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  • Magazin
  • Oper Frankfurt
  • September / Oktober 2022
  • S. 20-21

Von Almaty nach Frankfurt

Kudaibergen Abildin, Tenor

Text: Konrad Kuhn

[Oper Frankfurt]

Das Gespräch mit unserem neuen Ensemblemitglied ist ein Erlebnis: Immer wieder wechselt der Tenor vom Sprechen ins Singen, um mit seiner weichen, warm timbrierten Stimme Melodien anzudeuten, von denen gerade die Rede ist. Das können Weisen aus der Tradition der kasachischen Barden sein, in denen mal die angebetete Schöne, mal das verstorbene Lieblingspferd besungen wird, oder Opern-Arien von Mozart bis Gounod. Beides war für Kudaibergen Abildin sozusagen schon immer da: Früh begann er, als Kind kleine Gesangssoli zu übernehmen und das Spiel auf der Dombra, einer kasachischen Langhalslaute, zu erlernen; außerdem spielte er Klavier. Klassische Musik wiederum begleitet ihn seit dem vierten Lebensjahr. Seine Mutter, die in der Kulturverwaltung seiner Heimatstadt Karaganda arbeitete, nahm ihn regelmäßig mit zu Sinfoniekonzerten, die er in der Dienstloge erlebte. Auch Opern standen auf dem Programm, z.B. Tosca – diese Töne trafen das Kind ins Herz; und zur Demonstration stimmt der Sänger sogleich einige Takte daraus an.

Zu seinen Vorfahren gehören auch Wolgadeutsche, die im Zweiten Weltkrieg von Stalin fälschlich der Kollaboration mit Hitlerdeutschland bezichtigt und aus der damals bestehenden Autonomen Sowjetrepublik der Wolgadeutschen nach Kasachstan umgesiedelt wurden. Gesprochen wurde ein niederdeutscher Dialekt. Ein Teil der Verwandtschaft lebt seit vielen Jahren in Deutschland, das er schon in seiner Kindheit viele Male besuchte. Auch im Namen klingt nicht ohne Absicht eine Nähe zu den deutschen »Bergen« an. Er bedeutet allerdings auf Kasachisch – einer Turksprache – so viel wie: »Von Gott gegebener Sohn«. Nach seiner neun Jahre älteren Schwester war Kudaibergen der erste Sohn für seine Eltern, und ein männlicher Nachkomme spielt in der kasachischen Gesellschaft traditionell immer noch eine wichtige Rolle.

Der Vater ist kein professioneller Musiker, hat aber zeit seines Lebens gesungen und Gitarre gespielt – ohne Noten lesen zu können. Dafür hat er ein absolutes Gehör, was ihn zum strengsten Kritiker seines Sohnes macht. Beim Galakonzert kürzlich in Almaty zollte er ihm bezüglich der Intonation aber Respekt. Von Tonsatz und Solfeggio hatte Kudaibergen lange wenig Ahnung. Erst als der Entschluss feststand, aufs College zu gehen, holte er das nach – innerhalb einer Woche! Anschließend ging der junge Sänger zur Fortsetzung des Musikstudiums auf die National University of Arts in Astana, der Hauptstadt des Riesenlandes; sie wurde vor einigen Jahren umbenannt in Nur-Sultan. Deutsch gelernt hat der Tenor in seiner Kindheit nicht. Das steht derzeit an. Phonetisch ist das Deutsche aber nicht so weit entfernt vom Kasachischen, wie er z.B. beim Studium von Beethovens Christus am Ölberg feststellen konnte. Englisch spricht er fließend – und hat diese Sprache in nur sechs Monaten gelernt, als er zum Masterstudium ans Konservatorium nach Maastricht ging.

Danach nahm der junge Sänger am Mozarteum in Salzburg ein Postgraduierten-Studium im Fach Sologesang auf. Zu seinen Lehrern gehören, neben Prof. Mario Diaz, vor allem Gaiva Bandzinaite und Wolfgang Niessner. Nachdem er einige Wettbewerbe gewonnen hatte – u.a. ein Diplom im Rita Gorr-Wettbewerb in Gent und den Eva Randová-Award –, schlug zunächst einmal die Pandemie zu. Schon vereinbarte Engagements platzten. Der Plan, Gesangspädagoge zu werden, wurde gefasst. Doch dann hörte Clarry Bartha den Tenor im Rahmen eines Meisterkurses, den die schwedische Sängerin, ehemaliges Ensemblemitglied der Oper Frankfurt, in Salzburg gab. Ihr Ratschlag war: »Gesangsprofessor können Sie mit 60 immer noch werden; Sie gehören auf die Opernbühne!« Und sie empfahl ihm, sich Bernd Loebe vorzustellen. Das Vorsingen endete mit dem Angebot, fest ins Engagement nach Frankfurt zu kommen. Genau der richtige Platz für einen jungen Sänger, meint Kudaibergen Abildin. Das Ensemble ist so international wie die Stadt. Und es warten spannende Aufgaben: Nach dem Debüt als Rinuccio in Puccinis Trittico noch im Juli steht er in der Neuproduktion der Zauberflöte als Tamino auf der Bühne und singt im Laufe der Spielzeit zwei Rollen aus Tschaikowski-Opern: Lenski (Eugen Onegin) und Lukasch (Die Zauberin). Vielleicht kommt eines Tages noch eine Traumrolle aus dem italienischen Fach hinzu; nachdem er den Nemorino (L’elisir d’amore) in sein Repertoire aufgenommen hat, würde Kudaibergen irgendwann gern den Herzog in Verdis Rigoletto singen. Die Vorhersage sei gewagt: Mit dieser Stimme wird er sich schon bald in die Herzen des Frankfurter Publikums singen!

  • Quelle: Magazin
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