BÜHNENLEBEN > PRODUKTIONEN

  • Magazin
  • Oper Frankfurt
  • Oktober-Dezember 2021
  • S. 12-13

Premiere Die Nacht vor Weihnachten

Im Einklang?

Text: Maximilian Enderle

[Oper Frankfurt]

Das Verhältnis von Mensch und Natur, von Individuum und Kosmos steht im Mittelpunkt von Nikolai A. Rimski-Korsakows Opernschaffen. Als erklärter Pantheist sah dieser die Natur als ein Abbild des Göttlichen an – und somit als etwas absolut Bewahrenswertes. Mit seiner Haltung stand er quer zu den Entwicklungen seiner Zeit: In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beutete das zaristische Russland rücksichtslos die eigenen Bodenschätze aus, um mit den europäischen Wirtschaftsmächten Schritt zu halten. Eine Gegenwelt zur kapitalistischen Nutzbarmachung der Natur fand der Komponist in der russischen Folklore, worin auch Nikolai W. Gogols Erzählung Die Nacht vor Weihnachten wurzelt.

Fantastische Motive

Gogols satirische Schilderung eines ukrainischen Dorflebens – im Zentrum die Liebesgeschichte von Schmied Wakula und der Bauerntochter Oksana – erweiterte Rimski-Korsakow um mythologische Elemente des heidnischen Volksglaubens: Er lässt beseelte Sterne am Himmel tanzen und die menschlich anmutenden Sonnengottheiten Koljada und Owsen auftreten. Deren Rückkehr verkündet das Ende der dunklen Jahreszeit und steht in enger Wechselwirkung mit dem Geschehen im Dorf. Der Komponist wirft damit die Frage auf, inwieweit menschliches Handeln überhaupt nur vor dem Hintergrund eines planetaren Ganzen gedacht werden kann. Mit seiner Partitur zeigt er zugleich die Sinnhaftigkeit und Schönheit eines Kosmos auf, in dessen biologisch-jahreszeitlichen Rhythmen die Menschen aufgehoben sind.

Gut Ding will Weile haben …

Rimski-Korsakows Weg zur Vertonung des Stoffes war zunächst mit einem langen, selbst auferlegten Warten verbunden: Gogols im 19. Jahrhundert äußerst populäre Erzählungen aus der Sammlung Abende auf dem Weiler bei Dikanka hatten zahlreiche Komponisten zu Opernprojekten angeregt. Nachdem Rimski-Korsakow 1880 daraus bereits Die Mainacht erfolgreich uraufgeführt hatte, hegte er Pläne für die Vertonung der Nacht vor Weihnachten. Aus Rücksicht auf Peter I. Tschaikowski, der das Sujet 1878 in Der Schmied Wakula adaptiert hatte, wartete er mit seiner Arbeit aber bis zum Tod seines Kollegen im Jahr 1893. Und das, obwohl Rimski-Korsakow Tschaikowskis Oper misslungen fand und sich im »moralischen Recht« sah, eine eigene Bearbeitung vorzunehmen. 

Im Jahr 1894 begann er mit seiner Komposition, die er innerhalb kürzester Zeit abschloss. Wie in Mozarts Zauberflöte, die Rimski-Korsakow stets als stilistisches Vorbild diente, treffen darin heterogene musikalische und narrative Ebenen aufeinander: Die Liebesgeschichte zwischen Wakula und Oksana ist von lyrisch-elegischen Passagen und virtuosen Ariosi geprägt. Grotesk komisch klingt dagegen die Szene, in der verschiedene Würdenträger des Dorfes bei der Witwe Solocha um ein Stelldichein bitten. Das Erscheinen von Koljada und Owsen ist einer der eindrücklichsten Momente des Werkes: Nachdem zunächst ein ätherischer Frauenchor die Neugeburt der Sonne bejubelt, antwortet ein Männerchor, begleitet vom vollen Orchester inklusive Kirchenglocken, mit Versen aus der orthodoxen Liturgie.

Zwischen Ost und West

Durch diese Verzahnung von paganen und christlichen Elementen legt Rimski-Korsakow den heidnischen Ursprung des Weihnachtsfests offen, das sich aus den Feierlichkeiten zur Wintersonnenwende entwickelt hatte. Auch musikalisch begibt sich der Komponist in seiner Oper auf die Suche nach verborgenen Traditionen: So greift er wiederholt auf Melodien seiner umfangreichen Volksliedsammlung zurück, wobei die polyphon arrangierten Koljadki-Chöre der Dorfbewohner einen kompositorischen Höhepunkt bilden.

Inspirieren ließ sich Rimski-Korsakow in seinem Werk aber auch von deutschen romantischen Komponisten: So erinnert das genau notierte, hämische Lachen der Dorfjugend an Webers Freischütz, dessen Protagonist Max ähnlich wie Wakula mit dämonischen Mächten paktiert, um eine sozial höher gestellte Geliebte zu gewinnen. Eine Nähe zu Richard Wagner zeigt sich in den cineastischen Orchesterzwischenspielen, etwa wenn Wakulas Ritt durch die nächtlichen Lüfte in ein musikalisches Porträt der hell erleuchteten Hauptstadt übergeht. Rimski-Korsakows eigene Orchestersprache wiederum prägte Anfang des 20. Jahrhunderts Impressionisten wie Claude Debussy und Maurice Ravel. In Die Nacht vor Weihnachten zeigt sich ihre Qualität insbesondere bei der Darstellung der Sterne, deren schillerndes Leuchten gleich zu Beginn der Ouvertüre hörbar wird und die Keimzelle für zahlreiche Leitmotive der Oper bildet. 

Machtkämpfe

Viel Zeit, die Sterne zu beobachten, hatte Rimski-Korsakow während einer dreijährigen Weltumsegelung an Bord des Militärschiffs »Almas« (1862–65). Das sadistische Gebaren der zaristischen Kapitäne verstärkte seine kritische Einstellung gegenüber der staatlichen Obrigkeit, mit welcher er auch im Vorfeld der Uraufführung 1895 in Konflikt geriet: Den Romanows missfiel die Darstellung der Zarin, die sich in der Oper offensichtlich völlig von ihrem Volk entfremdet hat. Der Zarenfamilie war dabei wohl auch nicht entgangen, dass das Finale nicht der Herrscherin, sondern dem Dichter Gogol gewidmet ist. Um mögliche Ähnlichkeiten mit Katharina II. zu vermeiden, musste schließlich ein männlicher Darsteller die Rolle der Zarin übernehmen. Die Premiere verkam zur unfreiwilligen Travestie und das Werk konnte sich folglich nicht auf den Spielplänen etablieren.

Rimski-Korsakows Opernrarität kommt nun erstmals in Frankfurt auf die Bühne, wobei in den Hauptrollen mit Georgy Vasiliev (Wakula), Julia Muzychenko (Oksana) und Enkelejda Shkoza (Solocha) drei international renommierte Solist*innen zu erleben sind. Ans Regiepult kehrt Christof Loy zurück, der hier zuletzt einen Abend mit Tschaikowski-Liedern entwickelte und bei dieser Produktion seine langjährige Zusammenarbeit mit Generalmusikdirektor Sebastian Weigle fortsetzt. 


DIE NACHT VOR WEIHNACHTEN
Nikolai A. Rimski-Korsakow 1844–1908

Oper in vier Akten / Text vom Komponisten nach Nikolai W. Gogol / Uraufführung 1895, Mariinski Theater, St. Petersburg / In russischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

FRANKFURTER ERSTAUFFÜHRUNG Sonntag, 5. Dezember
VORSTELLUNGEN 9., 17., 19., 23., 25. Dezember / 2., 8. Januar

MUSIKALISCHE LEITUNG Sebastian Weigle INSZENIERUNG Christof Loy BÜHNENBILD Johannes Leiacker KOSTÜME Ursula Renzenbrink LICHT Olaf Winter CHOREOGRAFIE Klevis Elmazaj FLUGCHOREOGRAFIE Ran Arthur Braun CHOR Tilman Michael DRAMATURGIE Maximilian Enderle

WAKULA Georgy Vasiliev OKSANA Julia Muzychenko SOLOCHA Enkelejda Shkoza TSCHUB Alexey Tikhomirov TEUFEL Andrei Popov PANAS Anthony Robin Schneider DER BÜRGERMEISTER Sebastian Geyer DER KÜSTER OSSIP Peter Marsh DIE ZARIN Bianca Andrew PAZJUK Thomas Faulkner FRAU MIT VIOLETTER NASE Enkelejda Shkoza FRAU MIT GEWÖHNLICHER NASE Barbara Zechmeister

  • Quelle: Magazin
  • Oper Frankfurt
  • Oktober-Dezember 2021
  • S. 12-13

PDF-Download

Artikelliste dieser Ausgabe