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  • Oper Frankfurt
  • Mai-Juli 2022
  • S. 20-21

Vom Ich zum Du

Text: Maximilian Enderle

[Oper Frankfurt]

Der Odysseus-Mythos faszinierte Luigi Dallapiccola sein Leben lang. Der Komponist sah darin ein »Epos der Wiederkehr, aber auch der forschenden Suche«, das den Menschen auf der Suche nach sich selbst und dem Sinn des Lebens zeigt. Mit Homers Odyssee kam er erstmals im Alter von acht Jahren in Kontakt – in Form eines kolorierten Stummfilms. 1938 fertigte Dallapiccola eine Orchesterfassung von Monteverdis Il ritorno d’Ulisse in patria an, was zugleich eine Vorstufe zu einer eigenen Interpretation des Stoffes war: Ab Mitte der 1960er Jahre widmete er sich mit viel Akribie der Arbeit an Ulisse, seinem letzten großen Opernprojekt.

Das Libretto verfasste Dallapiccola selbst, wobei wie in einem »stream of consciousness« alle Begegnungen des Komponisten mit dem Odysseus-Stoff aus 3000 Jahren Literaturgeschichte einflossen: Die Quellen umfassen neben Homer u.a. Texte von Aischylos, Goethe (Nausikaa-Fragment), Hölderlin (Hyperions Schicksalslied), Tennyson (The Lotos-Eaters), James Joyce und Gerhart Hauptmann (Der Bogen des Odysseus). Wesentliche Anregungen erhielt Dallapiccola von seiner Ehefrau Laura, die als Bibliothekarin und Übersetzerin arbeitete. Entstanden ist eine vielschichtige Oper, die der Komponist als »Summe meines gesamten Lebens« bezeichnete.

Musikalisch verbindet Dallapiccola darin kantable, expressive Gesangslinien mit Schönbergs Zwölftontechnik. Durch die Partitur zieht sich ein Netz von Zwölftonreihen, die allesamt aus derselben, vom Komponisten als »Mare I« bezeichneten Ur-Reihe hervorgehen. Das Meer – Ausgangs- und Endpunkt von Odysseus’ Reise – wird zum musikalischen Protagonisten der Oper. Die 13 Episoden zeichnen sich durch eine je eigene Klangfarbe aus: Im Zentrum der Bilderfolge steht die düster instrumentierte Hadesszene, die Dallapiccola in Form eines Bach’schen Spiegelkanons konzipiert.

Zwischen den Fronten

1906 im damals italienischen Istrien geboren, geriet Dallapiccola im Laufe seines Lebens politisch wie künstlerisch immer wieder zwischen die Fronten. Kontrovers aufgenommen wurden insbesondere seine Musiktheaterwerke: Der 1938 uraufgeführte Einakter Volo di notte, eine subtile Kritik am faschistischen Heroenkult, stieß bei Vertretern des Mussolini-Regimes auf vehemente Ablehnung. Mit Il prigioniero – ebenfalls ein Einakter, den der Komponist in den letzten Kriegsjahren verfasste – setzte er sich erneut mit den Schrecken der Tyrannei auseinander. Die Oper wurde sowohl von der katholischen Kirche als auch von der Kommunistischen Partei Italiens als Affront wahrgenommen. Dallapiccola sträubte sich aber gegen jegliche konkrete politische Positionierung. Seine Werke zeugen vielmehr von seinem persönlichen Credo, »jene, die leiden, mehr zu lieben als jene, die Sieger bleiben«.

Auch Ulisse rief nach der Uraufführung an der Deutschen Oper Berlin 1968 ein geteiltes Echo hervor. Vor dem Hintergrund der zeitgeschichtlichen Ereignisse – amerikanische Anti-Vietnamkriegs-Bewegung, Pariser Mai-Unruhen, Berliner Proteste gegen den Schah-Besuch – wurde Dallapiccolas Rekurs auf den antiken Mythos die »gesellschaftliche Relevanz« abgesprochen. In den Augen des Komponisten ein Missverständnis: Seine Oper behandele keine tagesaktuell-politischen, sondern grundlegend-philosophische Fragen. Den Protagonisten Odysseus sieht er als einen modernen Menschen des 20. Jahrhunderts, »einer Zeit des Zweifels und der endlosen Suche«.

Reise ins Innere

Eine zentrale Inspiration für seine Lesart war Dantes Göttliche Komödie. Im Gegensatz zu Homer zeichnet Dante Odysseus nicht als Erfinder trickreicher Listen, sondern als Prototyp eines modernen Forschers und Sinnsuchers, der gegebene Grenzen infrage stellt und überschreitet. In Dantes Versdrama – wie auch am Schluss von Dallapiccolas Oper – bleibt Odysseus nicht bei seiner Ehefrau Penelope, sondern bricht zu einer letzten Erkundungsfahrt auf, die mit seinem Tod endet.

Daneben waren auch die Schriften Sigmund Freuds prägend für Dallapiccolas Interpretation. Im ersten Akt der Oper eröffnet die Zauberin Kirke ihrem ehemaligen Geliebten Odysseus, dass all die Ungeheuer auf seinem Weg lediglich Projektionen seines Unterbewusstseins seien. Odysseus’ Reise wird zu einer Irrfahrt durch die eigene Psyche, zu einer Suche nach dem eigenen, fragilen Selbst.

Die Angst vor dem Identitätsverlust ist dabei ein wesentlicher Charakterzug des Protagonisten und zugleich die Triebfeder seines Handelns: Im Reich der Phäaken hört er, wie der Dichter Demodokos das Schicksal vergessener Heimkehrer, darunter das von Odysseus, besingt. Im Anschluss an den Vortrag gibt sich Odysseus zu erkennen und schildert den anwesenden Gästen seine Erlebnisse. In seine Heimat Ithaka zurückgekehrt, wird er von Penelopes Freiern als ein »Niemand« verspottet. Die erlittene Kränkung treibt Odysseus zur Rache: Das darauffolgende Blutbad wird – wie zuvor die kollektiv geteilte Erzählung seiner Lebensgeschichte – zum Akt der Selbstkonstitution.

In Gemeinschaft

Die Lust am Geschichtenerzählen, an der sichtbaren Verwandlung, am offengelegten Spiel steht im Zentrum von Tatjana Gürbacas Inszenierung. Die europaweit gefragte Regisseurin setzte sich im Jahr 2003 an der Volksoper Wien bereits erfolgreich mit Il prigioniero auseinander und gibt nun ihr Debüt an der Oper Frankfurt. Dallapiccolas Partitur nimmt sie zum Ausgangspunkt für eine kollektive Vergegenwärtigung von Odysseus’ Schicksal. Dabei wirft sie die Frage auf, inwieweit man sich als Individuum überhaupt nur in Bezug auf eine Gemeinschaft definieren kann.

In Dallapiccolas Oper löst sich die innere Unruhe des Protagonisten erst vollständig auf, als Odysseus im Epilog zu Gott findet. Allein auf weiter See dahintreibend, erkennt er, dass er die Widrigkeiten seines Lebens nur aufgrund seines Glaubens an ein übergeordnetes Ganzes erdulden konnte. Beim Blick in die Sterne ruft er unvermittelt aus: »Mein Herr! Nie mehr einsam sind nun mein Herz und das Meer!« Dallapiccola, der zeit seines Lebens einen christlichen Humanismus vertrat, lässt Odysseus’ innere Reise also im Überirdischen enden: mit dem erhofften Aufstieg in den Himmel.

 


ULISSE
Luigi Dallapiccola 1904–1975

Oper in einem Prolog und zwei Akten / Text vom Komponisten, Übersetzung aus dem Italienischen von Carl-Heinrich Kreith / Uraufführung 1968, Deutsche Oper, Berlin /
In deutscher Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

FRANKFURTER ERSTAUFFÜHRUNG
Sonntag, 26. Juni
VORSTELLUNGEN 1., 7., 10., 15., 18., 21. Juli

MUSIKALISCHE LEITUNG Francesco Lanzillotta INSZENIERUNG Tatjana Gürbaca BÜHNENBILD, LICHT Klaus Grünberg KOSTÜME Silke Willrett CHOR Tilman Michael DRAMATURGIE Maximilian Enderle

ODYSSEUS Iain MacNeil KIRKE / MELANTHO Katharina Magiera KALYPSO / PENELOPE Juanita Lascarro DEMODOKOS / TEIRESIAS Yves Saelens NAUSIKAA Sarah Aristidou ANTIKLEIA Claudia Mahnke ANTINOOS Danylo Matviienko EUMÄOS Brian Michael Moore KÖNIG ALKINOOS Andreas Bauer Kanabas TELEMACHOS Dmitry Egorov ERSTE MAGD Marvic Monreal° ZWEITE MAGD Karolina Bengtsson°

° Mitglied des Opernstudios

Mit freundlicher Unterstützung [Logo Patronatsverein]

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