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  • Radio Klassik Stephansdom
  • # 25 | Sommer 2022
  • S. 38-41

Hans Winterberg, Komponist

Eine unglaubliche Geschichte rund um einen tschechischen Komponisten, seine Erben und sein Erbe

Text: Michael Haas

[Radio Klassik Stephansdom]

Exklusiv für magazin KLASSIK von Michael Haas* nacherzählt. Mit freundlicher Unterstützung von Exilarte, dem Forschungszentrum der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien (mdw).

Der Komponist Hans Winterberg (1901–1991) ist wegen einer Anzahl sehr unterschiedlicher Faktoren bedeutend. Der erste und wichtigste Faktor ist sein Stellenwert als Symphonischer Komponist, jener Stellenwert, der den Verlag Boosey & Hawkes bewogen hatte, zusammen mit exilarte, dem Forschungszentrum der mdw, seine Werke dreißig Jahre nach seinem Ableben zu veröffentlichen.

Nicht weniger bedeutend war die Tatsache, dass er im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen Hans Krása, Pavel Haas, Viktor Ullmann, Erwin Schulhoff und Gideon Klein, die Inhaftierung in Konzentrationslagern überlebte. Dies hatte zufolge, dass er, zusammen mit Bohuslav Martinů, der vor den Nationalsozialisten in die USA geflohen war, als einzig bedeutender Vertreter der Nach-Janáček-Generation der tschechischen Komponisten übrigblieb. Diese Generation – hätte sie noch überleben dürfen – wäre höchstwahrscheinlich ein entsprechendes Gegengewicht zur deutschen Neuen Sachlichkeit und zur Zweiten Wiener Schule. Ein weiterer gewichtiger Umstand war, dass er als Jude von Nazis in Deutschland verfolgt wurde. Ein vierter Bestandteil dieses Winterberg-Puzzles war die posthume Übernahme seines musikalischen Nachlasses vom Sudetendeutschen Musik Institut (SMI) unter der Bedingung, dass der Zugang zum Werk und Leben von Winterberg bis vierzig (!) Jahre nach seinem Tod gesperrt bliebe. Keinerlei Informationen über ihn dürften veröffentlicht werden – es dürfte nicht einmal erwähnt werden, dass der Nachlass beim SMI aufgehoben wurde. Erst Anfang Januar 2031 könnte daher Winterberg wieder gespielt werden, verbunden mit der unabdingbaren Voraussetzung, dass er ausschließlich als Sudetendeutscher Komponist bezeichnet werde! Unter keinen Umständen dürfte es bekannt gemacht werden, dass er Jude war! Dieser Vertrag wurde zwischen dem SMI und dem Adoptivsohn Christoph Winterberg, dessen leiblicher Vater SS Mann war, im Jahr 2002 (!) abgeschlossen.

Unter diesen Umständen wäre Winterberg noch heute gesperrt, wenn sein leiblicher Enkel Peter Kreitmeir den Anwalt und Enkel von Arnold Schönberg, Randy Schönberg, nicht kontaktiert hätte. Randy Schönberg, der für die Restitution von Klimts Bloch-Bauer Gemälde an Maria Altmann verantwortlich war, hat einen Scan vom Vertrag an Michael Haas von Exilarte weitergeleitet, der wiederum den Scan mit dem genauen Wortlaut vom SMI auf seinem Blog www.forbiddenmusic.org veröffentlichte. Die Sperre wurde alsbald aufgehoben, und der Adoptivsohn hat die Winterberg Rechte an den leiblichen Enkel Peter Kreitmeir abgetreten. Boosey & Hawkes hat darauf mit Exilarte und Kreitmeir einen Vertrag abgeschlossen und die erste Symphonische CD mit dem ersten Klavierkonzert und der ersten Symphonie von Winterberg wurde vom Rundfunkorchester Berlin bei Capriccio vor kurzem veröffentlicht.

Wie kam es jedoch, dass der Nachlass eines jüdischen Komponisten aus Prag willkürlich von seinem antisemitischen Adoptivsohn an das SMI verkauft wurde, mit der Bestimmung, er dürfe nach Aufhebung der Sperre nur als nicht-jüdischer Sudetendeutscher Komponist aufgeführt werden? Die Antwort ist nicht einfach und die Situation vielleicht nicht ganz so simpel, wie sie auf dem ersten Blick erscheint.

Die Chronologie erklärt uns einiges: Winterberg wurde 1901 in einer bürgerlichen jüdischen Familie in Prag geboren, die schon seit 300 Jahren in Prag ansässig war. Winterberg war begabt und lernte Klavier bei Theresa Wallerstein, derselben Klavierlehrerin, die auch Hans Krása unterrichtete. Später hatte Winterberg am Prager Deutschen Konservatorium bei Fidelio Finke Komposition studiert; Dirigieren hatte Winterberg bei Alexander Zemlinsky gelernt.

1918 wurde die Republik Tschechoslowakei ausgerufen und alle Bürger durften sich entscheiden, ob sie die österreichische Staatsbürgerschaft behalten (wie z.B. Viktor Ullmann und Ernst Krenek) oder die tschechische Staatsbürgerschaft annehmen. 1918 war die neue Republik eine kunterbunte Mischung aus fünf Sprachen. Fast ein Viertel der Bevölkerung hatte deutsche Muttersprache, inklusive der Juden aus Prag. Das hieß aber nicht, dass sie sich nicht als „Tschechisch“ empfunden hätten. Für die meisten waren Deutsch, Ungarisch oder Ruthenisch eine Sprache – keine nationale Identität. Nichtdestotrotz wurde 1930 eine Volkszählung veranlasst, um einen Überblick über genau diese ethnische Mischung zu gewinnen. Diese Volkszählung ist deswegen wichtig, weil jene die „Deutsch“ als erste Sprache angekreuzt hatten, 1945 unter den „Beneš-Dekreten“ ausgewiesen wurden! Dennoch, Winterbergs Familie hatte sich bei jenem Zensus sprachlich und kulturell als „tschechisch“ bezeichnet.

Im selben Jahr der Volkszählung heiratete Winterberg das ehemalige pianistische Wunderkind Maria Maschat aus dem Sudetenland. 1935 kam Tochter Ruth zur Welt. Winterberg hatte als Komponist, Korrepetitor und Pianist gearbeitet, bis die Nazis das „Protektorat Böhmen und Mähren“ ausgerufen hatten. Damit kam Winterbergs berufliches Leben zum Stillstand. Er nahm immerhin die Möglichkeit in Anspruch, bei Alois Hába am tschechischen Prager Konservatorium Komposition zu studieren. Sein Kommilitone war der um 18 Jahre jüngere Gideon Klein.

Da das Sudetenland von Nazi-Deutschland annektiert wurde, ist Maria Maschat deutsche Staatsbürgerin geworden. Tochter Ruth blieb allerdings als halbjüdisches Kind, genau wie der volljüdische Vater, marginalisiert. Später musste Winterberg Zwangsarbeit leisten und das Ehepaar musste sich 1942 trennen. Bis zur gezwungenen Scheidung im Dezember 1944 blieb jedoch Winterberg die schlimmste Willkür der Nazis erspart. Erst Januar 1945 wurde er ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Der berüchtigte Todestransport nach Auschwitz fand zweieinhalb Monate davor im Oktober statt. Im Mai des Jahres 1945 wurde Theresienstadt von den Sowjets befreit; im Juni durfte Winterberg in seine Wohnung zurückkehren.

Bald danach, auf Grund der Beneš-Dekrete, gingen Maria und ihre Tochter Ruth nach Deutschland. 1946 hatte Winterberg einen tschechischen Pass mit der Begründung beantragt, er müsse seine Manuskripte einsammeln, die er an Freunde im Ausland geschickt hatte. 1947 kam er mit seinem neu ausgestellten tschechischen Pass nach Deutschland, wo er mit Ruth und Maria wieder zusammenkam. Die Ehe jedoch war am Ende.

Vielleicht wegen des kommunistischen Staatsstreichs in Prag im Februar 1948, hatte Winterberg die Entscheidung getroffen, in München zu bleiben. Vielleicht war es aber wegen einer neuen Freundin. Den Grund wissen wir nicht. Maria Maschat fand für ihn eine bescheidene Stellung beim Bayerischen Rundfunk (BR) und am Richard-Strauss-Konservatorium. Sein ehemaliger Kommilitone, Fritz Rieger, übernahm die Münchner Philharmoniker und begann Winterbergs Orchesterwerke zu propagieren. Über die nächsten Jahrzehnte sind drei seiner vier Klavierkonzerte, zwei Symphonien, einige Ballette, Orchesterwerke und Kammermusik aufgeführt und vom BR eingespielt worden.

Winterberg hat noch drei weitere Male geheiratet. Die vierte Ehefrau, Luise Maria Pfeifer, stammte wie Maria Maschat aus dem Sudetenland. Sie kam 1945 hochschwanger nach München, wo Sohn Christoph zur Welt kam. Als sie später Winterberg kennenlernte, lebte er in der Gemeinde Wörthsee, während Sohn Christoph schon an der Universität in München studierte. Da zwischen Winterberg und seiner leiblichen Tochter Ruth ein eher schlechtes Verhältnis bestand, hatte ihn Luise Maria Winterberg dazu gebracht, ihren Sohn Christoph zu adoptieren und als Erbe einzusetzen. Winterberg kannte den jungen Mann kaum. Luise Maria starb nur wenige Tage nach Hans Winterberg. Beide wurden in Bad Tölz beigesetzt, wo er die letzten produktiven Jahre verbracht hatte. Christoph Winterberg verkaufte den Nachlass um 6.000 DM an das SMI. Es belegte sein Erbe mit einem Embargo bis Anfang 2031 in der Annahme, er könne die Realität seines Adoptivvaters verschleiern. Mit dem Sohn von Ruth Winterberg, Peter Kreitmeir, hatte er nicht gerechnet. Ihm ist die Aufarbeitung und die Wiederentdeckung Winterbergs zu verdanken. Ohne den Sohn von Ruth wäre Winterberg noch heute gesperrt und weitgehend unbekannt!

 

* Michael Haas war viele Jahre Plattenproduzent und Aufnahmeleiter bei Decca und Sony, sowie 1994/5 Vizepräsident von Sony Classical in NY. Er ist mehrfacher Grammy-Gewinner und initiierte und leitete die Decca Aufnahmereihe „Entartete Musik“. Von 2002 bis 2010 arbeitete er im Jüdischen Museum Wien als Musik-Kurator. 2013 hat Yale University Press sein Buch „Forbidden Music – the Jewish Composers Banned by the Nazis“ veröffentlicht. 2000 bis 2015 war er Direktor des Jewish Music Institute der Untiversity of London und 2015/16 Research Associate am University College London, School of Jewish and Hebrew Studies. Als Mitbegründer von Exilarte ist er seit 2016 Senior Researcher des Exilarte Zentrums der mdw.


CD-Tipp

Hans Winterberg

Symphonie Nr. 1 „Sinfonia drammatica“, Klavierkonzert, Rhythmophonie Rundfunksinfonie-Orchester Berlin, Johannes Kalitzke (Dirigent), Jonathan Powell (Klavier)

Label – Capriccio
EAN – 0845221054766

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