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  • Magazin
  • Oper Frankfurt
  • März/April 2022
  • S. 22-23

Das Geheimnis einer wunderbaren Zusammenarbeit

Álvaro Corral Matute leitet seit Beginn der Spielzeit 2021/22 den Kinderchor der Oper Frankfurt und arbeitet zugleich als Assistent des Chordirektors Tilman Michael [...]

Interview: Deborah Einspieler

[Oper Frankfurt]

[...] Seine musikalische Laufbahn begann in Spanien – ebenfalls in einem Kinderchor.
 

Als Kinderchorleiter kennst du dich mit Stimmen bestens aus. Worin unterscheiden sich ungeschulte Kinder- von studierten Profistimmen?

ÁLVARO CORRAL MATUTE Die ungeschulten Kinderstimmen unterscheiden sich vor allem in ihrer Atmung von den Profis. Viele Kinder können singen und die richtigen Töne treffen, haben aber manchmal nicht genug Luft, um eine ganze Phrase durchzusingen. Mit unserer Unterstützung lernen sie, an der richtigen Atmung zu arbeiten. Und wie bei jedem Training braucht es Geduld und Wiederholung, bis man etwas beherrscht.

Wieviel Arbeit ist nötig, bis ein Kind optimal vorbereitet auf die Bühne kann?

ÁLVARO CORRAL MATUTE Das hängt ganz von der jeweiligen Produktion ab. Bei Königskinder haben die Kinder recht rasch gelernt. Wir haben sie mit Tracks versorgt, die sie sich mehrmals pro Woche angehört und geübt haben. Sie müssen dabei nicht nur die Töne, sondern natürlich auch den Text auswendig lernen, damit sie später auf der Bühne frei agieren können.

Der Kinderchor hat in Carmen auf Französisch, in Król Roger auf Polnisch, in Il trittico auf Italienisch und in A Midsummer Night’s Dream auf Englisch zu singen – viele Sprachen, die die Kinder teilweise selbst gar nicht sprechen. Ist das schwer?

ÁLVARO CORRAL MATUTE Wahrscheinlich ist das für Erwachsene schwerer als für Kinder, weil diese relativ flexibel im Umgang mit ihren Aufgaben sind. Es ist toll, dass Kinder einfach erstmal spielerisch nachmachen, was sie hören, und dann phonetisch lernen, während genau das manchen Erwachsenen schwer fällt. Wenn wir gründlich an den musikalischen Feinheiten arbeiten und diese wiederholen, bleibt aber in der Regel noch genug Zeit, um an der Aussprache zu feilen. Es macht großen Spaß, zu sehen, wie sich die Kinder und Jugendlichen von Probe zu Probe weiterentwickeln und verbessern. Szymanowskis Król Roger wird aber dennoch eine große Herausforderung für uns: Wir werden dafür sicherlich Hilfe von Muttersprachler*innen brauchen, damit auch auf Polnisch sprachlich alles richtig klingt.

Was sind die größten Herausforderungen, denen sich singende Kinder stellen? Was lernen sie bei uns?

ÁLVARO CORRAL MATUTE Kinder müssen wie Profis gleichzeitig singen und spielen. Unsere Kunst heißt Musiktheater, d.h. auch Kinder müssen wie die Profisänger*innen Musik, Text und manchmal sogar Tanz miteinander verbinden. Das ist zwar anspruchsvoll, macht aber enormen Spaß, wenn es gelingt. Ich sehe eine Besetzung bzw. Kindergruppe einmal pro Woche. Je nach Produktion kann es sein, dass ich mit den Kindern und Jugendlichen in einem Abstand von zwei Wochen arbeite. Mit den musikalischen Proben für Brittens A Midsummer Night’s Dream haben wir Mitte Dezember begonnen, weil der Kinderchor nicht wenig zu singen hat und alles wie im Schlaf auswendig beherrschen sollte. Die szenischen Proben starten Mitte April; bis dahin müssen die Kinder musikalisch studiert sein, damit sie dann bis zur Premiere am 11. Mai optimal vorbereitet sind.

Wie genau läuft eine Kinderchorprobe ab?

ÁLVARO CORRAL MATUTE Normalerweise wärmen wir uns mit Bewegungsübungen auf, denn es ist wichtig, dass die Kinder auch körperlich wach sind. Das braucht ungefähr fünf Minuten, und im Anschluss findet das Einsingen statt. Wir proben in der Regel zwei Stunden und machen zwischendurch eine kurze Pause. Die Proben laufen bei Kindern und Erwachsenen ähnlich ab, der einzige Unterschied ist vielleicht, dass wir mit Kindern und Jugendlichen nicht wie mit erwachsenen Profis anhand einer Liste mit Kritikpunkten korrigieren können. Das wäre eine Überforderung und wir müssen da anders herangehen. Man kann sich das wie eine Torte mit mehreren Böden vorstellen: Zunächst üben wir im untersten Biskuitboden ein Legato und lassen die Kinder singen. Im zweiten Schritt bzw. Tortenboden wiederholen wir ein ordentliches »t« im Schlusslaut eines Wortes und lassen die Kinder beides, also Legato und den Schlusslaut singen. Dann üben wir eine Zwischenatmung, bis wir am Schluss quasi die Torte mit einem Messer anschneiden und alle Schichten genießen können. Bei aller Arbeit rücken wir im Umgang mit den Jugendlichen mehr noch als sonst Motivation, Freude und die stetige Verbesserung ins Zentrum – das ist das Geheimnis dieser wunderbaren Zusammenarbeit.

  • Quelle: Magazin
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