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  • Radio Klassik Stephansdom
  • # 26 | Herbst 2022
  • S. 44-45

Heinrich Schütz – der erste deutsche Rapper?

Text: Ursula Magnes

[Radio Klassik Stephansdom]

Es klingt zweifellos verwegen. Angeworfen mit der vergnüglichen Lust an der freien Assoziation. Sie macht das Hören von Musik wie das Betrachten von Kunstwerken zum sinnlichen Paarlauf einmal gewonnener Eindrücke. Hier der wichtigste deutsche Musiker des 17. Jahrhunderts, Heinrich Schütz, unter den Gelehrten Henricus Saggitarius genannt. Dort die schweren Jungs, die ihre sozialen politischen Überwerfungen mittels Sprechgesang von der Seele klopfen, „rappen“. Ein fragendes Gedankenspiel, um Staub von der Gewöhnung abzuputzen. Ein gewisser Luther-Kick ist gegeben. Die Motette „Es wird das Zepter von Juda nicht entwendet werden“ aus dem 1. Buch Mose steht am Beginn der wohl bekanntesten Werke von Heinrich Schütz, seiner Geistlichen Chor-Music 1648. Die kühne Musiksprache von Heinrich Schütz rüttelt den Bibelkundigen auf, klopft ihn ab – es „rappt“.

Im Vorwort zu seiner Schütz-Gesamtaufnahme mit dem Dresdner Kammerchor schreibt Hans-Christoph Rademann: „Beim Hören der Musik von Heinrich Schütz werden wir in die Lage versetzt, mit den Ohren zu sehen – und mit den Augen zu hören.“ Diese Gesamteinspielung (Carus) umfasst 28 CDs und bietet eine Hördauer von 29 Stunden 21 Minuten und 28 Sekunden. Angenommen man würde an Heinrich Schütz’ 350. Todestag am 6. November 2022 Punkt 00.00 Uhr mit dem Hören seiner Werke beginnen, man würde am folgenden Tag knapp vor Beginn des Allegro Magazins um 6 Uhr morgens ein Ende finden. Etwas Zeit verstreichen lassen, um mittags ein Köstritzer Bier zu genießen, was uns zum Anfang bringt. Heinrich Schütz wurde am 9. Oktober 1585 in Köstritz geboren. Heute Bad Köstritz an der Weißen Elster im thüringischen Landkreis Greiz gelegen, nördlich von Gera, bekannt für sein Schwarzbier. Die Eltern führten ein Gasthaus im näher Leipzig gelegenen Weißenfels, wo die musikalische Begabung des jungen Heinrich durch den Landgrafen Moritz von Hessen entdeckt und nachhaltig gefördert wurde. Moritz der Gelehrte (1572–1632) von Hessen-Kassel, ein an Kunst und Wissenschaft äußerst interessierter Fürst, eröffnete am 3. Oktober 1599 mit einer gelehrten lateinischen Rede seine Hofschule, das Collegium Mauritianum. Heinrich Schütz gehörte zur ersten Schülergeneration. Zwischen 1599 und 1608, insgesamt 9 Jahre, besuchte Schütz die Kasseler Hofschule, in der er eine gründliche und vielseitige Ausbildung unter anderem in den Sieben Freien Künsten erhielt. Entscheidend waren im weiteren Verlauf seine beiden Reisen nach Italien. Mit 23 Jahren traf er in Venedig auf den alten Giovanni Gabrieli und gut 20 Jahre später auf die „neue Musik“ von Claudio Monteverdi. Wie er das in sein eigenes Komponieren integrierte, wirkte bahnbrechend. Geoffroy Jourdain bemerkt zu seinem Schütz Album „David & Salomon“ mit Les Cris de Paris: „Der Titel des Albums signalisiert eine Veränderung, die sich über eine Nachfolge vollzieht und in der Person und Laufbahn von Schütz wunderbar zum Ausdruck kommt.

Ich sehe ihn als Bindeglied zwischen der deutschen und der romanischen Kultur, aber auch zwischen der Renaissancemusik seines Lehrers Giovanni Gabrieli und der anbrechenden Epoche der Barockzeit, mit der er ab dem Ende des Dreißigjährigen Krieges 1648 das Europa der Nationen entstand.“

Sein musikalisches „Gesellenstück“ legte Heinrich Schütz nach zweijährigem Studium bei Giovanni Gabrieli am 1. Mai 1611 gedruckt vor: Neunzehn italienische Madrigale, sein Opus 1. Schütz widmete die Madrigale in großer Dankbarkeit seinem Gönner Landgraf Moritz von Hessen. In seiner Vorrede zum Druckband schreibt er „sie haben mir den Anstoß gegeben, nach Italien zu gehen und mich in jene Woge zu stürzen, die ganz Italien mit höherem Rauschen als jede andere dahin reißt, so dass sie der Harmonie des Himmels ähnelt – ich meine den hochberühmten Gabrieli, der mich zum Teilhaber des Goldes seiner Künste gemacht hat...“

1617 wurde Schütz zum Kurfürstlichen–sächsischen Kapellmeister in Dresden ernannt. Der Dreißigjährige Krieg prägte sein Leben und Schaffen. Zwei Jahre vor dessen Ende resümiert er: „Wie auch die löbliche Musik von den anhaltenden und gefährlichen Kriegs-Läuften in unserm lieben Vaterlande nicht allein in großes Abnehmen geraten, sondern an manchen Orten ganz niedergelegt worden ist, steht neben anderem allgemeinen Ruin vor jedermanns Augen.“ Der deutsche Musikforscher Friedrich Chrysander bemerkt dazu in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als sich das Interesse für das Ältere langsam zu regen begann: „Es war der schon genannte Heinrich Schütz, welcher für deutsche Musik wirkte wie ein Heiliger für die Kirche; doppelt verdienstlich, da es in dem schrecklichen 30-jährigen Kriege geschah.“ Die Musik war dabei oft in Gefahr oder kam ganz zum Erliegen.

In seiner 55-jährigen Dienstzeit als sächsischer Hofkapellmeister in Dresden hatte Heinrich Schütz zahlreiche Schüler. Er unterrichtete sowohl die Kapellknaben als auch die von deutschen Höfen entsandten Musikstudenten. Als seine Schüler waren sie begehrte Kapellmeister, Konzertmeister oder Kantoren. In diesen Ämtern unterrichteten seine Schüler wiederum die nächste Musiker-Generation. So ist auch Johann Sebastian Bach über Johann Jacob Löwe ein Enkel-Schüler von Heinrich Schütz. Dieser ist auch zu Gast in Günther Grass' Erzählung „Das Treffen von Teltge“. Grass schildert dabei ein fiktives Treffen deutscher Dichter und Schriftsteller in Telgte im Jahre 1647 und verschlüsselt darin höchst kunstvoll das Treffen der Gruppe 47 nach dem Zweiten Weltkrieg. Heinrich Schütz wünsche sich „heiter, klagend, streitbare sogar widersinnig und der Tollheit verschriebene“ Verse, „wenn sie nur Atem trügen“. Rap…?!?

Im Lexikon der Kirchenmusik, herausgegeben von Günther Massenkeil und Michael Zywietz findet sich dazu folgende Einordung: „In der Figur Schütz’ tritt der neuzeitliche „musicus poeticus“ (gleichnamige Publikation des Musikwissenschaftlers Hans Heinrich Eggebrecht) auf den Plan, der zur Darstellung der sakralen wie profanen textlichen Aussage in bis dahin nicht gekannter, souveräner Weise auf die Stilmittel von Tradition und Avantgarde zurückzugreifen wusste und sich dadurch den Ruhm seiner Zeitgenossen wie Nachkommen sicherte.“

Vor allem mit seinen Geistlichen Konzerten und Motetten, ausdruckstiefen Psalmvertonungen und späteren Passionen schrieb er in diesem Sinne sowohl Musik- als auch Kirchenmusikgeschichte. Mit der Weihnachtshistorie „Historia Der Freuden- und Gnadenreichen Geburth Gottes und Marien Sohnes, Jesu Christi, SWV 435“ bereitete Schütz beispielsweise den Weg zur Herausbildung des deutschsprachigen Oratoriums. Das Evangelische Gesangbuch enthält mehrere Melodien aus seiner Feder. Er erlebte bereits das pompös gefeierte 100-jährige Jubiläum der Reformation, das Schütz als kurfürstlich-sächsischer Kapellmeister in Dresden musikalisch gestaltete. Seine Musik ist Verkündigung des Evangeliums in der Kirche Martin Luthers. Als erster deutscher Komponist mit europäischem Format – gern gesehen auch in Dänemark.

Der um 1550 errichtete Renaissancebau des Heinrich-Schütz-Hauses in Weißenfels beherbergt seit 1985 ein Museum. Den Höhepunkt bildet die wiederhergestellte Komponierstube, in der Schütz sein Alterswerk schuf. Als wertvollster Schatz werden hier zwei im Haus aufgefundene Notenfragmente von der Hand des Komponisten präsentiert. Etliche dieser Werke schuf er in seiner „Clause“ genannten Komponierstube im Dachgeschoss des Weißenfelser Hauses. Dort war sein Wahlspruch aus dem 119. Psalm angebracht: „Gott, deine Rechte sind mein Lied in meinem Hause.“ Ihn vertonte Schütz in seinem letzten Werk, dem „Schwanengesang“ (1671).

 

Radiotipp
Schwerpunkt Heinrich Schütz

November 2022
www.radioklassik.at/schuetz350

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  • S. 44-45

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