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  • Magazin
  • Oper Frankfurt
  • September / Oktober 2022
  • S. 8-9

»Erklär mir dieses Rätsel!«

Text: Maximilian Enderle

[Oper Frankfurt]

Der Schriftsteller Peter von Matt bezeichnet Die Zauberflöte als das »dritte große Rätselwerk unserer Kultur, neben Shakespeares Hamlet und Leonardos Mona Lisa.« Komik und Empfindsamkeit, Märchen und Mysterienspiel gehen in Mozarts Oper eine bis heute einzigartige Verbindung ein: Im Unwirklichen liegt emotionale Wahrheit, im Kindlich-Naiven philosophische Weisheit.

Der rätselhafte Charakter des Werkes besteht nicht zuletzt darin, dass Anfang und Ende scheinbar nicht zusammenpassen: Zu Beginn zieht Tamino aus, um Pamina aus den Fängen Sarastros zu befreien. Im zweiten Teil ringt er darum, in Sarastros Weisheitsorden aufgenommen zu werden. Dementsprechend disparat sind die literarischen Quellen, die Mozart und sein Librettist Emanuel Schikaneder verarbeiteten: Wielands Geschichtensammlung Dschinnistan sind zahlreiche märchenhafte Motive entnommen – die geraubte Prinzessin, die Rettungsmission des Prinzen, die Flöte als Zaubermittel. Taminos Prüfungsweg wiederum ist von Jean Terrassons 1731 publiziertem Erziehungsroman Sethos inspiriert – ein Werk, das die Initiation eines Prinzen in die Mysterien des ägyptischen Isis-Ordens schildert und Ende des 18. Jahrhunderts zum Kultbuch avancierte.

Zwischen Fremd- und Selbstbestimmung

Mit traumwandlerischer Leichtigkeit reihen sich in Mozarts Oper Szenen und Bilder aneinander, in deren Zentrum die hindernisreiche Liebesgeschichte von Tamino und Pamina steht. Beide geraten unwillkürlich in ein Netz aus Macht und Gewalt, das sie mit ambivalenten Herrscherfiguren konfrontiert: Die Königin der Nacht zeichnet Mozart so verletzlich wie manipulativ; Sarastro wiederum predigt Mitmenschlichkeit, steht aber einem Orden vor, der frauenfeindliche und elitäre Züge trägt: »Wen diese Lehren nicht erfreun, verdienet nicht ein Mensch zu sein«, singt er am Ende seiner Hallen-Arie. Humanität behält er lediglich den Eingeweihten, sprich Anpassungswilligen, vor.

Während sich Tamino reflexhaft Sarastros Ideal der »Weisheitsliebe« zu eigen macht, durchläuft Pamina einen weitaus autonomeren Entwicklungsprozess: Sie bietet dem sexuell übergriffigen Monostatos und ihrer emotional erpresserischen Mutter gleichermaßen die Stirn und sprengt immer wieder überkommene hierarchische Strukturen. Am Ende wird sie selbst ein Mitglied von Sarastros Orden – als erste Frau überhaupt.

In den Wiener Freimaurerlogen, die sicherlich ein Vorbild für Sarastros Vereinigung darstellten, war ein weibliches Mitglied Ende des 18. Jahrhunderts undenkbar. Mozart selbst trat 1784 der Loge Zur wahren Eintracht bei und durchlief innerhalb von nur drei Wochen alle Stufen vom Gesellen zum Meister. Emanuel Schikaneder hingegen flog 1789 aufgrund seines sexuell ausschweifenden Lebens aus der Regensburger Loge. Seine Skepsis gegenüber der Freimaurerei spiegelt sich in der Figur des Papageno, den Schikaneder selbst bei der Uraufführung verkörperte: Papageno drückt offen sein Unverständnis darüber aus, dass er sich die Liebe erst durch qualvolle Prüfungen verdienen muss. Im Duett mit Pamina formuliert er den utopischen Kerngedanken des Werkes: Durch eine unvoreingenommene gegenseitige Zuneigung werden Menschen den Göttern gleich.

Die Kraft der Töne

Mozarts Partitur der Zauberflöte ist ähnlich vielgestaltig wie das zugrundeliegende Libretto. Neben Buffo-Ensembles, liedhaften Passagen und Reminiszenzen an die Opera seria entwickelte er für Sarastros Priesterwelt einen ganz eigenen, lichtdurchfluteten Tonfall. Die Finali der beiden Akte gehören zu Mozarts feingliedrigsten Kompositionen und unterstreichen die permanente Bewegung, die dem Sujet eingeschrieben ist. Auffallend ist, dass Tamino im Laufe der Oper musikalisch zunehmend verstummt. Mozarts Einfallsreichtum entzündete sich vielmehr an Papagenos und Paminas unerfüllter Liebessehnsucht, die beide Figuren an den Rand des Selbstmordes treibt und mehrfach einen berührenden musikalischen Ausdruck findet.

Gerade für Pamina zieht sich die Todesnähe – als äußere Bedrohung und innerer Wunsch – wie ein roter Faden durch das Stück. Umso folgerichtiger ist es, dass sie Tamino bei der entscheidenden Feuer- und Wasserprobe, einer symbolischen Konfrontation mit der eigenen Todesangst, vorangeht. Als zentrales Hilfsmittel erweist sich dabei die Zauberflöte: Einst von Paminas Vater aus einer alten Eiche geschnitzt, stärkt ihr Klang nun das Liebespaar beim Gang durch finstere Schluchten. Mozarts Oper ist somit auch eine Reflexion über die Kraft der Musik, deren Potenzial zur Verwandlung und Veredelung des Menschen gleich mehrfach thematisiert wird.

Den Gegenpol zur Magie der Klänge bildet das Schweigen, welches Tamino im Laufe seines Prüfungswegs auferlegt wird. Durch seine pflichtbewusste Stummheit treibt er Pamina zwischenzeitlich an den Rand der Verzweiflung – eine der beklemmendsten Szenen der Oper, welche erneut die inhumane Kehrseite von Sarastros Lehren verdeutlicht: Wer seine Gefühle unterdrückt, steigt auf. Wer sie ungehemmt auslebt, landet – wie Monostatos und die Königin – in der Hölle.

Ein seltenes Spektakel

Nach der Wiener Uraufführung im September 1791 setzte sich Die Zauberflöte in kürzester Zeit auf den europäischen Bühnen durch – auch in Frankfurt: »Alle Handwerker, Gärtner, ja die Sachsenhäuser, deren ihre Jungen die Affen und Löwen machen, gehen hinein, so ein Spektakel hat man hier noch nicht erlebt«, notierte Goethes Mutter im Jahr 1793.

Auf die Inszenierung von Alfred Kirchner aus dem Jahr 1998 folgt an der Oper Frankfurt nun eine Lesart des amerikanischen Regisseurs Ted Huffman, der bereits mit seiner Inszenierung von Rinaldo im Bockenheimer Depot das hiesig Publikum begeisterte. Ans Pult kehrt mit Julia Jones eine echte Mozart-Expertin zurück, die in Frankfurt u.a. die Premierenserien von Così fan tutte und Idomeneo dirigierte. Beste Voraussetzungen also, um Die Zauberflöte in all ihrer enigmatischen Schönheit neu zu entdecken!


DIE ZAUBERFLÖTE
Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791)

Eine deutsche Oper in zwei Aufzügen / Text von Emanuel Schikaneder / Uraufführung 1791, Freihaustheater auf der Wieden, Wien / In deutscher Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

PREMIERE Sonntag, 2. Oktober 2022
VORSTELLUNGEN 7., 15., 21., 30. Oktober / 5., 10., 13., 19. November 2022 / 17., 26., 31. März / 10., 19., 22 April 2023

MUSIKALISCHE LEITUNG Julia Jones (Okt / Nov) / Simone Di Felice (Mrz / Apr) INSZENIERUNG Ted Huffman BÜHNENBILD Andrew Lieberman KOSTÜME Raphaela Rose LICHT Joachim Klein CHOR Tilman Michael KINDERCHOR Álvaro Corral Matute DRAMATURGIE Maximilian Enderle

TAMINO Kudaibergen Abildin / Michael Porter PAMINA Hyoyoung Kim° / Karolina Bengtsson° PAPAGENO Danylo Matviienko / Domen Križaj SARASTRO Andreas Bauer Kanabas / Kihwan Sim KÖNIGIN DER NACHT Anna Nekhames / Aleksandra Olczyk ERSTE DAME Monika Buczkowska / Elizabeth Reiter ZWEITE DAME Kelsey Lauritano / Cecelia Hall DRITTE DAME Katharina Magiera / NN MONOSTATOS Theo Lebow / Peter Marsh PAPAGENA Karolina Bengtsson° / Hyoyoung Kim° SPRECHER Erik van Heyningen ERSTER GEHARNISCHTER MANN Michael McCown / Gerard Schneider ZWEITER GEHARNISCHTER MANN Anthony Robin Schneider DREI KNABEN Solist*innen des Kinderchores der Oper Frankfurt

° Mitglied des Opernstudios

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  • Quelle: Magazin
  • Oper Frankfurt
  • September / Oktober 2022
  • S. 8-9

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