Historisches >> Personen

  • Quelle: Magazin Klassik
  • Radio Klassik Stephansdom
  • #22 | Herbst 2021
  • S. 52

Leo Slezak

Text: Markus Vorzellner

[Radio Klassik Stephansdom]

Am 1. Juni dieses Jahres jährte sich der Todestag von Leo Slezak zum 75. Mal. Das Andenken an diesen Künstler kann in mehrfacher Hinsicht durchaus auch als progressiv gelten: Zum einen gestattet uns die Stilistik seiner Interpretation einen Einblick in die potentielle interpretatorische Vielfalt vokaler Musik, wodurch vielleicht ihre heute gemeinhin als „veraltet“ geltende Charakteristik neue Impulse zu geben vermag; zum anderen scheint jener Blickpunkt, von welchem man Leo Slezak heute, wenn überhaupt, noch betrachtet, der Filmkomiker der 30er-Jahre, dem Typus des hehren Bühnendarstellers diametral gegenüberzustehen. Dabei erhebt sich die Frage, ob, bei näherer Betrachtung der überlieferten Slezakschen Schauspielkunst, die beiden Bereiche nicht doch verwandter sind als man glauben mag.

Zum Dritten repräsentiert Leo Slezak den Typus des Künstlers, der sein Leben schriftstellerisch reflektiert. Das wäre an sich nichts Besonderes, nur dass von ihm gleich vier Autobiographien existieren – die letzte von seiner Tochter Margarethe posthum herausgegeben. Dieses Faktum verweist auf die in seinem Fall zerfließenden Grenzen zwischen dem sein Leben Revue passieren lassenden darstellenden Künstler und dem humoristischen Schriftsteller, dessen Biographie die wohltuende Unschärfe zwischen Realität und Fiktion aufweist.

Der Autor ist durch seine Bücher erkenn-, wenngleich schwer erfassbar. Der Leinwandkünstler kann in seinem darstellerischen, aber auch seinem musikalischen Potential bleibenden Eindruck vermitteln, speziell wenn er die für ihn geschriebenen Lieder im Film interpretiert – paradigmatisch sei seine unerreichte Interpretation von Robert Stolz’ „Auf der Heide blüh’n die letzten Rosen“ in Georg Jacobys „Herbstmanöver“ von 1935 genannt.

Der Opern- und Liedsänger dagegen scheint uns heute, speziell aus medientechnischen Gründen, am weitesten entfernt. Schellackplatten, die er zwischen 1901 und 1937 mithilfe unterschiedlicher Aufnahmetechnik besungen hat, legen von seiner Gesangskunst Zeugnis ab. Zahlreiche dieser Aufnahmen wurden in späteren Jahrzehnten digitalisiert, doch eben nicht alle. In meiner Sammlung von Schellackplatten befinden sich einige Slezak-Exemplare, die diesen Weg noch nicht gegangen sind. Es wird darum gehen, einen kleinen Teil davon in einer Sendung zu präsentieren, die ganz dem Leben dieses Ausnahmekünstlers gewidmet sein wird. Die Schwierigkeit der Präsentation wird dabei im Modus des Überspielens liegen: Die „normale“ Abspielgeschwindigkeit von Schellackplatten der späteren Jahre, 78 Umdrehungen pro Minute, ist für die Schallplattenära bis in die mittleren 20er-Jahre, in denen in den Trichter gesungen wurde, zu hoch; eine geringere Zahl von durchschnittlich 73,5 UpM ist notwendig, um die korrekte Tonhöhe der aufgenommenen Musik und damit auch den idealen Stimmklang Leo Slezaks mit seinem kraftvollen Forte oder dem perfekt gemischten Piano-Register wiedergeben zu können. 


Markus Vorzellner: Korrepetitor, Vocal Coach, Publizist, Vortragender – speziell im Bereich der Musik- und Kulturgeschichte. Im Lauf der Jahre Zusammenarbeit u.a. mit Christa Ludwig, Vesselina Kasarova, Walter Berry, Peter Schreier oder Piotr Beczala. Seit früher Jugend: Sammeln von Schellackplatten, speziell von Sängerinnen und Sängern aus der Frühzeit. Erkleckliche Sammlung von Leo-Slezak-Platten.


Radiotipp

Leo Slezak zum 75. Todestag

Eine Sendung von und mit Markus Vorzellner
02.10., 15.00 Uhr (DaCapo 06.10., 21.00 Uhr)

  • Quelle: Magazin Klassik
  • Radio Klassik Stephansdom
  • #22 | Herbst 2021
  • S. 52

PDF-Download

Artikelliste dieser Ausgabe