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  • Magazin
  • Oper Frankfurt
  • März/April 2022
  • S. 6-7

Im Teufelskreis

Text: Maximilian Enderle

[Oper Frankfurt]

Umberto Giordanos Verismo-Thriller zeigt eine Titelfigur, die sich in atemberaubendem Tempo zwischen verschiedenen Extremen bewegt: Fürstin Fedora ist eine Rächerin, die an ihrem eigenen Kalkül zugrunde geht, und zugleich eine impulsiv Begehrende, deren Emotionen sie blind für die Wirklichkeit machen. Ihr Handeln ist bestimmt von der Liebe zu zwei Männern: Zunächst fiebert sie der Hochzeit mit dem leichtlebigen russischen Grafen Wladimiro entgegen – nicht wissend, dass dieser sie hintergeht. Doch Wladimiro wird erschossen. Fedora spürt seinen Mörder Loris Ipanow in Paris auf, und die beiden verlieben sich ineinander. Mit der Erkenntnis, dass Loris in Notwehr gehandelt hat und somit unschuldig am Tod des Grafen ist, gibt Fedora ihre Zurückhaltung auf: Die beiden wagen einen gemeinsamen Neubeginn. Doch ihre Vergangenheit holt sie ein …

Lebendige Klangwelten

Der 1867 geborene Umberto Giordano gehörte zu den Vertretern der »Jungen italienischen Schule«, die zwischen 1890 und 1910 das Opernleben Italiens prägten. Bereits in seiner ersten Oper Mala vita aus dem Jahr 1892, angesiedelt im neapolitanischen Rotlichtmilieu, hatte er seine Fähigkeit bewiesen, Menschen in seelischen und sozialen Ausnahmesituationen zu porträtieren. Giordanos bis heute größter Erfolg ist die zur Zeit der französischen Revolution situierte Oper Andrea Chénier von 1896 – ein dramatisches Werk, dessen Melodik sich am Belcanto orientiert. In der darauffolgenden Fedora erreichte er durch seine neuartige Instrumentationstechnik eine noch differenziertere Figurenzeichnung und Milieuschilderung. Den französischen Musikkritiker Alfred Bruneau veranlasste dies im Jahr 1905, Giordano sogar über den damals bereits erfolgreicheren Giacomo Puccini zu stellen: »Wenn auch Puccini, den ich sehr schätze, die weiche Anmut, den pittoresken Zauber besitzt, so ist Giordano die größere tragische Kraft, orchestrale Energie und Ausdrucksstärke eigen.«

Giordanos Partitur von Fedora wechselt mitunter in Sekundenschnelle ihren Charakter: Auf ergreifende Kantilenen folgen spannungsgeladene Sequenzen, die an frühe Filmmusik erinnern. Pointiert kontrastiert er die tragisch-emotionale Sphäre von Fedora und Loris mit der walzertrunkenen Welt von Loris’ Cousine Anja, einer blasierten Salondame. Doch selbst in einer vom Diplomaten De Siriex zur Belustigung der Pariser Festgesellschaft vorgetragenen Arie verbirgt sich ein Schlüssel zum Verständnis von Fedoras Janusköpfigkeit: Die »russische Frau« charakterisiert De Siriex halb scherzhaft als »Engel und Schlange«, die gleichermaßen zu »zärtlichster Liebe« und »tiefem Hass« fähig ist.

Schicksalhafte Entscheidungen

Für Fedora bearbeiteten Giordano und der Librettist Arturo Colautti das gleichnamige Theaterstück des französischen Autors Victorien Sardou. Dieser greift darin den in Russland schwelenden Konflikt zwischen Nihilisten und Zaristen auf, was zum Zeitpunkt der Uraufführung seines Dramas 1882 ein Thema von politischer Brisanz war. In Giordanos Fedora bildet der zeitgeschichtliche Kontext, anders als noch in seiner Revolutionsoper Andrea Chénier, aber primär den Rahmen für die tragische Liebesgeschichte um Fedora und Loris.

Deren schicksalhafte Verwicklungen schildert der Komponist mit musikdramatischem und psychologischem Feingefühl: Im zweiten Akt gesteht Loris gegenüber Fedora, ihren Verlobten erschossen zu haben. Musikalisch begleitet wird diese intime Unterredung lediglich von dem Klavierkonzert eines polnischen Virtuosen, das im Nebenzimmer stattfindet. Vom Lärm der begeisterten Festgesellschaft gestört, will Loris die genauen Umstände am Mord des Grafen erst zu einem späteren Zeitpunkt eröffnen – ein Aufschub mit weitreichenden Folgen: Da Fedora noch nicht weiß, dass Loris den Grafen in Notwehr getötet hat und sie selbst von ihrem potenziellen Ehemann betrogen wurde, führt sie ihre Rachemission fort: Sie unterdrückt die aufkommenden Liebesgefühle für Loris und schwärzt ihn bei der russischen Staatspolizei an. In mechanischem Tonfall gibt Fedora dem Kommissar Gretch Anweisungen, die später den Tod von Loris’ Bruder und Mutter nach sich ziehen.

Flüchtige Idylle

Als Loris im letzten Akt von diesem Verlust erfährt, zerbricht das Idyll, welches Fedora und er sich zwischenzeitlich in den Schweizer Alpen geschaffen haben. Giordano zeichnet dieses als surreal schönes Klangmosaik mit Hörnern, folkloristischen Chören sowie dem akkordeonbegleiteten Lied eines Knaben. Doch schließlich beginnt ein unerbittlicher Kreislauf aus Rache und Nicht-Verzeihen, aus dem sich Fedora nur durch Suizid befreien kann.

Flüchtige Idylle Als Loris im letzten Akt von diesem Verlust erfährt, zerbricht das Idyll, welches Fedora und er sich zwischenzeitlich in den Schweizer Alpen geschaffen haben. Giordano zeichnet dieses als surreal schönes Klangmosaik mit Hörnern, folkloristischen Chören sowie dem akkordeonbegleiteten Lied eines Knaben. Doch schließlich beginnt ein unerbittlicher Kreislauf aus Rache und Nicht-Verzeihen, aus dem sich Fedora nur durch Suizid befreien kann.


FEDORA
Umberto Giordano (1867–1948)

Melodramma in drei Akten / Uraufführung 1889, Teatro Lirico, Mailand
Text von Arturo Colautti nach Victorien Sardou / In italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

FRANKFURTER ERSTAUFFÜHRUNG Sonntag, 3. April
VORSTELLUNGEN 8., 10., 16., 18., 21., 23., 28. April / 6., 14. Mai

MUSIKALISCHE LEITUNG Lorenzo Passerini INSZENIERUNG Christof Loy SZENISCHE EINSTUDIERUNG Anna Tomson BÜHNENBILD, KOSTÜME Herbert Murauer LICHT Olaf Winter VIDEODESIGN Velourfilm AB CHOR Tilman Michael DRAMATURGIE Thomas Jonigk

FEDORA Nadja Stefanoff / Asmik Grigorian (6., 14.5.) LORIS IPANOW Jonathan Tetelman / Giorgio Berrugi (28.4. / 6., 14.5.) DE SIRIEX Nicholas Brownlee OLGA SUKAREW Bianca Tognocchi GRETCH Frederic Jost DIMITRI Bianca Andrew DESIRÉ Peter Marsh ROUVEL Michael McCown CIRILLO Thomas Faulkner / Anthony Robin Schneider BOROW Gabriel Rollinson° LOREK Pilgoo Kang°

° Mitglied des Opernstudios

Übernahme einer Produktion der Königlichen Oper Stockholm, Premiere 10. Dezember 2016

ZUGABE
OPER EXTRA zur Premiere Fedora
TERMIN 20. März, 11 Uhr, Holzfoyer
Mit freundlicher Unterstützung des Frankfurter Patronatsvereins

KONZERT KAMMERMUSIK IM FOYER zur Premiere Fedora
WERKE VON Giordano, Verdi, Puccini und Rossini
TERMIN 10. April, 11 Uhr, Holzfoyer
VIOLINE Ingo de Haas, Regine Schmitt VIOLA Thomas Rössel VIOLONCELLO Mikhail Nemtsov FAGOTT Lola Descours
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  • Oper Frankfurt
  • März/April 2022
  • S. 6-7

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