• Magazin Klassik
  • Radio Klassik Stephansdom
  • # 27 | Winter 2022
  • S. 6-7

Die Musiksammlung des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum

Das historische Zentrum Tiroler Musik ist höchst lebendig

Text: Otto Biba

In: Magazin Klassik, # 27 | Winter 2022, Radio Klassik Stephansdom, S. 6-7 [Hörermagazin]

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden allenthalben – vornehmlich, aber nicht nur in Landeshauptstädten – Museen gegründet, immer auf Initiative von Einzelpersonen und meist auf Vereinsbasis organisiert. Eines der ältesten ist das Tiroler Landesmuseum, 1823 als „Tirolisches Nationalmuseum“ gegründet; weil Erzherzog Ferdinand damals das Protektorat über den Museumsverein übernahm, erhielt es den Namen Ferdinandeum. Es hatte den Zweck der „Förderung und nachhaltigen Entwicklung der Kunst, Kultur, Wissenschaft und Forschung“ in Tirol. Dazu brauchteman Objekte, die gesammelt werden mussten. Und damit sind wir schon bei den wichtigsten Aufgaben und Kernkompetenzen eines Museums: Die liegen nicht in der den Besuchern zugänglichen Schausammlung, sondern im Sammeln und Dokumentieren von Objekten, in der wissenschaftlichen Beschäftigung damit und im Vermitteln der so erworbenen Kenntnisse. Nur die schönsten, interessantesten, lehrreichsten und deshalb wichtigsten Stücke werden zur Besichtigung in Dauer- oder Sonderausstellungen ausgestellt. Das heißt, die landläufige Vorstellung von Museum und Museumsbesuch, also das Ausstellen und Anschauen, gilt mehr einer Folge der dort geleisteten Arbeit und immer nur einem kleinen ausgewählten Teil des dort Vorhandenen. Das gilt auch für das Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum.

Kunst, Kultur und Wissenschaft des Landes sollten dort dokumentiert und erforscht werden. Zu diesen drei Säulen zählt auch die Musik, und der wurde dort seit der Gründung eine besondere Aufmerksamkeit geschenkt, in der Musiksammlung wie in der Bibliothek. In Letzterer sind mittelalterliche Handschriften und Literatur gesammelt, in der Musiksammlung Musikalien, Musikdokumente aller Art und Musikinstrumente sowie aus der jüngeren Vergangenheit Tonträger. Musiksammlungen müssen nicht immer Musikarchive heißen, auch ein Museum kann und soll in seiner ursprünglichen Zweckbestimmung Aufgaben eines Musikarchivs erfüllen. Das Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum zeigt das in besonderem Maße, weil dort von Beginn an die Musik als Kunst, als Phänomen der Kultur und die Beschäftigung mit ihr als wissenschaftliche Aufgabe einen besonderen Platz hatte.

Die Musikaliensammlung zählt 30.000 Drucke vom 16. bis zum 20. Jahrhundert sowie Handschriften. Einen besonderen Schwerpunkt bilden Musik-Handschriften und -Drucke aus Tiroler Klöstern wie Kirchen, die Einblicke in die Fähigkeit zum Musizieren im städtischen Milieu wie in kleinsten Landkirchen ermöglichen, die zeigen, welches anspruchsvolle Repertoire gepflegt wurde, aber auch das Niveau der so genannten Schullehrermusik in den entlegensten Seitentälern erkennen lassen. Sie repräsentieren nicht tradierte und improvisierte Volksmusik, sondern komponierte Musik, die es nach den Anforderungen des Komponisten zu produzieren gilt. Es gibt aber auch Musikalien aus der bürgerlichen und adeligen Musikpflege, wie zum Beispiel die übernommene Musikaliensammlung der Familie von Vindler. Nachlässe von Tiroler Komponisten sind ideale Studienobjekte und zum Erklingen zu bringende Zeugnisse für die Einordnung der Tiroler Musikszene in die europäische. Wieviel von führenden europäischen Komponisten in das europäische Herzland Tirol gekommen ist und dort rezipiert wurde, kann man nach einem Blick in die Kataloge der Musikaliensammlung abschätzen. À propos Tirol: Das ist für das Ferdinandeum immer das historische Tirol, also Nord-, Süd- und Osttirol, sowie Welschtirol, also das Trentino. Das Tiroler Volksliedarchiv ist seit 2020 dem Museum zugeordnet. Der Musikalienbestand des Innsbrucker Musikvereins ist als Leihgabe im Haus, wo er wissenschaftlich aufbereitet wurde und betreut wird. Die Konzerte des Musikvereins deckten den Bedarf an öffentlichem Konzertleben ab, brachten groß besetzte Werke der europäischen Musik nach Tirol und waren das Tor der Tiroler Musik in die weite Musikwelt.

Die Musikinstrumentensammlung zählt mit 400 Objekten zu den größten Österreichs. In ihr ist der historische Standard des Musikinstrumentenbaus dokumentiert. Es gibt sechs unumstritten echte Streichinstrumente von dem großen Tiroler Geigenbauer Jacob Stainer, von dem Instrumente sogar in der Leipziger Thomaskirche unter J. S. Bach in Verwendung standen. Ein Regal, das ist eine kleine Tisch-Orgel nur mit Zungenpfeifen, aus der Zeit um 1600, ein Hammerflügel von Conrad Graf aus Wien (um 1835) und ein besonders klangschöner Flügel des Innsbrucker Klavierbauers Johann Georg Gröber (um 1825) sind weitere Glanzstücke der Sammlung, ganz abgesehen von etlichen sehr bemerkenswerten Blasinstrumenten.

Diese Musiksammlung des Tiroler Landesmuseums versteht sich als Service-Einrichtung für Musiker und Wissenschaftler, aber auch für Heimatkundler, als Unterstützer der Medien sowie als Anlaufstelle für alle einschlägigen Fragen im öffentlichen Diskurs.

Ein ausgewählter kleiner Teil dieser Bestände der Musiksammlung ist – vor kurzem nach modernsten museumspädagogischen Grundsätzen neu aufgestellt – zu besichtigen. Geradezu einzigartig und unvergleichlich ist die öffentliche Präsenz der Musiksammlung des Tiroler Landesmuseums. Jährlich gibt es ca. 20 Konzerte mit Werken wie Instrumenten aus den Beständen, die von acht Konzerten ausschließlich zur Thematik „Innsbrucker Hofmusik“ ergänzt werden, und einmal monatlich (mit Ausnahme der Sommermonate) wird zur weitgehend auf Museumsbesitz basierenden Veranstaltung „Alte Musik im Gespräch“ geladen. Diese Innsbrucker Konzertaktivitäten werden fallweise auch mit Konzerten außerhalb Innsbrucks ergänzt, etwa wenn der Gröber-Flügel in Gröbers Geburtsort Pettnau gebracht und dort gespielt wurde. Aber nicht nur das: In bisher über 160 CDs wurden Tiroler Musik und die Musiksammlung des Museums dokumentiert; es werden also nicht nur Aufnahmen von Musik und Instrumenten gemacht, sondern diese werden im Booklet auch wissenschaftlich kommentiert. Für solche umfassenden Dokumentationen sind CDs ein unersetzliches Medium. Es gibt keine andere Musiksammlung, die dieses Medium so intensiv nützt, um die eigenen Bestände klanglich wie wissenschaftlich zu dokumentieren und überregional präsent zu machen.

Ein lebendiges Museum, eine höchst aktive Musiksammlung, deren Mitarbeiter – der Sammlungsleiter Dr. Franz Gratl und Mag. Dr. Andreas Holzmann – aber nicht nur mit diesen Aktivitäten den Aufgaben des Museums dienen, sondern auch mit wissenschaftlichen Publikationen und bei wissenschaftlichen Veranstaltungen. Dazu gibt es auch noch aktuelles (Er-) Forschen, denn wer, wenn nicht die Musiksammlung des Tiroler Landesmuseums, soll in ganz Tirol mit offenen Augen und rechtem Spürsinn nach historischen Musik- und Instrumentenbeständen suchen und auf deren Bedeutung aufmerksam machen?

  • Quelle: Magazin Klassik
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