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  • Quelle: Magazin Klassik
  • Radio Klassik Stephansdom
  • #21 | Sommer 2021
  • S. 38-39

Vom Arbeiterkind zum Kammersänger

Text: Wolfram Huber

[Radio Klassik Stephansdom]

Schönheit, Wärme, Intensität – dieses Dreigestirn leuchtet über dem Wirken von Rudolf Schock. Und damit eroberte er sich nicht nur ein Millionenpublikum, sondern auch einen ernstzunehmenden Platz in der Schublade der klassischen Musik, die allerdings in unserer Erinnerung ein wenig klemmt. Dem soll die fünfteilige Sendereihe anlässlich seines 35. Todesjahres ein wenig abhelfen, ohne sein weites Spektrum außer Acht zu lassen.

Denn es gab keinen anderen Tenor vorher und nachher, der eine derartige Palette an verschiedenen Genres abdecken konnte. Die Geschichte ist nicht wahr, aber gut erfunden, als ein Agent einen Veranstalter ansprach: „Brauchen Sie einen Operntenor, der auch Operette singen kann und den dafür nötigen Charme versprüht? Der aber auch klassische Liederabende gibt, Volkslieder singen kann, aber auch Salonlieder wie „Granada“? Und der dazu noch ein hervorragender Darsteller ist, sowohl auf der Bühne wie im Film? Dann kommen Sie an Rudolf Schock nicht vorbei!“

Das alles war nicht abzusehen, als der kleine Rudi im Kohlenarbeiterviertel unter bescheidenen Verhältnissen aufwuchs. Anfangs Friseurlehrling und Straßensänger, war die Begeisterung für das Singen auch durch den Krieg und dessen furchtbare Erlebnisse nicht umzubringen.

Genau diese Authentizität, das Singen nicht nur aus voller Kehle, sondern immer auch aus vollem Herzen, trug ihm die Liebe und Verehrung eines Millionenpublikums ein. Auch wenn er von naserümpfenden Besserwissern nicht ganz ernst genommen wurde und auch seine Gesangstechnik unter der Lupe manche Mängel aufzuweisen schien. Aber immerhin wurde er von Wieland Wagner ernst genommen und als Stolzing nach Bayreuth verpflichtet. Dass er zur gleichen Zeit Operettenarien in Frankfurt vor 8.000 Menschen schmetterte, war bemerkenswert, ja, fast typisch, aber auf ein Missverständnis zurückzuführen. Dennoch haftete bei Wagner-Puristen ein Makel an ihm, obwohl er den Stolzing makellos sang. „Triumph für Rudolf Schock in Bayreuth“ – so oder so ähnlich titelte die Presse.

Auch die Salzburger Festspiele riefen mehrmals nach Schock, der in seiner Laufbahn unter fast allen großen Dirigenten gesungen hatte, von Furtwängler über Karajan, Böhm, Ferenc Fricsay bis Solti und Szell und Keilberth, dessen Ausspruch wohl für viele seiner Dirigentenkollegen gilt: „Ich habe Schock 1948 bei der Neueinstudierung des ‚Don Giovanni‘ in der Berliner Staatsoper kennengelernt. Schon bei der ersten Probe ist mir, von seiner besonders schönen Stimme ganz abgesehen, seine enorme Musikalität aufgefallen.“

Mit seinen Liederabenden vollbrachte er Sensationelles in einer Zeit, als es auch einen Dietrich Fischer-Dieskau, einen Hermann Prey, später Fritz Wunderlich und Peter Schreier gab: nämlich ausverkaufte Säle. Und Zugaben, die bis 50 Minuten dauerten. Aber bei ihm gab es kein intellektuelles Durchdringen, kein Suchen nach neuen Facetten, sein Gesang drang mühelos bis in die Herzen der Zuhörer, und so gewann er sowohl dem Liedgesang wie der Oper neue Publikumsschichten. Und immerhin begleitet „Die schöne Müllerin“ von Franz Schubert bei der Aufnahme kein Geringerer als Gerald Moore. Auch der gestrenge Kritiker Karl Löbl äußerte sich über einen Liederabend Schocks sehr positiv. 

Dass er sogar in der Zwölftonoper „Lulu“ von Alban Berg in Wien unter Karl Böhm seinen Mann stand, wissen wohl nur mehr wenige. Dieses und ähnliches Wissen, vereint mit dem Wohlklang von über fünfzig Musikbeispielen, aufzufrischen, ist das Ziel dieser Sendereihe von und mit Wolfram Huber.


Radiotipp

Rudolf Schock

Eine fünfteilige Sendereihe von und mit Wolfram Huber.

Du bist der verkörperte Gesang.
17.07., 14.00 Uhr

Seine Stimme war Mozart, seine Sehnsucht Puccini.
24.07., 14.00 Uhr

Ein Tenor mit animalischer Vitalität.
31.07., 14.00 Uhr

Das Leben ist lebenswert.
07.08., 14.00 Uhr

Du holde Kunst.
14.08., 15.00 Uhr

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  • Radio Klassik Stephansdom
  • #21 | Sommer 2021
  • S. 38-39

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