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  • Fux.Opernfest Vol. 4: Amor und Psyche | Juni 2021
  • S. 16-22

Ad notam

Text: Josef Beheimb

[Styriarte]

Die Kaiserin feiert Namenstag

Ende August 1720 hatte Kaiserin Elisabeth Christine gerade erst ihr 29. Lebensjahr vollendet, da wartete schon der nächste Hofgalatag auf die Gemahlin von Kaiser Karl VI. „Dienstag, den 19. November. Heut war dahier Ihrer Majestät der Regierend-Römischen Kaiserin Namenstag mit prächtigster Haupt-Gala und gewöhnlichen Glückwünschungen begangen worden; und hatten sich vormittags Ihre Majestäten in Dero Kaiserliche Hof-Capellen erhoben und daselbsten dem Gottes-Dienst abgewartet, sodann öffentlich gespeiset. Nachdem aber einer Serenada beygewohnet, folglich des Abends zusammen gespeiset.“ So berichtete das „Wienerische Diarium“ vom großen Tag bei Hofe (hier stark gekürzt wiedergegeben). 

er Tag zerfiel in eine offizielle erste Hälfte und eine mehr pri­vate zweite. Zunächst musste die Kaiserin den Hofgottesdienst zum Fest der Hl. Elisabeth absolvieren, was für die konvertierte Lutheranerin aus Braunschweig eine schwere Bürde war. Danach standen die „Glückwünschungen“ der Kammerherren, Kavaliere und Hofdamen, der Botschafter und zahlloser anderer Offizieller auf dem Programm, bevor man sich zum Mittagsmahl begab, das vor aller Augen eingenommen wurde. Erst danach zog man sich in die „Kammer“ zurück, die kaiserlichen Gemächer, wo nur noch ein erlauchter Kreis von Auserwählten zugelassen war – zu einem typisch habsburgischen „Kammerfest“. Wer die Einladung zu diesem Teil des Tages erhielt, erfreute sich der kaiserlichen Gunst und durfte ein in jeder Hinsicht exklusives Ereignis genießen: die „Serenata di Camera“, die Kammeroper zur Feier des Tages. Sie wurde auf einer eigens errichteten Bühne in einem der größeren Säle der Hofburg aufgeführt, nur zu diesem einen Anlass und nur an diesem einen Tag – das denkbar exklusivste Geschenk des Kaisers an die Kaiserin und eine Huldigung an Ihre Allerhöchste Majestät in Gestalt einer mythologischen Handlung durch Musik. Elisabeth Christine und ihr Gemahl nahmen auf einem Podium in der ersten Reihe Platz, auf breiten Lehnsesseln, als sichtbarer Mittelpunkt des Kammerfestes. Doch sobald die Hofkapelle die Ouvertüre von Johann Joseph Fux anstimmte und sobald die berühmten Hofsänger die Bühne betraten, richteten sich alle Augen nach vorne. Endlich wurden der Kaiserin zwei Stunden Erholung gegönnt vom ständigen Beobachtet-Sein und Repräsentieren-Müssen. Schon allein deshalb dürfte Elisabeth Christine das jährliche Geschenk zu ihrem Namenstag genossen haben.

Fux, der Meister des berückend Entrückten Wie jedes Jahr ließ sich der Steirer Johann Joseph Fux auch anno 1720 die Gelegenheit nicht entgehen, den Namenstag Ihrer Majestät mit einer besonders prächtigen, kunstvollen und einfallsreichen Oper zu schmücken. Die jährliche „Serenata di Camera“ zu schreiben, war das Privileg des kaiserlichen Oberkapellmeisters aus Hirtenfeld bei Sankt Marein. Schon seit 25 Jahren behauptete sich der Steirer in der Phalanx der italienischen Hofkomponisten durch seine originellen Einfälle, seine sanften Melodien und die Kunst seines Kontrapunkts. Auch seine „Psiche“ ist in dieser Hinsicht ein Meisterstück – von der majestätischen Ouvertüre im französischen Stil über die Chöre der Zephire und Amoretten bis hin zu den bewegenden Arien der Protagonisten. Was der Hofbühnenbildner Galli Bibbiena dazu an Bühnenzauber entfaltete, was die Sänger an verschwenderischen Kostümen zur Schau trugen und wie sie in glitzernden Koloraturen und bewegenden Lamenti die Kunst des Barockgesangs zelebrierten – all dies ist im Dunkel der Zeiten verschwunden. Geblieben ist nur die Partitur von Fux als Dokument eines ebenso kostbaren wie einmaligen Opernereignisses, wie es nur ein Kaiser seiner Kaiserin schenken konnte. 

Jeder Versuch, ein solches Werk als übliche „Barockoper“ zum Klingen zu bringen, würde am Kern der Sache vorbeigehen. Bei der „Psiche“ ging es wie bei jeder „Serenata di Camera“ vom Wiener Kaiserhof um die Exklusivität des Zugangs, um die Festlichkeit des Anlasses, um die äußerste Kostbarkeit und Einmaligkeit des Geschenks, das nach diesem Tag in den weiten Archiven des Kaiserhofs abgelegt wurde. Wenn man sich diese Perspektive zu eigen macht, wird man eine solche Fux-Oper nicht mehr an der dramatischen Wucht eines Händel oder den eingängigen Einfällen eines Vivaldi messen, die ihre Opern für zahlendes Publikum komponierten und für einen Stagione-Betrieb. Das Erlesene, das berückend Entrückte ist das eigentliche Wesen der Fux-Opern, ihrer Musik wie ihrer Texte.

„Psiche“ von Fux, Zeno und Caldara Drei Besonderheiten sind es, durch die Fuxens „Psiche“ aus dem jährlichen Ritual der Namenstags-Serenaten herausragt. Da ist zuallererst der Stoff: Die Liebesgeschichte von Amor und Psyche mutet so seltsam und exotisch an, wie es nur ein Märchen aus dem Nordafrika der Antike sein kann. Die Geschichte rührt an uralte Märchentraditionen wie „Die Schöne und das Biest“ oder das „Nie sollst du mich befragen“ des Lohengrin, und sie bringt als Protagonisten eine wunderschöne junge Frau mit dem ebenso schönen Liebesgott zusammen. Das erotische Knistern ist gewissermaßen mit einkomponiert. Da ist zum Zweiten der italienische Text von Apostolo Zeno, dem berühmtesten Operndichter seiner Zeit. Kaiser Karl VI. hatte ihn zwei Jahre zuvor aus Venedig nach Wien gelockt und hütete ihn wie eine Trophäe. Die „Psiche“ hat Kaiser Karl persönlich bei Zeno in Auftrag gegeben, und er war so zufrieden damit, dass er den Autor mit einer ungeheuren Summe beschenkte und verlauten ließ: „Italien hat eine solche Oper nicht zu bieten, weil es keinen Zeno mehr hat.“ Johann Joseph Fux dagegen – und dies ist die dritte Besonderheit des Werkes – konnte seine Partitur nicht in gleicher Weise vollenden: Während der Arbeit an der „Psiche“ wurde der sechzigjährige Komponist von einem so schweren Gichtanfall heimgesucht, dass er das Werk nicht zu Ende schreiben konnte. Für das letzte Drittel der Partitur sprang sein Stellvertreter Antonio Caldara ein, was zu einem reizvollen Gegenüber verschiedener Stile führte. Weil aber der Kaiser das Libretto so sehr liebte und gerne wissen wollte, wie sein Oberkapellmeister diese Geschichte musikalisch zu Ende erzählt hätte, gestattete er zwei Jahre später eine weitere Inszenierung der „Psiche“, nun ausschließlich mit Musik von Fux. Der Komponist durfte seine Fragment gebliebene Partitur 1722 vollenden.

Die Grazer Fassung

Für eine heutige Aufführung bringt diese Entstehungsgeschichte eine reizvolle Alternative mit sich: Soll man die Mischfassung aus Fux und Caldara von 1720 spielen oder lieber die vollständige Oper von Fux aus dem Jahr 1722? Wir haben uns für die erstere Variante entschieden, die Mischfassung aus Fux und Caldara. Dadurch unterscheidet sich unsere „Grazer Fassung“ von der ersten Wiederaufführung der Oper, 1978 bei den Festwochen der Alten Musik in Innsbruck. Damals entschied sich Eduard Melkus für die reine Fux-Version von 1722 mit Barbara Schlick und René Jacobs in den Hauptrollen. In Graz dirigiert Alfredo Bernardini die Version der Uraufführung von 1720, komponiert von Fux und Caldara. Der wiederholte Schlusschor allerdings wird einmal mit Caldaras Musik, einmal mit der von Fux aufgeführt, und zwei Arien von 1722 ersetzen Caldara-Arien von 1720.

Die Wahl der Urfassung hat auch inhaltliche Gründe: Caldara huldigte mit seiner Musik am Ende der Oper der Kaiserin, während Fux seine „Licenza“, also den abschließenden Lobgesang auf die höchsten Herrschaften, zum Lob des Kaisers verfasste. Die Geschichte von der schönen Psyche ist aber eine Oper für eine Herrscherin: das Märchen einer wunderschönen Frau, in die sich sogar der Liebesgott verliebt. Der Librettist Apostolo Zeno ließ am Ende verlauten, die Kaiserin sei so schön, dass es Amor vielleicht bereut haben mochte, seine Psyche allzu schnell geheiratet zu haben. Allein wegen dieser Schmeichelei lohnt es sich, das Ende der Geschichte mit Caldaras Musik zu erzählen.

Bis es endlich so weit ist, dass Amor seine Psyche heiraten kann, sind dramatische Verwicklungen zu bestehen, an denen im Originalstück die beiden bösen Schwestern der Psyche schuld sind. Ihre Rollen wurden in der Uraufführung von zwei Kastraten in Frauenkleidern gesungen und von Fux genüsslich mit Gehässigkeit ausstaffiert. In unserer gestrafften Fassung des Sommers 2021 wurden diese beiden kleinen Rollen gestrichen. 

Die Rollen und ihre ursprünglichen Sänger

In der „Grazer Fassung“ umfasst die Oper „Amor und Psyche“ also fünf handelnde Personen: die Liebesgöttin Venus und ihren Sohn Amor, den Götterboten Merkur und den Göttervater Jupiter und – als einzige Sterbliche – die schöne Psyche. Weil diese Sterbliche aber so schön ist, dass die Menschen ihr Brandopfer darbringen und die Altäre der Venus vernachlässigen, kommt der Stein der Handlung ins Rollen: Venus tobt vor Eifersucht und sinnt auf Rache. Wie sie dies bewerkstelligt, kann man der Handlungszusammenfassung entnehmen. Hier sei stattdessen noch ein Wort über die Sänger der Uraufführung verloren.

Kastraten waren nicht nur die Darsteller der beiden bösen Schwestern, sondern auch die Sänger von Amor und Merkur. Letzterer wurde von Pietro Casati gesungen, einem ebenso brillanten wie eitlen Altkastraten, der anno 1716 in Neapel für einen Skandal gesorgt hatte. Nicht zufällig hatte er in der „Psiche“ den geborenen Intriganten Merkur darzustellen. Dieser hat es vor allem mit der notorisch eifersüchtigen Venus zu tun, die anno 1720 von der Primadonna der Wiener Hofoper gesungen wurde, Maria Conti-Landini. Dass diese Sängerin auf die „seconda donna“ in der Rolle der Psyche tatsächlich neidisch war, ist nicht auszuschließen. In der Rolle des Jupiter bewährte sich wieder einmal der geniale Bassist Christoph Praun. Als einziger Sänger mit einer tiefen Männerstimme ließ er seinen „angenehmen Bariton“ erstrahlen, was ihm „sonderbares Lob“ einbrachte, wie Fux meinte.

Die beiden Hauptrollen wurden von zwei besonders schönen Menschen verkörpert, die noch dazu über wundervolle Stimmen verfügten. Von dem jungen römischen Soprankastraten Dome­nico Genovesi schwärmte Johann Joachim Quantz anno 1723: „Domenico [Genovesi] hatte eine der schönsten Sopranstimmen, die ich jemals gehört habe. Sie war voll, durchdringend und rein intonierend.“ Auch Fux war voll des Lobes für diesen jungen Sopranisten und schlug ihn 1717 mit den folgenden Worten zur Anstellung in Wien vor: „Dieser Supplicant Domenico Genvesi Soprano ist von einer sehr gutten und starcken, anbey auch annehmblichen stim, beynebenss sicher in der music, noch Jung von iahren, also dass er nit allein in der Capellen, sondern auch in Teatro und allen Begebenheiten gutte Dienst leisten wirdt.“ Dass er auch ein schöner Mann war, kann man daran ablesen, dass er in seiner Heimatstadt Rom auf Frauenrollen spezialisiert war – ein zarter, junger und hübscher Amor mit hoher Stimme. 

Dem stand Regina Schweyzer gegenüber, die schöne Österreicherin mit der Goldkehle aus dem Weindorf Perchtoldsdorf bei Wien stammend, aber schon seit 1695 mit dem Hofmaler Anthoni Schoonjans verheiratet. So exzentrisch ihr Mann war, so verlässlich war sie. Für ihre Gesangskunst wurde sie von Berlin bis London gefeiert. Nun durfte sie mit Anfang 40 die junge, strahlend schöne Psyche darstellen – und endlich einmal ihre Kollegin Conti in den Schatten stellen.

Die Musik von Fux und Caldara

Was Fux diesen Sängern auf den Leib schrieb, ist eine Abfolge traumhaft schöner Arien – von den Wutanfällen der Venus über die intriganten Ratschläge Merkurs bis hin zu Amors Liebesarien. Die große Szene der Psyche ist der Mittelpunkt des Werkes und eine der genialsten Eingebungen von Fux. Sie beginnt als düsteres Nachtstück, solange sich die ängstliche Psyche mit der Fackel in der Hand an den schlafenden Amor heranschleicht. Sobald sie ihn erblickt hat, schlägt die Musik um in ein Schlaflied für den bildschönen Geliebten. Hier kommen die erlesenen Klangfarben von Traversflöte und Chalumeau zum Einsatz, ansonsten dominieren im Orchester die Streicher, verstärkt durch Oboen und Fagott. In den Chören vereinigen sich Singstimmen und Instrumente zu Höhepunkten der Partitur, in den schnellen Arien kommt es zu Ausbrüchen der Leidenschaft, und auch an bewegenden Lamenti fehlt es nicht. Es würde zu weit führen, alle Perlen dieser Partitur beschreiben zu wollen oder die so ganz anderen Arien von Antonio Caldara mit ihren venezianischen Pastellfarben. Alfredo Bernardini hat sich sofort in die „Psiche“ verliebt, weil er dort alle Leidenschaften des Barock in genialer Musik ausgedrückt findet.

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