Bühnenleben >> Digitalisierung

  • Quelle: Alles bleibt anders
  • Deutsche Oper am Rhein
  • Rückschaujournal März 2020 - Mai 2021
  • S. 36-39

Neue Bühnen, neue Welten

Über digitale Experimente und Angebote der Deutschen Oper am Rhein

Text: Jens Breder

[Deutsche Oper am Rhein]

„Buongiorno an alle Zuschauerinnen und alle Zuschauer, grazie, dass ihr eingeschaltet habt!“: Links im Bild ein Bücherregal, im Hintergrund ein Wasserboiler, eine Obstschale, eine Espressomaschine. Davor steht Ilaria Lanzino, Spielleiterin an der Deutschen Oper am Rhein und eine gefragte Regisseurin der jungen Generation. Sie lächelt das Publikum vor den Bildschirmen derart fröhlich an, dass man die Sonne über Capri aufgehen sieht.

Wir schreiben Mittwoch, 7. April 2020. Das Corona-Virus hat das Land seit über drei Wochen lahmgelegt, auch Opern, Theater und Konzerthäuser sind geschlossen. Druckerpressen sind gestoppt, Spielzeitvorschau- und Programmhefte eingestampft. Die Webseiten der Häuser melden Vorstellungsabsagen. Die Kulturszene befindet sich in Homeoffice und Schockstarre und sucht nach Auswegen, Ersatzbühnen, Lautsprechern. Und es dauert nicht lang, dann findet sie diese auch – im Netz.

Ich begrüße euch aus meiner Küche, und gemeinsam werden wir heute am Opernitalienisch arbeiten!“ Mit ihrem authentischen Setting und ihrer charismatischen Ansprache ist Ilaria Lanzino voll auf der Höhe der Zeit. Das rund 15-minütige Video ist Auftakt zu ihrer digitalen Reihe „Opernitalienisch“. Überall auf der Welt haben Künstlerinnen und Künstler begonnen, in ihren Wohnungen zu filmen. Vieles bleibt Geschmackssache.Doch was Ilaria Lanzino da produziert hat, mit Smartphone, digitalen Opernaufzeichnungen, Perücke, Toaster und einem Freeware-Schnittprogramm, gehört sicherlich zu den digitalen Perlen, die diese verrückte Zeit hervorgebracht hat. Ihre vier Clips sorgten entsprechend für Furore im Netz: „Genius!“ – „you’re killin‘ me“, „Brava, Ilaria!“, hieß es da, „Fantastisch“, „wunderbar“, „tanti cari saluti!“.  

Im Rückblick erscheint diese Produktion leicht, selbstverständlich und unkompliziert wie so vieles von dem, was wir von unserem bisherigen digitalen Spielplan erinnern. Die Ausstrahlung von „Xerxes“ in der Regie von Stefan Herheim etwa oder Martin Schläpfers „Forellenquintett“. In Zusammenarbeit mit 3SAT/ZDF außerdem Schläpfers „Schwanensee“ und „Ein deutsches Requiem“. Viktor Ullmanns Oper „Der Kaiser von Atlantis“ wurde im Oktober und damit noch gerade rechtzeitig vor dem zweiten Lockdown aufgezeichnet. Die Produktion wurde ebenso über unser Partnerportal OperaVision.eu ausgestrahlt wie die im Lockdown produzierte Oper „Romeo und Julia“ von Boris Blacher und der Tanzfilm „A simple piece“. Außerdem digital und kostenlos fürs Publikum: ein Meisterklassen-Konzert des Opernstudios (s. S.62/63), ein Frühsommerkonzert aus dem Theater Duisburg und „Mozart harmonisch“ mit den Düsseldorfer Symphonikern. Zum Abschied von Martin Schläpfer, dem langjährigen künstlerischen Leiter des Ballett am Rhein, entstand in Ermangelung der Möglichkeit einer großen Abschieds-Gala „b.ye“, eine rund halbstündige digitale Hommage an Schläpfers Jahre in Düsseldorf und Duisburg, inklusive einer Urauf­führung von Remus Şucheană, dazu die digitale Fotoausstellung „Von den Kraftfeldern zwischen Mensch und Körper“ mit Werken von Gert Weigelt.

Na also, geht doch. Künstlerinnen und Künstler, Kameras, Internet, alles da. Wo lag und liegt dann das Problem? Wie das Gros der Theater und Opernhäuser hat auch die Deutsche Oper am Rhein seit März 2020 einen großen Schub im digitalen Transformationsprozess erfahren. Nicht weil sie es so schnell geplant hatte, sondern weil es keine Alternative gab. Das Glück, neue Welten erforschen zu dürfen, entstand aus einer Not heraus und hat vor allem erst einmal: irritiert. Dabei lagen die Probleme zunächst nicht allein beim technischen Equipment und Know-How. Es ging auch um die Frage nach dem Selbstverständnis einer Institution, bei der sich im Kern alles um Live-Erlebnis dreht. Um den Respekt vor dem Digitalen und der Angst, vom Digitalen abgehängt zu werden. Um Lizenz- und Urheberrechtsfragen. Um Komplikationen rund um Formate, Qualifikationen, Kapazitäten, um Budgets. Wollen wir unsere Streams grundsätzlich kostenlos anbieten? Was wollen wir streamen? Wie können wir – abseits der digitalen Aufführungen – Kontakt halten zum Publikum? Welche Kanäle wollen und können wir gleichzeitig bespielen? Was machen wir, wenn es „live“ weitergeht? Müssen wir dann sowohl als auch, und überhaupt, warum eigentlich kann es nicht alles einfach wieder so sein, wie früher?

Gleichzeitig war allen Beteiligten klar: Hier droht nicht nur Ungemach, hier gibt’s eine Riesenchance. Mit der digitalen hat sich uns eine neue Bühne eröffnet, die mannigfaltig multiplizierbar ist, die keine räumlichen Begrenzungen, keine Parkplatzprobleme kennt, und in der, um es frei mit Goethes „Faust“ zu sagen, wahrlich „ein jeder probieren kann, was er mag“.

Entsprechend haben wir ausprobiert. Das Ensemble sang Schlaflieder und Beethovens „Ode an die Freude“ im inzwischen längst gewohnten und abgewohnten Zoom-Kachel-Look. Die Dramaturgie bloggte, das Ballett bot Live-Classes auf Instagram an, die Junge Oper produzierte mit Kindern aus Düsseldorf, Duisburg und Caracas ein Klopapier-Adventure (s. S. 18-21) und Mezzosopranistin Anna Harvey studierte mit einem Publikumschor den „Abendsegen“ aus „Hänsel und Gretel“ ein – im Hochsommer. Wir kamen zu dem Ergebnis, dass in Zeiten, in denen Zeitungen Razzien in „illegalen Friseursalons“ melden, auch uns nichts mehr heilig sein muss, auch nicht Wagner, und schon gar nicht das Format der Talk-Show.

Parallel zur Veröffentlichung unserer Einspielung des „Ring des Nibelungen“ mit den Duisburger Philharmonikern auf den einschlägigen Streaming-Portalen wie Amazon, Spotify und Apple Music starteten Generalmusikdirektor Axel Kober und Spielleiter Dorian Dreher eine zunächst auf vier Teile angelegte Talk-Reihe, in der Kobers Sohn Lukas Zoom-Leitungen zwischen dem Vater am heimischen Flügel, Dorian Dreher vor gefülltem Bücherregal und, je nach Folge, Linda Watson in Wien, Michael Weinius in Berlin und Simon Neal in Großbritannien knüpfte. Ausgestrahlt wurde an den jeweiligen ursprünglichen Vorstellungsterminen des „Rings“: Talken statt jammern! Tausende schauten zu und begeisterte Zuschriften erreichten uns sogar aus Australien.  

Waren die Formate in Lockdown Eins noch davon geprägt, dass das Opernhaus Düsseldorf und das Theater Duisburg komplett für den Produktionsbetrieb geschlossen waren und alles, was wir machten, aus heimischen WLANs heraus gesteuert werden musste, so rückte in Lockdown Zwei, neben den Streaming-Projekten wie „Romeo & Julia", „A simple piece" und verschiedenen Konzertformaten, ein anderes Thema in den Fokus: Wir durften proben und wollten das sichtbar machen. 

Man kann es fast als Ironie des Schicksals bezeichnen, dass nahezu zeitgleich der Startschuss für ein großes Projekt der digitalen Transformation fiel: Gemeinsam mit dem „FFT – Forum Freies Theater“ in Düsseldorf hatten wir uns schon im Jahr „vor Corona“ erfolgreich um eine Förderung der Kulturstiftung des Bundes im „Fonds Digital“ beworben. Das Projekt ist auf vier Jahre angelegt, trägt den Titel „Das digitale Foyer“ und soll digitale Schnittstellen zwischen Theater und Publikum ausloten. Die ersten Ergebnisse liegen schon bald vor: In Zusammenarbeit mit unserem Digitalpartner MIREVI der Hochschule Düsseldorf, werden „Fairies“ (Feen) des Ballett am Rhein virtuell die AR Biennale des NRW-Forums im September bespielen und verzaubern; zudem erlaubt die App „OpAR“ spektakuläre Einblicke hinter die Fassade des Opernhaus Düsseldorf und des Theater Duisburg.

Zugrunde liegen derlei technischen Experimenten die Erfahrungen aus anderen digitalen Vermittlungsprojekten, die wir insbesondere ab Lockdown Zwei intensiviert haben. Denn der war die Stunde der „Making ofs“. Mit diesem Format werfen wir einen digitalen Blick hinter die Kulissen und nehmen unser Publikum mit in die Produktionsprozesse von Oper und Ballett. Mehrteilige Videos sind entstanden zu den Neuproduktionen von Blachers „Romeo und Julia“, Wagners „Tristan und Isolde“ und „Geschlossene Spiele“ im Ballett, zu Diana Syrses „Der Kiosk“ in der Jungen Oper und zu Mozarts „La clemenza di Tito“ – hier verbunden mit einem ausgiebigen Besuch unserer Werkstätten im Produktionszentrum Wanheimerort. Ballett-Compagnie und Ensemble haben darüber hinaus die Gelegenheit genutzt, sich mittels kurzer, knackiger Beiträge auf den Social Media-Kanälen mit ihrem Publikum zu verbinden. Und die Vermittlungsabteilungen von Oper und Ballett haben gemeinsam Kinder und Familien vor den Rechnern tanzen lassen („Kreative Pause“, s. S. 18-21)

Wohin das alles führen wird und welche digitalen Formate sich etablieren werden? Wir wissen es nicht. Doch wir freuen uns darauf, es mit Ihnen zusammen herauszufinden. Als Ergänzung zu dem, was wir, bei aller Lust aufs Digitale, am meisten lieben: Für unser Publikum live zu spielen. Vi aspettiamo! //


Infos und Links zum digitalen Spielplan: www.operamrhein.de

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