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  • Magazin Klassik
  • Radio Klassik Stephansdom
  • #22 | Winter 2021
  • S. 56-57

Marian Anderson

Die erste „Woman of Color“ an der Metropolitan Opera. Zum 125. Geburtstag einer Jahrhundertstimme

Text: Markus Vorzellner

[Radio Klassik Stephansdom]

Allzu selten war es bis dato zu beobachten, dass eine große Künstlerpersönlichkeit zu einer Galionsfigur einer weltumspannenden Bewegung avanciert, wenn ihr Künstlertum keineswegs als Accessoire auftritt, sondern die Trägersubstanz verkörpert, die jene außermusikalische Botschaft zu verstärken vermag. Um eine solche Persönlichkeit handelt es sich bei der vor 125 Jahren, am 27. Februar 1897 in Philadelphia, geborenen Contra-Altistin Marian Anderson. Ihr Gesang war ebenso einzigartig wie stilprägend, ihr Repertoire ebenso penibel zusammengestellt wie breitgefächert, ihre Botschaft in ihrer Vielschichtigkeit eindeutig. Ihr größtes Verdienst liegt wahrscheinlich darin begründet, mit ihrer Interpretationskunst den eigentlich überflüssigen Beweis erbracht zu haben, dass musikalischer Ausdruckswille jedwede atavistische Rassentheorie ad absurdum zu führen vermag. Bis zu einer, wenngleich bis heute lückenhaft gebliebenen Akzeptanz dieses Verdienstes, war der Weg der Marian Anderson ein steiler und dorniger. Als Bruno Walter sie 1936 eingeladen hatte, als Solistin der Brahmsschen Alt-Rhapsodie op. 53 bei einem Konzert der Wiener Symphoniker im Wiener Musikverein mitzuwirken, wurde er mit Morddrohungen konfrontiert. Drei Jahre später sollte die arrivierte Sängerin in der Washingtoner Constitution Hall auftreten, doch die „Daughters of American Revolution“ wussten das zu verhindern. Nichtsdestotrotz fand das Konzert statt, und zwar auf der Plattform des Lincoln-Memorials, wo die Anderson ein 75.000 Köpfe starkes Publikum erreichen konnte. „I had such a feeling that I had never had before“, meinte die Sängerin in späteren Jahren zu ihrem Jahrhundert-Auftritt. Einen weiteren Höhepunkt ihrer künstlerischen Karriere, der gleichzeitig einen Meilenstein in der Geschichte der Überwindung der Apartheid verkörpert, erlebte sie am 7. Jänner 1955: An diesem Tag debütierte sie als erste Farbige an der New Yorker Metropolitan Opera in der Partie der Ulrica in Verdis „Un ballo in maschera“. Jean Sibelius komponierte für sie, und Arturo Toscanini meinte, nach ihrem Salzburger Debutkonzert außerhalb des Rahmens der Festspiele, dass man eine solche Stimme nur alle hundert Jahre erleben könne. Folgt man Andersons Interpretation von Schuberts „Der Tod und das Mädchen“, wo dieselbe Ausdruckstiefe zu erleben ist wie bei ihrem „Deep River“, so kann man nur schwer umhin, Toscaninis Diktum zu unterstreichen. Wenn man schließlich in das Englisch gesungene, nahezu unerreichte „Es ist vollbracht“ aus Bachs Johannespassion eintaucht, gibt es kein Entkommen mehr.

Auch für dieses Radio-Portrait werden, analog zu den Vorbereitungen für die Leo-Slezak-Sendung, Original-Schellackplatten aus meiner Privatsammlung vorgestellt. Gemeinsam mit bereits digitalisierten Aufnahmen soll versucht werden, einen wenngleich lückenhaften Querschnitt durch das Schaffen dieser großen amerikanischen Sängerin zu präsentieren, die in künstlerischer wie politischer Hinsicht Wegmarken setzen konnte, die für nachfolgende Generationen von maßgeblicher Bedeutung waren und sind. Am 8. April 1993 ist Marian Anderson in Portland/Oregon im Alter von 96 Jahren verstorben.


Radiotipp
Marian Anderson

27.02., 15.00 Uhr (DaCapo 04.03., 21.00 Uhr) 

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