Bock Berlin-Wiesbaden)

Ein Rubensbild, o seht nur hin!
Was man so nennt ein Teufelsmädel,
ein robuster Bauernschädel,
gut auch gestellt, gut auch gestellt in jedem Sinn.
Ihr eignet nichts von all dem Süßen,
das langweilt mich so bei Marquisen, nein!
Ein Rubensbild, von Kraft erfüllt, ein famoses Bild!

Michael Quast & Rainer Dachselt, 1997

Ist das ein Weib! Was für ein Weib!
Die hat ja wirklich Proportionen,
welche die Bekanntschaft lohnen,
stramm und gesund, stramm und gesund ist dieser Leib!
So eine ist nicht leicht zu kriegen,
nicht wie diese nervenden Partyziegen – nein!
Ist das ein Weib! Herrlich dieser Leib! Mensch, ist das ein Weib!


Quast zu Gast in der Oper Frankfurt

ORPHEUS IN DER UNTERWELT
Dienstag, 1. Dezember 2009

DIE SCHÖNE HELENA
Dienstag, 5. Januar 2010

BLAUBART
Dienstag, 16. Februar 2010

DIE GROSSHERZOGIN VON GEROLSTEIN
Dienstag, 16. März 2010

PARISER LEBEN
Dienstag, 11. Mai 2010

Michael Quast liest, singt, tanzt und spielt die großen Operetten von Jacques Offenbach in neuer Übersetzung von Rainer Dachselt & Michael Quast nach den Libretti von Henri Meilhac und Ludovic Halévy: Ein Wunderwerk im »Spielbetrieb« einer einzigen Stimme!

Musikalische Fassungen und am Klavier:
Rhodri Britton
Theodore Ganger (Blaubart)

  • Quelle: Magazin
  • Oper Frankfurt
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  • S. 10-11

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