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  • S. 40-42

„Ma très chère épouse!“

Text: Anja Morgenstern

In: Almanach, Mozartwoche 2023, Internationale Stiftung Mozarteum, S. 40-42 [Programmheft]

Im September 1788 entsteht eines der reifsten Kammermusikwerke aus der Feder Wolfgang Amadé Mozarts: das Divertimento Es-Dur für Violine, Viola und Violoncello KV 563, das „vollendetste, feinste, das je in dieser Welt hörbar geworden ist“ (Alfred Einstein). Der Komponist trug es am 27. September 1788 in sein Verzeichnüß aller meiner Werke ein. Die Einträge in diesem Jahr, besonders von Juni bis Oktober 1788, offenbaren eine erstaunliche Produktivität. Innerhalb von vier Monaten vollendete Mozart neben dem Streichtrio und kleineren Werken wie Kanons drei große Klaviertrios (KV 542, 548 und 564) sowie die Trias der letzten Symphonien Es-Dur KV 543, g-Moll KV 550 und C-Dur KV 551. So kann man leicht nachvollziehen, wenn sich Mozart am 2. August 1788 bei seiner Schwester Maria Anna für die verspäteten Glückwünsche zum Namenstag ent schuldigt: „du kannst nicht zweifeln daß ich viel zu thun habe“.

Diese ertragreiche Schaffensperiode hängt wohl auch mit dem Umzug der Familie in eine Vorstadtwohnung im Frühsommer 1788 zusammen. Am 17. Juni informierte Mozart seinen Freund und Logenbruder Johann Michael Puchberg: „wir schlafen heute daß erstemal in unserem neuen quartier, alwo wir Sommer und winter bleiben; – ich finde es im grunde einerleÿ wo nicht besser; ich habe ohnehin nicht viel in der stadt zu thun, und kann, da ich den vielen besuchen nicht ausgesezt bin, mit mehrerer Musse arbeiten; … um das ist auch das logis wohlfeiler, und wegen früh-Jahr, Sommer, und Herbst, angenehmer – da ich auch einen garten habe.“ Wie Michael Lorenz nachgewiesen hat, zog Mozart nicht aus rein ökonomischen Gründen in die Vorstadt, auch wenn er gegenüber Puchberg so argumentierte. Denn Mozart zahlte für diese Gartenwohnung in der Währingerstraße im Alsergrund 135 „Zu den drei Sternen“ mit 7 Zimmern, einer Stallung für 2 Pferde nebst Wagenschuppen sowie Garten 250 Gulden; etwa genauso viel wie für die vorherige Stadtwohnung „Zum Mohren“.

Mit der Ernennung zum k.k. Kammerkompositeur mit einem Jahresgehalt von 800 Gulden ab 7. Dezember 1787 hatte für Mozart eigentlich eine Zeit gewisser finanzieller Sicherheit begonnen. Wenn man aber bedenkt, dass sein bisheriges durchschnittliches Jahreseinkommen in Wien, das er vor allem durch zahlreiche Auftritte als Klaviervirtuose, aber auch mit Publikationen und Unterrichtstätigkeit erzielte, rund 4.000 Gulden betragen hatte, musste es Mozart wenig erscheinen, wie er gegenüber seiner Schwester einmal andeutete. Zudem waren durch den im August 1787 ausgebrochenen Türkenkrieg die meisten Einnahmemöglichkeiten weggefallen, der zahlungskräftige Adel hatte sich auf seine Landgüter zurückgezogen, der Kaiser weilte kriegsbedingt  nicht in der Stadt und am Hof fand praktisch kein Musikleben statt. Somit lässt sich vielleicht erklären, dass nahezu zeitgleich mit dem Umzug Mitte 1788 die Bettelbriefe an Puchberg um finanzielle Unterstützung einsetzen. Im bereits zitierten Brief bittet Mozart den Logenbruder gar, ihn für ein oder zwei Jahre, „mit 1 oder 2 tausend gulden gegen gebührenden Interessen zu unterstützen“. Seine weiterführenden Erklärungen deuten auf größere Schulden zu diesem Zeitpunkt hin. Mozart versuchte Puchberg unter anderem mit geplanten – aber nicht zustande gekommenen – Casino-Akademien und einer jedoch schleppend laufenden Subskription auf seine drei Streichquintette KV 406, 515 und 516 zu beruhigen. Vor diesem Hintergrund ist vielleicht auch die große Zahl an neuen Klaviertrios zu sehen, durch deren Publikation er sich weitere Einnahmen erhofft haben dürfte. Die für diese fordernde Kompositionsarbeit notwendige Zeit und Ruhe versprach sich Mozart wohl vom Umzug in eine Wohnung außerhalb der Stadt.

Eine Gartenwohnung hatte auch für die Ehefrau Constanze und die Kinder Annehmlichkeiten. Zur Familie gehörten zu diesem Zeitpunkt der vierjährige Carl Thomas und die sechs Monate alte Theresia. Das kleine Mädchen verstarb allerdings wenige Tage nach dem Umzug am 29. Juni, und so mussten Wolfgang und Constanze ihr erstes Töchterchen auf dem „Gottesacker außer der Währingerlinie“ begraben. Diese traurige Begebenheit scheint Mozart in seinem Schaffensrausch jedoch nicht gehindert zu haben. Für die Familie bedeuteten die Monate im Alsergrund zudem eine ruhigere Zeit als im Jahr zuvor. Da war das Ehepaar Mozart gleich zweimal auf Reisen gegangen, beide Male nach Prag. Anfang des Jahres 1787 folgte Mozart der Einladung, eine Aufführung seiner in Prag sehr erfolgreichen Oper Le nozze di Figaro KV 492 selbst zu dirigieren. Und im Herbst kehrte er, wieder gemeinsam mit seiner „trés cher Epouse“ Constanze, zur Uraufführung des Don Giovanni KV 527 nach Prag zurück.

Mozart trug das Trio Es-Dur KV 563 als „Divertimento … di sei Pezzi“ in sein Werkverzeichnis ein. Die dortige Bezeichnung – das Autograph ist nicht erhalten – hat mit den zahlreichen Serenaden und Divertimenti, die Mozart vor allem in Salzburg zu verschiedensten festlichen Anlässen wie Hochzeiten, Namenstagen oder Universitätsfeiern komponiert hatte, nur die äußerliche Gestalt der Vielsätzigkeit inklusive zweier Menuette gemeinsam. Denn schon nach Hören des ersten Satzes wird deutlich, dass es sich um ein singuläres Werk subtilster Kammermusik handelt, bei dem sich der Komponist ganz neue Herausforderungen gestellt hatte. Man kann zu Recht sagen, er habe mit diesem Werk die Gattung Streichtrio neu geschaffen. Wenn Mozart sich auch äußerlich am Serenadentypus orientierte, so setzte er sich die kompositorische Aufgabe, die hohe satztechnische Kunstfertigkeit, die er in den „Haydn-Quartetten“ entwickelt hatte, nun auf das Streichtrio mit drei gleichberechtigten Stimmen zu übertragen und sogar zu übertreffen. Johann Georg Sulzer hat 1794 in der zweiten Auflage seiner Allgemeinen Theorie der Schönen Künste das Trio als eine „der schwersten Gattungen der Composition“ bezeichnet, da es aus „drey Hauptstimmen [besteht], die gegen einander concertiren, und gleichsam ein Gespräch in Tönen unterhalten. Jeder Stimme muß dabey intereßirt seyn, und, indem sie die Harmonie ausfüllt, zugleich eine Melodie hören lassen, die in den Charakter des Ganzen einstimmt, und den Ausdruck befördert.

Der erste Satz, Allegro, beginnt mit einer Unisono-Geste, als ob Mozart demonstrativ keinen Zweifel an der gleichberechtigten Behandlung aller drei Streichinstrumente aufkommen lassen möchte, indem keiner Stimme von Anfang an der Vortritt gelassen wird. Das Motiv dient aber nicht nur als ,Vorhang‘, es wird später den ersten Teil der Durchführung, kombiniert mit einem neuen filigranen Vorschlagsmotiv, dominieren. Ab dem dritten Takt der Exposition hebt die Violine mit einem gesanglichen Motiv an, wird aber bald vom Cello und später von der Bratsche abgelöst. Auf engstem Raum exponiert Mozart verschiedene Motive, die abwechselnd durch die Stimmen wandern und im weiteren Verlauf kunstvoll verarbeitet werden. Dabei erreicht Mozart höchste satztechnische Dichte. Das Adagio in der nur selten verwendeten Tonart As-Dur entwirft Mozart als versponnenes, inniges Gebilde in Sonatensatzform, das in entfernte Tonartenbereiche vorstößt, die bereits an Schubert gemahnen. Der Gebrauch von Doppelgriffen erhöht gelegentlich die klangliche Fülle in diesem kammermusikalischen Kleinod. Das erste Menuett, ebenfalls in Sonatensatzform, spielt mit metrischen Verschiebungen und bekräftigt die Ernsthaftigkeit der vorangegangenen Sätze. Das Andante an vierter Stelle, das zunächst mit einem liedhaft anmutenden Thema anhebt, entpuppt sich als ein äußerst artifizieller Variationensatz. Das folgende Menuett mit Jagdmotivik und zwei tänzerischen Trios samt Coda beschwört kurz die Sphäre der alten Divertimento-Tradition. Dafür verlässt Mozart im zweiten Trio auch einmal das Prinzip der Gleichberechtigung und lässt die Violine allein den Satz dominieren. Den heiteren Ton des Menuetts greift dann das Finale, ein Sonatenrondo im 6/8tel-Takt auf, dessen Hauptthema an das Lied Sehnsucht nach dem Frühlinge KV 596 erinnert, das freilich erst Anfang 1791 entsteht. Auch hier darf die Violine 31 Takte lang die erste Geige spielen, bevor eine energische Geste den Gesang unterbricht und den Satz in eine mehr von Motorik geprägte Richtung lenkt.

Mit rund 45 Minuten Spieldauer ist das Trio Es-Dur KV 563 das längste kammermusikalische Werk Mozarts. Und so heißt es auf dem Titelblatt im 1792 postum erschienenen Artaria-Druck zurecht „Gran Trio“. Ludwig van Beethoven muss ein großer Bewunderer dieses Werkes gewesen sein, er wählte 1796 bei der Publikation seines ersten Trios Es-Dur op. 3 (ebenfalls bei Artaria) nicht nur den selben Titel, sondern folgte Mozart auch in der Tonart und der Sechssätzigkeit mit zwei Menuetten. Bei seinen späteren drei Trios op. 9 wird Beethoven aber zur üblichen kammermusikalischen Viersätzigkeit zurückkehren.