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  • Magazin
  • Oper Frankfurt
  • Januar/Februar 2022
  • S. 26-27

Gemeinsam neue Wege gehen

Ein Porträt des designierten Generalmusikdirektors Thomas Guggeis

Text: Konrad Kuhn

[Oper Frankfurt]

Mit Beginn der Spielzeit 2023/24 endet nach fünfzehn Jahren die Amtszeit von Sebastian Weigle als Generalmusikdirektor der Oper Frankfurt und Leiter der Museumskonzerte. Seine Nachfolge tritt Thomas Guggeis an – und damit die Nachfolge von Persönlichkeiten wie Clemens Krauss, Sir Georg Solti, Christoph von Dohnányi und Michael Gielen. »Ich bin mir der Verantwortung sehr bewusst«, sagt der junge Dirigent; bei Amtsantritt wird er 30 Jahre alt sein. Wer ist »der Neue«?

Schon früh war für den aus Bayern stammenden Musiker klar, dass eine Solo-Karriere als Pianist ihn nicht lockte. »Mich interessierte mehr die musikalische Struktur als die rein technisch-pianistische Seite.« Das gemeinsame Musizieren steht für ihn im Mittelpunkt, sei es in der Oper, im sinfonischen Repertoire oder als Pianist bei Kammermusik und Liedrecital – gerne auch mit den Musiker*innen und Sänger*innen der Oper Frankfurt. Gerade die Verbindungen der Konzert- und Kammermusikprogramme zum Opernspielplan schätzt er sehr: »Es bereichert, wenn man einen Komponisten von verschiedenen Seiten kennenlernt. Man kann diese Erfahrung als Funken ins Orchester hineintragen, wenn man dann eine Oper desselben Komponisten aufführt.«

Am meisten fasziniert ihn aber die Oper: »Es begeistert mich, für diese sehr herausfordernde Gattung die bestmöglichen Bedingungen zu schaffen, um Aufführungen auf höchstem Niveau zu ermöglichen.« Sein Dirigierstudium absolvierte Thomas Guggeis in München und Mailand. Die Arbeit an einem Opernhaus hat er von der Pike auf gelernt: Als Solo-Repetitor noch während des Studiums sowie als Assistent von Franz Welser-Möst bei den Salzburger Festspielen, später dann an der Staatsoper Unter den Linden in Berlin. Dort wurde er musikalischer Assistent von Daniel Barenboim, den er als seinen Mentor betrachtet. Schon bald dirigierte Guggeis Orchesterproben und dann eine Reihe von Opernaufführungen. Von Berlin ging er als Kapellmeister an die Staatsoper Stuttgart und »dirigierte sich durchs Repertoire«, wie man so sagt: von Rossini und Weber über Puccini bis zu Hans Werner Henze – »alles ohne Probe; dabei lernt man viel!« Auch in Stuttgart arbeitete er dem dortigen GMD Cornelius Meister in vielfältiger Weise zu: »Cornelius nimmt das Amt des musikalischen Gesamtverantwortlichen sehr ernst. Von daher fühle ich mich gerüstet, diese Aufgabe nun in Frankfurt – einem der europaweit führenden Häuser – zu übernehmen.«

Seine große Stunde kam im März 2018: Bei der Neuproduktion von Strauss’ Salome an der Berliner Staatsoper fielen nacheinander Zubin Mehta und Christoph von Dohnányi aus. Innerhalb kürzester Zeit »rettete« Thomas Guggeis glanzvoll die Premiere. Von da an war sein Name in aller Munde. Es dauerte keine zwei Jahre, bis er nach Berlin zurückberufen wurde: Seit Beginn der aktuellen Spielzeit ist er Berliner Staatskapellmeister. Er hat schon eine ganze Reihe renommierter Orchester dirigiert: u.a. das Orchestre de Paris, die Staatskapelle Dresden, das Orchestre National du Capitole de Toulouse und das Orchestra Sinfonica di Milano La Verdi. Für 2021/22 steht sein Debüt an der Wiener Staatsoper (Die tote Stadt und Salome) sowie an der Semperoper Dresden (Die tote Stadt) an. Bereits im Oktober kehrte er für Peter Grimes an das Theater an der Wien zurück, wo er zuvor Webers Oberon dirigierte.

In Frankfurt gab er sein Debüt während des Lockdowns mit einem gestreamten Mozart-Requiem. »Bei Mozart muss man sofort Farbe bekennen: Wie halten wir es mit der Artikulation, der Phrasierung? Mozart ist die Grundlage gemeinsamen Musizierens.« Trotz erschwerter Bedingungen kam eine eindrückliche Aufführung zustande, die nach wie vor online unter OPER FRANKFURT ZUHAUSE abrufbar ist. Die ursprünglich geplante Wiederaufnahme der Salome-Inszenierung von Barrie Kosky im letzten Frühjahr musste ausfallen, stattdessen kam es am Ende der Corona-Spielzeit 2020/21 zu einer halbszenischen Ariadne auf Naxos – auch diese noch unter besonderen Bedingungen: das Orchester auf der Bühne mit großen Abständen, die Sänger*innen davor. 

In großer Besetzung konnte Thomas Guggeis dann beim ersten Museumskonzert dieser Spielzeit mit unserem Orchester zusammenarbeiten. Das Thema war die »Neue Welt«: Am Anfang stand Charles Ives’ eigenwillige Komposition Central Park in the Dark – solche Stücke mit den großen Meisterwerken zu kombinieren, das liegt ihm besonders am Herzen. Neben dem Violinkonzert von Samuel Barber stand dann Antonín Dvořáks Neunte Sinfonie im Zentrum, die den Beinamen »Aus der neuen Welt« trägt. Thomas Guggeis schwärmt von der Probenarbeit: »Das Stück ist bekannt, man hätte das nach der ersten Probe spielen können. Wir haben es dann aber gemeinsam auseinandergenommen, vieles ausprobiert, auch Gewagtes; das Orchester ist immer mitgegangen! Es ging wirklich bei jeder Phrase darum: Was wollen wir ausdrücken?«

Die Frankfurter Rundschau schwärmte von der »immensen Spannkraft« seiner Interpretation: »Die Elastizität des Augenblicks, das einleuchtende Sich-Einlassen auf jede Passage – wie bei einer Entdeckungstour – machte offen etwa auch für die ungewöhnlich gelängten Pausen, mit denen Guggeis im Largo frappierte. Nicht nur, weil er auch ein tanzender Dirigent ist, hatte der Vortrag insgesamt etwas Szenisches.« In einer weiteren Kritik stand zu lesen, was viele im Publikum gedacht haben werden: Diesen Dirigenten würde man gern öfter in Frankfurt erleben, auch im Opernhaus. Ein Wunsch, der sich ab Herbst 2023 erfüllen wird.

WIR FREUEN UNS AUF UNSEREN NEUEN GENERALMUSIKDIREKTOR THOMAS GUGGEIS!

 

VIDEO-TIPP
OPER FRANKFURT ZUHAUSE

Erleben Sie Mozarts Requiem noch einmal und hören Sie, was Thomas Guggeis über das Werk erzählt. Auf dem YouTube-Kanal der Oper Frankfurt finden Sie einen Talk mit dem neuen GMD: www.youtube.com/operfrankfurt

  • Quelle: Magazin
  • Oper Frankfurt
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  • S. 26-27

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