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  • Kabbala. Und nun war es in der Mitte der Nacht
  • Sirene Operntheater
  • 31. Oktober 2022 bis 14. Januar 2023
  • S. 21-22

Zu meinem ORatORium Kabbala

Text: René Clemencic

[Sirene Operntheater]

»Die Kabbala, wörtlich ›Überlieferung‹, nämlich Überlieferung von den göttlichen Dingen, ist die jüdische Mystik«. (Gershom Scholem) In ihrer tiefsten Tiefe aber geht sie über alles spezifisch Jüdische im herkömmlichen Sinn weit hinaus und spricht vom Menschen als solchem und seinem Weg in der Welt, seiner prinzipiellen »existentiellen Geworfenheit«, seinem prinzipiellen Ausgesetztsein (= Exil!), seiner Gottesferne und dem Entferntsein vom eigenen, wahren Selbst, von der Selbstwerdung und schließlich der »Rückkehr nach vorne«, ins himmlische Jerusalem. Wie wohl keine andere hat die jüdische Weisheit und Überlieferung alles, was uns zutiefst betrifft, formuliert und ausgesprochen.

»Das Wort ›jüdisch‹ bedeutet, ›den Herrn preisen‹, und man deutet dies als ›Staunen über den Jenseitigen, der doch in uns lebt, Sinn unseres Lebens ist‹. Das Wort ›hebräisch‹ bedeutet in der Sprache ›von der anderen Seite‹: Es ist das ›Land‹, das wir immer als das dem Zeitlichen und Räumlichen gegenüber empfinden. Das alte Wissen sagt, und unser Empfinden bejaht es, dass doch in jedem Menschen dieses Staunen lebt und in jedem Menschen das Jenseitige sich zeigt, ›in seinem Herzen, in seinem Munde‹. Ist nicht der Mensch, Adam, im Wort ›ich gleiche‹? Und sagt man nicht, dass Gott das so zum Menschen sagt, wie der Mensch, wenn er sich Adam nennt, es so zu Gott sagt? Altes jüdisches Wissen und jüdische Überlieferung seien also für jeden Menschen eine Freude. Ein Anlass zu staunen und ein Erleben des Ewigen im Gange der Zeiten.« (Friedrich Weinreb, in: »Zahl, Zeichen, Wort«)

Vor bzw. zwischen diese quasi beschreibenden Teile des Oratoriums sind traditionelle, kabbalistische Lautmeditationen (Prophetische Kabbala) über Gottes unaussprechlichen Vierbuchstabennamen, das Tetragrammaton, die zweiundzwanzig Buchstaben des hebräischen Alphabets, den grossen Gottesnamen aus 72 Buchstaben sowie den Namen der 72 und seine 72 Buchstabentriaden gestellt. Diese unkonkreten, im alltäglichen Sinne sinnlosen, unlogischen Lautkombinationen sollen nach Aussage der alten Kabbalisten den Geist von seiner Verstrickung ins Alltägliche, ins nur Kausale, befreien und öffnen für »jenseitige« Inspiration. Durch verschiedene Arten der Solmisation, bzw. Beachtung und akustische Umsetzung der kabbalistischen Zahlenstrukturen habeich bei diesem Oratorium mein Klangmaterial weitgehend nicht erfunden, sondern vielmehr gefunden. Diese Funde wurden von mir im ursprünglichen Wortsinn komponiert, also zusammengestellt. Stilistische Anklänge, an was auch immer, waren für mich dabei absolut zweitrangig. Ich meinte so dem kabbalistischen Prinzip am nächsten zu kommen. Dieses Prinzip des allgemeinen Weltzusammenhangs, von C. G. Jung tiefenpsychologisch als »Unus Mundus« angesprochen, wird in den heutigen Geistes- und Naturwissenschaften als Analogieprinzip bzw. als Struktur der Synchronizität dem kettenhaft aneinanderreihenden Kausalprinzip zur Seite gestellt.

Die Ursprache Hebräisch, in welcher jeder Buchstabe in wesensmässiger Einheit zugleich Zahl, Zeichen und Laut ist, ist wie keine andere geeignet, uns die notwendigerweise verlorenen Schlüssel zu den Türen des Lebens finden zu lassen. Ihre konkrete Weisheit war in den grossen Künstlern und Denkern des Abendlandes fast immer mehr oder weniger lebendig. Die Musik etwa eines J. S. Bach wäre ohne sie undenkbar.

In meinem Oratorium »Kabbala« soll der Weg der Welt und des Menschen zumindest in einem Äon, »bis zum Ende der Zeiten«, anklingen. Um der Schöpfung, der Welt und dem Menschen Raum zu geben, ihr eine Eigenexistenz zu ermöglichen, muss Gott sich ins eigene Exil (Zimzum) begeben.

Über die zehn Sefiroth (Zahlen), zehn Archetypen, zehn Hauptaspekte Gottes, eng mit den zehn Gottesnamen verbunden, faltet sich Gott in die Welt aus. Unsere Welt ist die Welt der zerbrochenen Gefässe, der zahllosen vertauschten Schlüssel, der Schalen, der Unreinheit, der Prüfungen, genau die Welt, die der »negative« Mystiker Franz Kafka so unübertrefflich schildert.

Die Gottesgegenwart, die »Schechina«, unsere heilige Braut, irrt im Exil weinend umher. Unser Weg ist eine bewusste Rückkehr zum Ursprung, keine negative Regression, sondern quasi eine »Rückkehr nach vorne«. Am Ende der Zeiten findet ein Kampf der Söhne des Lichtes mit den Söhnen der Finsternis statt. Den Abschluss bildet die Rückkehr ins himmlische Jerusalem, Zentrum unseres tiefsten Wesens und Vereinigung mit der Schechina.

Daran schließt sich noch der Dreischritt vom absoluten Licht (»Ajin Sof Or«) über das absolute Alles (»Ajin Sof«) zum absoluten Nichts (»Ajin«) an, der einem neuen Äon Raum gibt.

  • Quelle: Kabbala. Und nun war es in der Mitte der Nacht
  • Sirene Operntheater
  • 31. Oktober 2022 bis 14. Januar 2023
  • S. 21-22

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