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  • Magazin Klassik
  • Radio Klassik Stephansdom
  • #21 | Sommer 2021
  • S. 46-47

Sehet, welch eine Liebe...!

Paulus von Felix Mendelssohn-Bartholdy

Text: Elisabeth Birnbaum

[Radio Klassik Stephansdom]

Das Oratorium „Paulus“ (UA: 1836) ist das erste Oratorium von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Es schildert das Leben des Paulus, wie es in der Apostelgeschichte dargestellt wird. Anders als dort beginnt und endet das Werk in Jerusalem. Am Anfang steht das Martyrium des Stephanus, am Ende (nur angedeutet) das des Paulus. Rom als Endpunkt seines Lebens scheidet damit aus.

Großes Vorbild Mendelssohns waren die Passionen von J.S. Bach. Davon zeugen unter anderem die eingefügten Choräle. Anders als Bach und ähnlich wie Händel in seinem Messias verwendet Mendelssohn aber auch für die Arien reinen Bibeltext.

Ein geglätteter Paulus

Das Paulus-Bild des Oratoriums folgt ganz der Spur der Apostelgeschichte. Paulus-Worte aus den Briefen des Apostels sind dagegen im Libretto höchst selten. Die schärfsten Ecken und Kanten des streitbaren Apostels sind damit schon geglättet. 

Nicht allzu christologisch

Geglättet ist aber auch die komplexe Christologie des Paulus. Abweichend von der Vorlage der Apostelgeschichte verkündet Paulus im Libretto Jesus nicht als Sohn Gottes, sondern einfach als „Christus“. Und dieser Christus ist nur ein Zeichen der umfassenden, liebenden Herrschaft Gottes über diese Welt. Bezeichnend dafür ist der Eingangschor zum zweiten Teil: „Der Erdkreis ist nun des Herrn und seines Christ“ (Offb 11,15). Im Oratorium hört man den ersten Teil wiederholt, den zweiten Teil nur ein einziges Mal.

Sogar die zentralen Themen des Paulus in der Apostelgeschichte fallen weg: Kein Wort vom Kreuz, kein Wort von Auferstehung (!), kein Wort von der Himmelfahrt Christi. Dazu passt, dass die Stimme Jesu im Oratorium nicht von einem Mann gesungen wird, sondern von einem Frauen(!)-Chor. Paulus begegnet also nicht konkret dem Auferstandenen, sondern himmlischen Stimmen.

Gott wohnt nicht im Tempel

Verstärkt wird dafür ein Aspekt, der in der Apostelgeschichte nicht so großes Gewicht hat: die Relativierung jedweden Tempels. Diese Auseinandersetzung erhält im Oratorium den breitesten Raum. Schon in der Rede des Stephanus spielt sie eine Rolle. Im zweiten Teil des Oratoriums wird sie mit Paulus-Worten aus den Briefen entfaltet, die allerdings aus ihrem Kontext genommen sind: In 1 Kor 3 mahnt Paulus seine Gemeinde, heilig zu sein, sich als Tempel Gottes zu verstehen. Im Kontext bedeutet das, sie sollen sich als Ort verstehen, in dem Gott wohnt. Im Oratorium bekommen die Worte eine ganz andere Bedeutung: Hier geht es Paulus darum, Gott von seinem Tempel zu lösen: Alle Menschen sind Tempel Gottes, Gott wohnt aber nicht im Tempel, sondern im Himmel. Er ist liebender Vater aller Menschen.  

Gottesbild

Das Gottesbild des Oratoriums ist also das eines liebenden Schöpfergottes, der keinen jüdischen oder heidnischen Kultort braucht und alle Menschen seine Kinder nennt. Christus ist ein „Heiland“ im engeren Sinn, das heilende Zeichen von Gottes weltumspannender Liebe. Paulus als Bekehrter wünscht und empfiehlt Heiden und Juden die Erkenntnis dieser Frohbotschaft.

Für diese Frohbotschaft ist er bereit zu sterben. Und für diese Frohbotschaft wirbt auch der Lobgesang am Ende von Mendelssohns Werk.
 

Elisabeth Birnbaum ist Direktorin des Österreichischen Katholischen Bibelwerks.  


Radiotipp

Musica Sacra

Felix Mendelssohn-Bartholdy: Paulus op. 36

Melanie Diener, Sopran
Annette Markert, Mezzosopran
James Taylor, Tenor
Matthias Goerne, Bass
Chœurs de la Chapelle Royale et du Collegium Vocale
Orchestre des Champs Élysées
Philippe Herreweghe

Live-Aufnahme, Auditorium Stravinski de Montreux, 1995

Sonntag, 27. Juni 2021, 19.00 Uhr
 

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