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  • Magazin
  • Oper Frankfurt
  • März/April 2020
  • S. 20-21

Premiere Inferno

Dantes Reise

Text: Konrad Kuhn

[Oper Frankfurt]

»Lasciate ogni speranza, voi ch’entrate!« – »Lasst alle Hoffnung fahren, die ihr hier eintretet!« So heißt es im Dritten Gesang der Göttlichen Komödie; so steht es am Eingangstor zur Hölle, und so wird es auch im Eingangsbereich des Bockenheimer Depots zu lesen sein. Denn mit Dante begeben sich die Zuschauer*innen auf eine Reise durch das Inferno, den ersten Teil der Divina Commedia. Die neun Höllenkreise nehmen nicht nur in den Versen von Dante Alighieris epochalem Werk, entstanden zwischen 1307 und 1321, Gestalt an, sondern auch in der Musik der italienischen Komponistin Lucia Ronchetti.

Die Oper Frankfurt ist bekannt für ihre kontinuierliche Pflege des zeitgenössischen Musiktheaters, mit regelmäßigen Kompositionsaufträgen und Uraufführungen. Diesmal haben wir uns mit dem Schauspiel Frankfurt zusammengetan. Herausgekommen ist bei dem von der Ernst von Siemens Musikstiftung geförderten Auftrag ein Werk, das Sprech- und Gesangsrollen vereint, mit einem Vokalquartett und einem Chor. Gesungen wird auf Italienisch, gesprochen auf Deutsch. Lucia Ronchetti nennt es eine Oper. Das Libretto stellte die Komponistin selbst zusammen aus Dantes Terzinen. Nur für den Epilog trat sie an den italienischen Romanautor und Sprachkünstler Tiziano Scarpa heran, der ihr einen anarchisch-komischen, gedankentiefen Text schrieb. Eigenwillig die Instrumentierung: Es kommen ausschließlich Blechblasinstrumente zum Einsatz sowie zwölf Pauken und ein Streichquartett, das vor allem den Epilog bestreitet. Dafür wurde das international renommierte Schumann Quartett verpflichtet.

 

Theater und Digitalität

Für die Inszenierung konnten zwei Regisseure gewonnen werden, die für das Einbeziehen virtueller Mittel in die Ästhetik einer Theateraufführung bekannt sind. Kay Voges, der das Theater Dortmund im Sommer 2020 als Intendant nach zehn Jahren verlässt und in der kommenden Spielzeit das Volkstheater in Wien übernimmt, ist in Frankfurt kein Unbekannter: Er hat bereits am Schauspiel gearbeitet und mit Tom Lanoyes Königin Lear eine bildkräftige Inszenierung geschaffen, in Dortmund und Hannover aber auch Opern wie Tannhäuser, Der Freischütz und Aida inszeniert. Marcus Lobbes hat zuletzt mit Elizabetta von Gabriel Prokofiev am Theater Regensburg eine Opernuraufführung verantwortet und arbeitet im Sprechund Musiktheater ebenso wie im Film als Bühnenbildner und Regisseur. Ende März 2019 nahm die dem Theater Dortmund angegliederte, u.a. von der Bundeskulturstiftung geförderte Akademie für Theater und Digitalität den Betrieb auf. Ihr Gründungsdirektor heißt Kay Voges, ihr künstlerischer Leiter ist Marcus Lobbes.

Für die Uraufführung der Oper Inferno von Lucia Ronchetti haben die beiden Regisseure einen der ersten abendfüllenden Spielfilme der Kinogeschichte als Bezugspunkt gewählt: den 1911 in Mailand fertiggestellten Stummfilm Inferno von Francesco Bertolini, Adolfo Padovan und Giuseppe de Liguoro. In aufwendig gedrehten eigenen Videosequenzen beziehen sie sich auf den Stummfilm mit seiner expressionistischen Bildsprache und bringen die so geschaffene virtuelle Welt mit den szenischen Vorgängen in vielfältige Beziehung. Marcus Lobbes über die geplante Herangehensweise: »Um einen sinnlichen Eindruck der Reise Dantes durch die Höllenkreise zu ermöglichen, wollen wir die Form des Kino-Orchesterkonzerts variieren – nicht das Orchester begleitet einen bekannten Film, sondern wir re-enacten, im Video sowie live auf der Bühne, den Film Inferno nach Dantes Göttlicher Komödie von 1911, die erste große Kinoproduktion Italiens.«

Der Regisseur weiter: »Wir werden eine Mischung aus Teilen des Originalfilms und neu gedrehten Szenen, die dramaturgisch-assoziativ die beschriebenen Bilder des Originals mit Zitaten unserer Zeit überschreiben, erarbeiten – analog zu Lucia Ronchettis musikalischer Bezugnahme quer durch die musikalischen Formen und Epochen. Diese Videoebene kombinieren wir mit einer Art oratorischer, also halbszenischer Darstellung. Auch das nimmt wieder Bezug auf den Film von 1911, der einiges an Innovation bietet – wie zum Beispiel Doppelbelichtungen, Verwandlungen durch Trickschnitte, den ersten Kameraschwenk, aber auch das Aufbrechen der traditionellen Erzählstruktur in Form von Rückblenden. Die im Bockenheimer Depot gegebene räumliche Situation macht es möglich, durch eine aufgefächerte Aufstellung, vor allem des Schlagzeugs, einen Raumklang zu erzeugen – die Verschmelzung von Zeit und Raum durch Szene, Bild und Klang schafft ein großes immersives Gesamtwerk.«

Die musikalische Leitung hat Tito Ceccherini, der an der Oper Frankfurt zuletzt bei Bellinis I puritani und Janáčeks Aus einem Totenhaus am Pult stand. Er hat schon einige Werke von Lucia Ronchetti dirigiert und ist mit ihrer klangsinnlichen, mit Stilzitaten gespickten, dabei stets unverwechselbaren musikalischen Sprache vertraut.


INFERNO Lucia Ronchetti *1963

OPER
Text von Lucia Ronchetti nach Dante Alighieri, mit einem Epilog von Tiziano Scarpa. Auftragswerk von Oper und Schauspiel Frankfurt. In deutscher und italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

URAUFFÜHRUNG Samstag, 18. April, Bockenheimer Depot

VORSTELLUNGEN 22., 24., 26., 29. April / 1., 3., 5., 7., 9. Mai

MUSIKALISCHE LEITUNG Tito Ceccherini INSZENIERUNG Kay Voges, Marcus Lobbes VIDEO-ART Robi Voigt BÜHNENBILD Pia Maria Mackert KOSTÜME Mona Ulrich LICHT Marcel Heyde DRAMATURGIE Konrad Kuhn, Ursula Thinnes

DANTE Sebastian Kuschmann DANTES INNERE STIMME Jan Jakub Monowid, Matthew Swensen, Frederic Mörth, Eric Ander FRANCESCA Karolina Makuła° ULISSE Alexander Kravets LUCIFERO Alfred Reiter, Frederic Mörth, Matthew Swensen VERDAMMTE SEELEN Frank Albrecht, Ralf Drexler, Anna Kubin, Florian Mania, Andreas Vögler VOKALENSEMBLE, SCHUMANN QUARTETT

° Mitglied des Opernstudios

 

Koproduktion mit [Logo] Schauspiel Frankfurt

Mit freundlicher Unterstützung [Logo] Aventis Foundation

Kompositionsauftrag finanziert durch [Logo] Ernst von Siemens Musikstiftung

  • Quelle: Magazin
  • Oper Frankfurt
  • März/April 2020
  • S. 20-21

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