Oper am Klavier
Mozart-Fragmente
Geschichten um ein „unvollendetes“ Portrait
Text: Christoph Blitt
In: Foyer5, #38 | Jänner-März 2026, Landestheater Linz, S. 32-33 [Publikumszeitschrift]
Wie sah Wolfgang Amadé Mozart eigentlich aus? Mancher mag diese Frage nicht ganz verstehen, da doch einem das gemalte Antlitz dieses Komponisten von jeder nach ihm benannten kalorienreichen Kugel entgegenblickt. Doch hier gilt zu bedenken, dass diese Konterfeis keine authentischen Bilder Mozarts darstellen. Bestenfalls orientieren sie sich an zeitgenössischen Porträts. Unter den relativ wenigen Gemälden und Zeichnungen Mozarts, bei denen man sich sicher ist, dass sie zu des Komponisten Lebzeiten entstanden sind und tatsächlich auch wirklich Mozart zeigen, nimmt das Porträt seines Schwagers Joseph Lange eine Sonderstellung ein. Dies ist vor allem dem Umstand geschuldet, dass es unvollendet zu sein scheint und dass – damit in Zusammenhang stehend – es durch den schwarzen Hintergrund im oberen Bildteil und die erkennbare braune Leinwand im unteren Drittel von düsterer Ausstrahlung ist. Auch die geraden Linien, die die gemalten Teile größtenteils begrenzen, wirken selbst für ein Fragment gebliebenes Bild eher ungewöhnlich, denn oft finden sich in solchen Fällen auf den nicht ausgeführten Stellen skizzenhafte Andeutungen der eigentlich geplanten Ausführung. Nimmt man all das zusammen, wundert es nicht, dass man lange Zeit dachte, dass dieses Porträt unvollendet geblieben wäre, weil Mozart vor der Fertigstellung gestorben sei. Und so datierte man dieses Bild auf sein Todesjahr 1791. Es schien sich eins zum anderen zu fügen: der frühe Tod Mozarts, der dunkle Hintergrund des Gemäldes und das Fragmenthafte des Porträts, das mit Mozarts Requiem-Komposition korrespondierte, über die er ja gestorben war, bevor er sie fertigstellen konnte.
Indiziensuche
Doch bald tauchten Zweifel an dieser Datierung auf. Wie der Musikwissenschaftler Michael Lorenz ausführte, hätte man sich das Gemälde nur einmal aus unterschiedlichen Perspektiven ansehen müssen, um festzustellen, dass die Stelle des Bildes, auf der Mozarts Kopf und die Brust zu sehen sind, eine andere Oberflächenstruktur haben als der Rest. Dann muss man eigentlich nur noch eins und eins zusammenzählen, denn es gibt eine Briefstelle vom April 1783, in der Mozart an seinen Vater Leopold schreibt, dass er ihm ein Miniaturporträt von sich schickt. Dieses Bild wiederum galt lange als verschollen. Doch 1789 fragt Mozart brieflich, ob sein Schwager Lange denn sein Porträt vollenden würde. Fasst man diese Indizien zusammen, ergibt sich folgende Sachlage: Es war der Plan gewesen, das Miniaturbild, das Mozart einst seinem Vater geschickt hat und das von Lange stammt, später zu einem vollwertigen, großen Bild zu erweitern. Also positionierte Lange das ursprüngliche Miniaturbild so auf einer größeren Leinwand, dass er es zu einer Ansicht von Mozart am Klavier hätte ergänzen können. Doch dieser Arbeitsschritt wurde dann nicht fertig ausgeführt, weil Langes Bindung an die Familie Mozart inzwischen nicht mehr so eng war. Insofern ist sein Bild kein unvollendetes Porträt, sondern eine nicht komplett ausgeführte Erweiterung eines fertigen Miniaturbildes.
Dass es vorkommen kann, dass Werke nicht zu Ende gebracht werden, wusste Mozart selbst am besten, denn er hinterließ nicht nur sein Requiem unvollendet, sondern sage und schreibe noch an die 90 andere Kompositionen. Einem dieser Fragmente kann man nun bei „Oper am Klavier“ begegnen, wenn dort am 29. Jänner und 8. Februar sein Operntorso Zaide auf dem Programm steht.
ZAIDE
Singspiel in zwei Aufzügen von Wolfgang Amadé Mozart
Text von Johann Andreas Schachtner
Uraufführung am 27. Jänner 1866, Opernhaus, Frankfurt, komponiert 1780
29. Jänner 2026 & 8. Februar 2026
- Quelle:
- Foyer5
- Landestheater Linz
- #38 | Jänner-März 2026
- S. 32-33
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