- Magazin Klassik
- Radio Klassik Stephansdom
- # 39 | Winter 2025
- S. 40-42
Die Eskapaden des Lorenzo da Ponte
Text: Elisabeth Theresia Hilscher
In: Magazin Klassik, # 39 | Winter 2025, Radio Klassik Stephansdom, S. 40-42 [Hörermagazin]
Wissen Sie, wie der erste Opern-Impresario von New York hieß? Eine Frage, wie gemacht für die Millionenshow, die selbst große Opernkennerinnen und -kenner nur selten beantworten können. Es war ein konvertierter venezianischer Jude, der sich – unter dem Schutz des geistlichen Standes – als Gelegenheitsdichter durchschlug, bis er seine Berufung als Librettist fand. Mit rund 40 Jahren emigrierte er in die Neue Welt. Sein Name? Lorenzo da Ponte. DIESER da Ponte? Genau dieser!
Was sich in der Kürze wie ein „glatter Lebensweg“ anhört, war ein Mäandrieren durch unterschiedliche Berufe und Städte, gezeichnet von Intrigen, Liebschaften, Schulden, Gönnern und Neidern. Das kommt Ihnen bekannt vor? Es ist nicht zu leugnen, dass die Memoiren des Lorenzo da Ponte (ab circa 1820 in New York verfasst) denen von Giacomo Girolamo Casanova aus den Jahren 1789/90 in vielen Aspekten ähneln. Allerdings entstanden beide nachweislich unabhängig voneinander: als Memoiren zweier für das späte 18. Jahrhundert typischer Lebenskünstler.
Memoiren sind zwar meist amüsant zu lesen, doch als historische Quellen von höchst zweifelhaftem Wert, da sie als Rechtfertigung des eigenen Lebens geschönt und geglättet werden. Und wenn für eine größere Öffentlichkeit bestimmt, mussten die erzählten Episoden in geschickter Dramaturgie zu einem kunstvollen „Roman des Lebens“ gewoben werden mit einem strahlenden Helden als Erzähler. Historische Genauigkeit war hier weniger gefragt, sollte doch das „dramma giocoso“ des Lebens für die Leserinnen und Leser spannend gestaltet werden, um schließlich – ganz Oper – mit einem lieto fine, einem happy end, zu schließen. Doch ebenso wichtig war es Casanova wie da Ponte, sich als „Kinder der Aufklärung“ zu präsentieren, denen die Freiheit des Geistes über alles ging, die sich durch das Leben treiben ließen, ungebunden und nicht bereit, für andere Verantwortung zu übernehmen – ganz dem Bild des „Libertin“ entsprechend, dem Freidenker und Freigeist, der in seiner exzessiven Form keine Regeln kennt außer jene der eigenen Lust und Moral, und Sitten zynisch verlacht. Der Vicomte de Valmont sowie die Marquise de Merteuil in Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos Briefroman „Le Liaisons dangereuses“ (1782, besser bekannt durch die Verfilmung 1998 unter dem Titel „Gefährliche Liebschaften“) sind solche rücksichtslosen Libertins, ebenso da Pontes Gestalten des Don Giovanni bzw. Don Alfonso in „Così fan tutte“.
Und da Ponte selbst? Der war wohl eher ein „Möchtegern-Libertin“, auch kein Zyniker und blieb in letzter Instanz immer seiner katholischen Erziehung verpflichtet. Ganz Kind des ancien régime spielte er gekonnt mit dem alles durchdringenden Patronage-System. Und eine Spielernatur war da Ponte von ganzem Herzen: in den Ridotti (Casinos) von Venedig ebenso wie auf den Bühnen Europas, selbst sich in zahllosen „Rollen des Lebens“ präsentierend, um, wenn es brenzlig wurde, sich wie seine Bühnenfigur Don Basilio in „Le nozze di Figaro“ unter den Schutz und Sicherheit versprechenden Rock des Geistlichen zu flüchten. Fast autobiographisch hört es sich an, wenn Don Basilio singt: „una pelle di somaro“ [„eine Eselshaut“] habe ihm Frau Phlegma „in quegli anni in cui val poco la mal pratica ragion“ [„in jenen Jahren, in denen der unerfahrene Verstand wenig wert ist“] geschenkt – und egal, ob es nun blitzt und donnert, immer schütze ihn die Eselshaut (in Aufklärerkreisen ein Synonym für priesterliche/geistliche Kleidung) vor Unbill. Die Lehre, die Don Basilio daraus zieht, scheint direkt aus dem Munde da Pontes entsprungen: „Così conoscere mi fe’ la sorte / ch’onte, pericoli, vergogna e morte / col cuoio d’asino fuggir si può.“ [„So lehrte mich das Schicksal, / dass man Schande, Gefahr, Scham und Tod / in der Eselshaut entgehen kann.“] („Le Nozze di Figaro“, 4. Akt, Szene 7)
Eine geistliche Laufbahn war dem am 10. März 1749 in der kleinen Stadt Cèneda (heute ein Teil von Vittorio Veneto) auf dem Festland von Venedig geborenen Sohn eines jüdischen Leder- und Pelzhändlers keineswegs in die Wiege gelegt. 1763 konvertierte die gesamte Familie zum Christentum und nahm den Namen des Bischofs an – aus Emmanuele Conegliano wurde somit Lorenzo da Ponte. Die katholische Kirche bot in dieser Zeit neben einer spirituellen Heimat auch die Möglichkeit von Bildung und sozialem Aufstieg – und nach beidem strebte der junge Lorenzo. Weniger aufgrund innerer Berufung als mit der Aussicht auf eine lebenslängliche Versorgung fiel 1768 der Entschluss, die Priesterlaufbahn einzuschlagen. Dass ihm Dichtung und Rhetorik mehr lagen als Theologie, hatte da Ponte rasch herausgefunden und er konnte auf eine Reihe prominenter Vorbilder verweisen, die sich ebenfalls unter dem Schutz von Kirche und Weihe eher mit Musen als mit Heiligen beschäftigten: Der kaiserliche Hofpoet Pietro Metastasio war ebenso Priester wie Antonio Vivaldi, der sich aus Krankheitsgründen vom Messelesen dispensieren hatte lassen, um dann das aufreibende Leben eines Virtuosen und Opernimpresarios zu leben. Man musste es nur geschickt anstellen ...
1773 erhielt da Ponte die niederen Weihen, was ihm die Nutznießung der Benefizien der katholischen Kirche ermöglichte, ohne sich den Einschränkungen, die die Priesterweihe seinem nach Freiheit strebenden Geist auferlegt hätte, unterwerfen zu müssen. Doch sein Umzug zum „ewigen Maskenball“ nach Venedig sorgte dafür, dass der junge Abate sich mehr anderen Studien hingab als denen der Theologie. 1779 wurde da Ponte wegen Ehebruchs und Konkubinats für 15 Jahre aus Venedig verbannt und über Görz und Dresden von Caterino Mazzolà 1783 nach Wien dem aufgeklärten Kaiser Joseph II. empfohlen (ein geschickter Schachzug des Dichter-Kollegen, um den lästigen Konkurrenten loszuwerden).
Obwohl da Ponte schon eine Reihe an Huldigungsgedichten und Satiren verfasst hatte, fehlte ihm jegliche Erfahrung als Librettist. Doch scheute der Kaiser keineswegs vor dessen „jungfräulicher Muse“ zurück und spannte den „Opern-Novizen“ mit dem „alten Hasen“ Antonio Salieri zusammen, der nun dem 34-jährigen Abaten das Libretto-Schreiben beizubringen hatte. Da Ponte lernte faszinierend schnell und schrieb alleine in den Jahren 1783–1791 19 Libretti und einen „Bühnen-Hit“ nach dem anderen – „La scuola de’ gelosi“, „Il ricco d’un giorno“, „Le nozze di Figaro“, „Una cosa rara“, „Il dissoluto punito ossia il Don Giovanni“, „Axur, re d’Ormus“ oder „Così fan tutte“. Die Theaterwelt des josephinischen Wien war jedoch alles andere als bieder und züchtig, sondern ein Mittelding aus Wespennest und Schlangengrube, überzogen mit einer „Glasur“ exzessiver Feste und garniert mit Frau Venus und ihren „Priesterinnen“ – und da Ponte war mitten drinnen. Höhepunkt von da Pontes Wiener Eskapaden und Exzessen war der Säureanschlag eines Nebenbuhlers, der da Ponte zwar nicht das Leben, aber seine Zähne kostete.
Nach dem Tod Josephs II. musste da Ponte weiterziehen und reiste über Prag und Dresden nach London, um dort auf neuem Terrain sein Glück zu versuchen. Aufgrund seiner hohen Sprachbegabung und einer noch stark italienisch geprägten europäischen Theaterlandschaft war es ihm immer rasch gelungen, sich an neuen Orten zu etablieren – zur Not verdingte er sich anfangs als Lehrer für die italienische Sprache. Doch der Sprachlehrer wurde in London bald wieder zum Librettisten: Ab 1793 gingen am King’s Theatre in zehn Jahren 28 Premieren basierend auf da-Ponte-Libretti über die Bühne. Auch die „Weiberg’schichten“ fanden in London ein Ende, als ihm mit der 20 Jahre jüngeren Nancy Grahl im King’s Theatre die Frau seines Lebens über den Weg lief, die aus dem Möchtegern-Libertin rasch einen Pantoffelhelden machte.
Doch zwielichtige Geldgeschäfte brachten da Ponte ab 1800 auch hier in ernste Bedrängnis, sodass er 1804 zuerst seine Familie nach Amerika schickte und 1805 selbst vor seinen Gläubigern dorthin flüchtete. Ganz Glücksritter versuchte er sich zuerst in unterschiedlichen Sparten, bevor er wieder zur angestammten Profession des Sprachlehrers für Italienisch zurückkehrte und 1825 sogar eine Professur am Columbia College (dem Vorgänger der Columbia University) in New York erhielt. Und die Theater- und Opernwelt? Die war selbst in großen Städten Amerikas noch kaum vorhanden. Wer Oper wollte, musste diese selbst organisieren. Das tat der nunmehrige Professor, indem er 1825 Mozarts (und seinen) „Don Giovanni“ erstmals in den USA aufführen ließ. Ab 1830 sammelte da Ponte für die Errichtung eines ersten ständigen Opernhauses in New York, das 1833 als „Italian Opera House“ eröffnet wurde.
Doch der Erfolg des Hauses war mäßig, bereits 1836 fiel es einem Brand zum Opfer und wurde schließlich 1839 demoliert. Dennoch war es da Ponte gelungen, den „Opern-Virus“ auf das amerikanische Publikum zu übertragen, was er, wie er stolz am Schluss seiner Memoiren festhielt, auf seine hervorragenden Texte (und wohl auch ein wenig auf die nicht minder hervorragende Vertonung derselben) zurückführte:
„Ein Amerikaner, ein großer Musikliebhaber und Kenner der italienischen Sprache, saß bei der Aufführung einer sehr beifällig aufgenommenen italienischen Oper neben mir. In der Mitte des ersten Aktes sagte er zu mir: ‚Herr Da Ponte, nach Beendigung der Arie, die gerade gesungen wird, möchte ich ein bißchen schlafen. Bitte versprechen Sie mir, mich zu wecken, wenn wieder eine schöne Arie kommt. Diese Oper ist das beste Schlafmittel, das ich kenne; sie gleicht darin allen, die aus Italien kommen.‘ Ich wußte nicht, was ich ihm antworten sollte. Schon nach einigen Minuten hörte ich ihn schnarchen. […] Drei Tage später wurde wieder ‚Don Giovanni‘ gegeben. Ich ging schon morgens ins Theater, sah den Namen dieses Amerikaners auf der Liste der Billett-Bestellungen und setzte meinen Namen neben den seinigen. […] Am Ende des ersten Aktes wollte ich ihm etwas sagen, aber er gebot mir Stillschweigen. Nach Schluß der Vorstellung entschuldigte er sich und fragte, was ich ihm hätte sagen wollen. ‚Ich wollte Sie nur fragen, ob Sie wieder Lust zu schlafen hätten, und Ihnen versichern, daß ich gern bereit gewesen wäre, Sie wie vor einigen Tagen zu wecken.‘ ‚Vielleicht morgen‘, erwiderte er, ‚aber bei einem solchen Stück schläft man nicht nur nicht ein, sondern ist derart ergriffen, daß man die ganze Nacht wachbleiben möchte.‘ Dieses Kompliment schmeichelte meiner Eigenliebe um so mehr, als ich beobachtet hatte, daß er die Rezitative ebenso aufmerksam angehört hatte wie die erhabensten Stücke.“ [Lorenzo da Ponte, Mein abenteuerliches Leben. Die Memoiren des Mozart-Librettisten. Deutsche Neufassung von Walter Klefisch. Hamburg 1960, S. 232–233.]
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