Bühnenleben >> Uraufführungen

  • Quelle: Programmheft
  • Staatstheater am Gärtnerplatz
  • »Schuberts Reise nach Atzenbrugg«, Vorpremiere der Uraufführung am 30. April 2021
  • S. 11-12

Von der Herausforderung, eine Oper über einen Komponisten zu schreiben

Johanna Doderer im Gespräch

Interview: Fedora Wesseler

[Staatstheater am Gärtnerplatz]

Wie kam es zu der Oper »Schuberts Reise nach Atzenbrugg«?

Die erste Idee zu der Oper entstand in der Probenphase zu »Liliom« 2016, als der Intendant Josef Köpplinger mich fragte: »Johanna, hättest du Interesse gemeinsam mit Peter Turrini eine Oper zu schreiben?«. Für mich war das sensationell. Peter Turrini ist für mich ein wichtiger Autor, den ich seit vielen Jahren lese – ein fixer Stern am Literaturhimmel. Josef Köpplinger hat die Idee von einer Oper über Schubert an ihn herangetragen, Peter Turrini hat Musik von mir gehört und die Entscheidung fiel dann ganz schnell.

Gerade Schubert als Komponist ist für eine Oper als Thema eher ungewöhnlich. Gleichzeitig ist die Oper auch kein Biopic. Worum geht es eigentlich?

Ja, die Oper »Schuberts Reise nach Atzenbrugg« ist eine Komposition über den Menschen Schubert. Natürlich sind seine Musik und sein Schaffen extrem wichtig, aber es geht hier um die menschlichen Dinge – Schubert als Mensch, als Künstler, wie er gelebt hat – und das gibt viel her. Schubert war eine sehr spannende Persönlichkeit: Er lebte sehr einsam, obwohl er immer mitten im Geschehen war. Er war ein gefeierter Komponist und hatte gleichzeitig mit Krankheit und Armut zu kämpfen. Diese Diskrepanz bietet ein Spannungsfeld, das für eine Oper sehr gut ist. Das hat mich sofort inspiriert.

Als Laie erwartet man bei einer Schubert Oper natürlich auch Musik von Schubert. Ist es schwierig, sich von diesem Über-Ich zu befreien, oder ist der Gedanke an Schubert und dessen Musik hilfreich?

Ich habe mich, schon mein ganzes Leben lang, sehr intensiv mit Schuberts Musik beschäftigt. In der Musikszene wird er viel zitiert, aber da war ich vorsichtig. Ich bin Komponistin und es ist mir sehr wichtig, dass auch meine eigene musikalische Sprache Platz bekommt. Die Musik dieser Oper besteht aus drei Ebenen: Schubert-Zitate, Musik zwischen Schubert und meiner eigenen Komposition, und es gibt ganz klar meine musikalische Sprache. Eine Oper über einen Komponisten zu schreiben, ist eine unglaubliche Herausforderung. Es ist mutig und etwas frech, aber auch eine wunderschöne Arbeit. Ich bin sehr dankbar für diesen Auftrag.

In wie weit muss man als Zuschauer ein Schubert-Kenner sein, um das genießen zu können?

Man muss überhaupt kein Schubert-Kenner sein, um diese Oper genießen zu können. Natürlich bringt es viel, wenn man die Zitate und die Musik erkennt. Aber zum Großteil beinhaltet das Stück meine eigene Musik. Die Geschichte beinhaltet eine unfassbare Dramatik und einen Wendepunkt, an dem einem vor Spannung der Atem genommen wird. Dabei ist es egal, ob man klassisch gebildet oder zum ersten Mal mit Schubert konfrontiert wird, die Musik und die Geschichte trägt das Publikum. Und obwohl da ein wahnsinniger Aufwand, Handwerk und Können dahintersteckt, geht die Musik immer über unser Wissen hinaus hin zur Emotion. In dieser Oper habe ich mich sehr weit hinausgelehnt, das heißt ich habe mich emotional darauf eingelassen und emotionale Musik geschrieben. Emotionalität ist immer angreifbar, aber auch stark und für mich das Einzige, was sich lohnt.

Zu den Emotionen: Man verbindet mit Schubert oft Melancholie, gibt es auch andere Nuancen in der Oper?

Die »Reise nach Atzenbrugg« ist eine Reise einer wirklich fröhlichen, jungen und schönen Gesellschaft. Der Grundton ist heiter: Da wird gefeiert, getanzt, gelacht und gesungen. Das ist – und das macht das Ganze so spannend – wie das Salz in den Süßigkeiten. Das Stück muss ja lustig sein, damit der Ernst klar wird. Es gibt in der Oper die Wegelagerer, die Kriegskrüppel. Die sind immer präsent, ohne eine wirkliche Rolle zu haben. Das eigentlich Interessante ist aber, dass sie Schubert symbolisieren. Dieser ist nämlich, inmitten dieser fröhlichen Reisegesellschaft, zornig auf sich selbst, weil er es nicht schafft, Josepha für sich zu erobern. Da ist er in seiner Stimmung manchmal den Kriegskrüppeln näher, als seinen engsten Freunden, die ihn vergöttern und bejubeln.

Hast du eine Lieblingsstelle in dieser Oper?

Ich habe nur Lieblingsstellen in dieser Oper. Was ich an der Oper aber besonders liebe, ist die Wandlung, die vor allem gegen Schluss passiert. Schubert spricht zwar viel, aber gleichzeitig ist er in der Sprachlosigkeit, seine Gefühle nicht artikulieren zu können, gefangen. Erst am Schluss tut sich – auch musikalisch – eine ganz andere Welt auf, und das ist auch für mich immer wieder überraschend.

Wann ist für dich eine Komposition wirklich abgeschlossen?

Eine Oper ist frühestens nach der Premiere abgeschlossen, während der Proben wird noch viel geändert. Ich möchte, dass sich alle in ihren Rollen wohlfühlen. Das Ausfeilen der Partien und der Musik bis zum Schluss hat Tradition, ist aber im heutigen Opernbetrieb nur noch bei Uraufführungen üblich. Allerdings bin ich auch berüchtigt dafür, dass es bei mir mehrere Fassungen gibt, denn ich glaube, dass es sich lohnt. Dabei entsteht auch ein sehr spannender Dialog mit den Beteiligten. Mein Glück ist, dass ich sehr gut mit dem Dirigenten Michael Brandstätter zusammenarbeite und das Haus und einige Sänger/innen bereits kenne.

Bist du gespannt, wenn du deine Musik das erste Mal mit vollem Orchester hörst? Was ist das für ein Gefühl?

Das Gefühl, wenn ich meine Komposition das erste Mal mit Orchester höre wird sicherlich großartig sein. Ich schreibe die Musik, aber erst die Sänger und Sängerinnen formen sie durch ihre Interpretation der angelegten Rollen zu etwas Eigenem. Auch von der Interpretation des Dirigenten und vom Orchester kommt ganz viel, sodass sich die Komposition mit Leben füllt. In diesen Momenten bin ich wirklich sehr glücklich über meinen tollen Beruf, so hart er auch ist, am Ende ist es unglaublich schön. 

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