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  • Magazin
  • Oper Frankfurt
  • Mai-Juli 2022
  • S. 11

Wer suchet, der findet

Danylo Matviienko, Bariton

Text: Mareike Wink

[Oper Frankfurt]

Wer sich die Stationen der bisherigen Laufbahn des 31-jährigen Danylo Matviienko anschaut, könnte meinen, es sei immer sein großes Ziel gewesen, Sänger zu werden. Aber »eigentlich wollte ich Arzt werden, am liebsten Neurochirurg. Mein Großvater sagte: ›Dann darfst du kein Problem damit haben, ein Huhn auszunehmen.‹ Das konnte ich nicht. Also bin ich Mathematiker geworden.« So wie Danylo davon erzählt, klingt es nach der einzig logischen Konsequenz.

Singen statt Sitzen

»Ich habe kurz als System-Administrator gearbeitet und Programme geschrieben. Aber ich fand es langweilig, den ganzen Tag zu sitzen. Außerdem ist es nicht gut für den Rücken. Ich dachte mir: Es ist viel interessanter, auf der Bühne zu stehen. Also habe ich mich entschieden, mein zweites Standbein – das Singen – zum Beruf zu machen.« Und wieder klingt es so, als ob dies das Naheliegendste überhaupt sei.

Seine Mutter brachte ihn zum Singen. »Anfangs war ich dagegen. Unter meinen Jungs galt es als nicht wirklich ›männlich‹, Musiker zu sein. Aber dann bin ich doch zu einer Gesangsstunde gegangen und mochte es sofort. Ich habe auch angefangen, Akkordeon und Trompete zu spielen und zu tanzen. Irgendwann fragte man mich, was ich werden möchte und ich sagte: ›Ich möchte an der Wiener Staatsoper singen.‹ Ich wusste damals überhaupt nicht, was das bedeutet, aber ich fand, dass ›Wiener Staatsoper‹ ziemlich cool klingt«, lacht Danylo.

In seinem Elternhaus spielten Opern keine Rolle: »Wir haben aber immer Musik gehört: Rockmusik. Mein Vater war ein großer Fan von Queen und den Scorpions.« Nach wie vor singt und spielt (E-Bass) Danylo gerne in einer Band mit Freunden Funk, Soul, Gospel, Reggae, Metal. »Die erste Oper, die ich gesehen habe, war L’elisir d’amore. Ich bin eingeschlafen. Bei einem Rockkonzert würde ich nie einschlafen. Es wird dann langweilig, wenn da einfach nur Engel auf der Bühne stehen, die schön singen, wenn es so artifiziell ist, dass es nicht mehr lebendig wirkt. In Frankfurt ist das zum Glück ganz anders. Und dann ergeben sich Momente, deren Energie du am liebsten festhalten willst.« Così fan tutte, in deren Wiederaufnahme Danylo Guglielmo sang, war für ihn so eine Produktion: »Keine Requisiten, aber eine große Klarheit und Konzentration. Diese Produktion lässt Menschen etwas fühlen. Das ist doch das Ziel von Kunst.«

Im direkten Kontakt mit dem Publikum zu sein und eine Wirkung auf dessen Emotionen zu haben, fasziniert Danylo. Umso seltsamer findet er, dass es in Deutschland selten Zwischenapplaus gibt: »Dieses unmittelbare Feedback kann eine große Unterstützung sein. Wenn man das Gefühl hat, wirklich gut gesungen zu haben, und dann keine Reaktion kommt, beginnt man vielleicht, an sich zu zweifeln.« Um das Publikum zu erreichen, brauche es »90% Technik – sängerische und darstellerische – und 10% Inspiration oder Muse. Du musst genau wissen, was du tust. Du darfst nicht abhängig sein vom Wetter oder von einer Stimmung. Aber natürlich sind wir letztlich Menschen und es wird immer wieder passieren, dass wir manchmal eben doch vom Wetter abhängig sind.«

Vom Donbass auf die internationalen Opernbühnen

Aufgewachsen ist Danylo in Nowyi Swit im Donbass. Er studierte zunächst in Donezk, wo er für Mathematik an der Nationalen Wassyl-Stus-Universität und für Gesang an der Musikakademie »Prokofjew« eingeschrieben war und 2014 in beiden Fächern abschloss. »Dann kam der Krieg, und ich wusste, dass ich raus muss aus dem Donbass. Ich bin nach Kiew gegangen.« Bis heute konnten seine Eltern ihren Sohn nicht live auf einer großen Opernbühne erleben, während er selbst seit 2014 nicht mehr zu Hause war. Nach seinem Studium an der Nationalen Musikakademie der Ukraine »Peter Tschaikowski« in Kiew war Danylo auf der Suche nach einem Gesangslehrer, um an seiner Technik zu arbeiten. In Warschau, wo er ins Opernstudio des Teatr Wielki aufgenommen wurde, traf er Eytan Pessen: »den weisesten Musiker, den ich kenne! Ich würde ihn als meinen Meister bezeichnen.«

Bernd Loebe entdeckte den Bariton bei der Internationalen Meistersinger Akademie in Neumarkt, kurz nachdem dieser ins Opernstudio der Opéra National de Paris gewechselt war. 2019/20 kam Danylo dann ins Frankfurter Opernstudio und 2021/22 ins hiesige Ensemble. Er war hier zuletzt u.a. in Maskerade, Die Frau ohne Schatten und La gazzetta zu erleben. Auftritte in A Midsummer Night’s Dream und Ulisse stehen bevor. Zugute kommt Danylo bei seinem Beruf, dass er inzwischen neben Ukrainisch, Russisch und Englisch auch fließend Polnisch und Französisch und »ein bisschen Deutsch« spricht. Wer ihn reden hört, merkt schnell, dass »ein bisschen« weit untertrieben ist.

Traumpartien? »Auf jeden Fall Eugen Onegin! Diese Oper und dieser Charakter sprechen auf besondere Weise etwas in meiner Seele an. Ich mag die Geschichte und die wunderschöne Musik. Und ich möchte unbedingt irgendwann Wozzeck singen. Ich habe Lust darauf, den Wahnsinn der Figur in mir selbst zu entdecken. Ich denke, man kann alles in sich selbst finden, wenn man nur lange genug sucht.«

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