• Foyer5
  • Landestheater Linz
  • #38 | Jänner-März 2026
  • S. 22-25

Premierenfieber

Wie kommt die Rührung in die Oper?

Kunst und Leben bei Puccini

Text: Christoph Blitt

In: Foyer5, #38 | Jänner-März 2026, Landestheater Linz, S. 22-25 [Publikumszeitschrift]

Es ist eine der ergreifendsten Szenen der gesamten Opernliteratur: Der Tod der Sklavin Liù im dritten Akt von Giacomo Puccinis Turandot. Die Situation ist hier folgende: Seit er ihr einmal zugelächelt hat, ist Liù voller Bewunderung und Demut gegenüber dem Prinzen Calàf – oder anders formuliert: Sie ist heimlich in ihn verliebt. Doch Calàf hat nur Augen für die schöne, erhabene, rätselhafte chinesische Prinzessin Turandot, die sich aber allen Männern verweigert. Calàf steht zwar das Recht zu, sie zu heiraten, doch er beugt sich ihrem Flehen, diesen Schritt nicht gehen zu müssen, indem er ihr ein Rätsel aufgibt: Wenn sie seinen Namen, den in China keiner kennt, errate, dann darf Turandot Calàf töten. Als Turandots Schergen Liù in die Hände fällt, die den Namen des Prinzen kennt, demütigt und foltert man sie. Um den Namen nicht zu verraten, tötet sie sich selbst, nicht ohne davor jedoch in einer berührenden Arie der Rivalin Turandot zu prophezeien, dass auch in deren kaltes Herz die Liebe einst einziehen werde.

Die ebenso aufopferungswillige wie aussichtslose Liebe dieser jungen Frau Liù zu einem Mann, der nichts von ihr wissen möchte; diese Worte voller Zartheit und Lebensklugheit, die sie an Turandot richtet; die anrührende Fragilität und Intensität von Puccinis Musik an dieser Stelle; und nicht zuletzt der Umstand, dass diese Todesszene das Letzte war, was Puccini in seinem Leben komponiert hat – denn er starb, bevor er das sich an Liùs Tod anschließende Schlussduett von Calàf und Turandot vollenden konnte – all das beschreibt nur ansatzweise, was die ergreifende Aura der bewussten Szene ausmacht.


Skandal im Hause Puccini

Puccini war ja generell ein Komponist, der mit großer Sympathie das Leiden seiner weiblichen Protagonistinnen in einer männerdominierten Welt in solche Töne goss, die sein Publikum zu Tränen rühren konnten. Dennoch nimmt die Todesszene der Liù hier eine Sonderstellung ein, weil das Schicksal von Liùs Tod beim Komponisten Erinnerungen an eine der dunkelsten und dramatischsten Episoden seines Lebens geweckt haben mag.

Es war im Jahre 1908 gewesen. Puccini war damals auf der Höhe seines Ruhmes. Die Einnahmen seiner Opern haben ihn zum Millionär gemacht. Er hatte sich in dem kleinen Örtchen Torre del Lago direkt an einem See eine Villa bauen lassen, wo er und seine Frau Elvira die meiste Zeit wohnten und lebten. Eines Tages im Oktober gab es auf einmal lautes Geschrei in der Villa: Elvira Puccini unterstellte in einer Tirade von wüsten Beschimpfungen dem 23-jährigen Dienstmädchen Doria Manfredi ein Verhältnis mit dem Komponisten. Fakt ist, dass Puccini zahlreiche Affären hatte, sodass die übersteigerte Eifersucht Elviras sehr wohl ihre Berechtigung hatte. Doch im Falle Dorias deutete alles daraufhin, dass Puccini diesmal ausnahmsweise unschuldig war. Elvira wollte das allerdings nicht glauben, wenn sie wenig später Doria auf offener Straße als Schlampe und Hure beschimpfte und ihr drohte, sie im nahen See zu ertränken. Elvira ging sogar so weit, sich als Mann zu verkleiden, um Puccini heimlich zu folgen und auszuspähen, ob er sich mit Doria trifft. Bis hierher liest sich die Geschichte noch wie die Handlung einer Opera buffa. Doch am 29. Jänner 1909 starb Doria, nachdem sie sich einige Tage zuvor mit Desinfektionsmittel vergiften wollte. Die von ihr selbst gewünschte Obduktion ergab, dass sie noch Jungfrau gewesen war. Das entlastete Puccini, während Elvira sich wegen übler Nachrede vor Gericht verantworten musste und fast hätte ins Gefängnis gehen müssen, wenn nicht Puccini durch eine große Summe Geldes Dorias Familie dazu gebracht hätte, die Anzeige zurückzuziehen.


Kompensationen

Die junge Frau, die nicht nur in Abhängigkeit zu einem Mann steht, der für sie unerreichbar ist und einer anderen Frau zugetan ist, sondern auch unschuldigerweise so gedemütigt wird, dass sie Selbstmord begeht: Die Parallelität zwischen der Konstellation Doria, Giacomo und Elvira auf der einen Seite und Liù, Calàf und Turandot auf der anderen liegt auf der Hand.

Natürlich sollte man sich immer davor hüten, zu schnell vom Leben eines Künstlers auf sein Werk zu schließen (und umgekehrt). Gleichwohl sprechen einige Indizien bei Puccini dafür, dass er den Frauen in seinen Opern mit der Achtsamkeit und dem Mitleid begegnete, die der notorische Schürzenjäger und Verführer Puccini im realen Leben vermissen ließ. War das Werk hier also eine Kompensation seines schlechten Gewissens, wenn in der Wirklichkeit sein Blick für die Verwundbarkeit des anderen Geschlechts durch den ihm eigenen Machismo getrübt war? Das wäre zumindest eine Erklärung für die selbst für Puccinis Verhältnisse nochmals gesteigerte berührende Emotionalität in Liùs Todesszene mit ihren deutlichen Überschneidungen von Leben und Kunst. Die Doria-Affäre hatte Puccinis Ehe mit Elvira verständlicherweise in eine tiefe Krise gestürzt. Doch das Paar sollte sich später wieder einander annähern. Dass Puccini in Turandot auch seine Schuldgefühle gegenüber seiner Frau hätte kompensieren können, blieb ihm allerdings versagt. Denn er starb, bevor er das Finale vollenden konnte, in welchem sich Turandot von der männermordenden Prinzessin mit einem Herz aus Eis zur liebenden Frau wandelt. Aber Puccinis letzte Worte, die er wegen seiner Kehlkopfkrebserkrankung auf einen Zettel schrieb, bringen sein Verhältnis zu Elvira nochmals auf den Punkt, wenn er schreibt: „Und Elvira, arme Frau, Ende.“

 


 

TURANDOT
Oper in drei Akten von Giacomo Puccini mit einem Finale von Luciano Berio

Enrico Calesso (Musikalische Leitung) Jasmina Hadžiahmetović (Regie)

Mit Elena Batoukova-Kerl, Carlos Cardoso, Christian Drescher, Erica Eloff, Fenja Lukas, Dominik Nekel u. v. m

Ab 17. Jänner 2026
Großer Saal Musiktheater