• Almanach
  • Internationale Stiftung Mozarteum
  • Mozartwoche 2016
  • S. 24-28

Felix Mendelssohn Bartholdy, Österreich und Mozart

Text: Anja Morgenstern

In: Almanach, Mozartwoche 2016, Internationale Stiftung Mozarteum, S. 24-28 [Programmheft]

Die Frage, was Felix Mendelssohn Bartholdy, den Schumann den „Mozart des 19ten Jahrhunderts“ nannte, mit Österreich verband, mag auf den ersten Blick nicht sehr ergiebig erscheinen. Doch beschäftigt man sich intensiver mit Leben und Werk des deutschen Komponisten, offenbaren sich zahlreiche interessante Aspekte, die es zu vertiefen lohnt. Dazu gehören Aufenthalte in Salzburg und Wien während seiner ,Grand Tour‘ durch Europa in den Jahren 1830 bis 1832, eine umfangreiche Korrespondenz mit Mitgliedern seiner Familie, Bekannten und Kollegen in Wien, Begegnungen mit den Mozart-Söhnen, Kontakte zur Gesellschaft der Musikfreunde in Wien und zum Salzburger Dommusikverein und Mozarteum und nicht zuletzt und vor allem sein lebenslanger Einsatz für die Verbreitung der Werke Mozarts.

Auf seiner zweijährigen Kavalierstour, die Mendelssohn durch Österreich, Italien, die Schweiz, Paris und London führte, wollte der junge Komponist einerseits seine Neugier an Land und Leuten, an Natur und Kunst stillen, andererseits sollte er sich darüber im Klaren werden, wo er als Musiker leben und wirken möchte. Auf dieser Reise machte Mendelssohn im August 1830 für wenige Tage Station in Salzburg. Die Stadt, die 1816 endgültig ihre Unabhängigkeit verloren hatte und seitdem als eine oberösterreichische Kreisstadt zum Kaisertum gehörte, hinterließ keinen bleibenden Eindruck bei ihm, auch wenn er wie so viele andere Reisende vor und nach ihm die Naturschönheiten der Umgebung hervorhob. Die Lage Salzburgs nannte er „prächtig“, doch „wenn Haydn nicht hier geboren wäre, so würde ich auf die Kirchenmusik schimpfen, die ich im Dome gehört habe“. Dass nicht Haydn, sondern der von ihm verehrte Mozart in Salzburg das Licht der Welt erblickt hatte und dessen betagte Witwe in der Stadt lebte, war ihm offenbar nicht bewusst. Zwei Jahre zuvor hatte er noch die Mozart-Biographie von Georg Nikolaus Nissen, dem zweiten Ehemann von Constanze Mozart, die hier entstanden war, subskribiert.

Von Wien, das ihm als Stadt Haydns, Mozarts und Beethovens galt, war er ebenfalls enttäuscht. Er besuchte während seines achtwöchigen Aufenthaltes zwar hervorragende Aufführungen im Burgtheater; Begegnungen mit Musikern befriedigten ihn aber nicht. Spitzzüngig – und darin Mozart ähnlich – bedachte er in seiner Korrespondenz seine Kollegen bis auf wenige Ausnahmen mit bissigen Kommentaren. Für die Frage, wo er einst tätig werden könnte, haben schließlich Österreich im Allgemeinen und Wien im Speziellen keine Rolle gespielt. Bereits auf dem Rückweg von Italien teilte er seiner Wiener Cousine Henriette Pereira-Arnstein seine gewonnene Überzeugung mit: „Mehr als je, fühle ich es jetzt aus Herzensgrunde, daß Deutschland das wahre und aechte Land der Kunst ist.“ Denn hier, so war er sicher, würden die Klassiker Haydn, Mozart und Beethoven am besten gewürdigt und vor allem gespielt, hier gab es ernsthafte Zirkel, die sich deren Pflege annehmen. An diesem Bestreben wollte er nicht nur teilhaben, sondern dieses auch vorantreiben; ein Unterfangen, das er zunächst in Düsseldorf als städtischer Musikdirektor und wenig später in Leipzig, als jüngster Kapellmeister des Gewandhausorchesters, auf beeindruckende Art und Weise in die Tat umsetzte.

Gleichwohl führte Mendelssohn, der ein überaus produktiver und exzellenter Briefschreiber war, zeitlebens mit vielen Wiener Freunden und Bekannten sowie Familienmitgliedern einen regen Briefwechsel, darunter mit der Dichterin Helmina von Chézy, dem Autographensammler Aloys Fuchs und dem Pianisten Josef Fischhof. Mendelssohn schätzte Wiener Klaviere und bestellte mehrere Instrumente von Graf und Bösendorfer für sich selbst und seine Freunde. Mit Wiener Verlegern kam er allerdings nur einmal ins Geschäft: 1830 verkaufte er an Pietro Mechetti seine Erste Symphonie c-Moll op. 11 und die vier Klavierwerke Rondo capriccioso op. 14, Klavierfantasie E-Dur op. 15, Drei Fantasien oder Capricen op. 16 sowie Variations concertantes op. 17.

Mit den Jahren verblassten offenbar die negativen Erinnerungen an das „Mausenest“ Wien, „das liederliche, genußmüde Eß- und Trinknest“ seiner Jugend, und in seinen Briefen tauchen neue Reisepläne auf. Bereits zu Beginn des Jahres 1833 äußerte er seine Sehnsucht nach Wien gegenüber dem Sänger Franz Hauser, mit dem er seit seinem Aufenthalt in der Donaumetropole in freundschaftlicher Korrespondenz stand. Im Frühjahr 1839 lud ihn die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, die ihn zwei Jahre zuvor zum Ehrenmitglied ernannt hatte, ein, sein Oratorium Paulus bei der Wiener Erstaufführung zu dirigieren. Dieses Vorhaben zerschlug sich jedoch; als man aber 1846 eine Wiederaufführung des Chorwerkes plante, erwog der Komponist, dem Konzert beizuwohnen. Doch erst 1847 wurden Reisepläne nach Wien noch einmal konkret. Erneut hatte ihn die Gesellschaft der Musikfreunde eingeladen, bei ihrem jährlichen „Großen Musikfest“ im November in der k.k. Winter-Reitschule sein neuestes Oratorium Elias zu dirigieren. Mendelssohn machte deren Konzertdirektor Johann Vesque von Püttlingen Ende August Hoffnungen, „daß [...] dann der langgehegte Wunsch Wien endlich einmal wiederzusehen in Erfüllung gehen wird“. Doch um Mendelssohns Gesundheit stand es zu jener Zeit schlecht. Mitte Mai hatte ihn die niederschmetternde Nachricht vom Tod seiner geliebten Schwester Fanny, mit der ihn eine lebenslange besonders enge persönliche und künstlerische Beziehung verband, ereilt. Er erkrankte daraufhin schwer und konnte sich trotz eines Urlaubs in der Schweiz nicht mehr erholen. Wenige Monate später starb Mendelssohn selbst an den Folgen mehrerer Schlaganfälle am 4. November 1847 in Leipzig. Die geplante Aufführung des Elias fand schließlich am 14. November als Gedenkkonzert mit einem vorangestellten Trauerprolog statt. Wien gebührt somit der Ruhm der deutschen Erstaufführung des ein Jahr zuvor in Birmingham in englischer Sprache uraufgeführten Elias, eines der bedeutendsten Werke des Komponisten.

In Salzburg hatte Mendelssohn im August 1830 – bewusst oder unbewusst – die Begegnung mit der Witwe Mozarts verpasst. Ein Jahr später aber traf er in Mailand Mozarts ältesten Sohn, Carl Thomas, der als österreichischer Beamter in der lombardischen Hauptstadt lebte. Mendelssohn begegnete ihm im Haus von Dorothea von Ertmann, jener Wiener Pianistin, der Ludwig van Beethoven seine A-Dur-Sonate op. 101 gewidmet hatte. Über Carl Thomas Mozart, der in Mailand zunächst einige Zeit Musik studiert hatte und als versierter Klavierspieler bei adligen Mailänder Familien Klavierunterricht erteilte, schrieb Mendelssohn am 24. Juli 1831 an seine Familie: „Eine andre, sehr liebe Bekanntschaft, die ich dort gemacht habe, ist die des Herrn Mozart, der dort angestellt, eigentlich aber ein Musiker ist, dem Sinn und Herzen nach; er muß die größte Aehnlichkeit mit dem Vater haben, besonders im Wesen, denn solche Sachen, wie sie einen in den Briefen des Vaters rühren in ihrer Naivität und Offenheit, hört man in Menge von ihm, und muß ihn nach dem ersten Augenblicke gleich lieb haben.“ Mendelssohn spielte Carl Thomas Mozart zuliebe mehrere Werke seines Vaters auf dem Klavier. Darüber hinaus bereitete es ihm großes Vergnügen, dem Mozart-Sohn als Erstem seine soeben beendete Komposition Die erste Walpurgisnacht op. 60 vorzustellen.

Es war dies nicht die einzige Begegnung zwischen Mendelssohn und Mitgliedern der Familie Mozart. Bereits 1820 verkehrte der jüngste Mozart-Sohn Franz Xaver Wolfgang auf seiner Konzertreise durch Europa im Berliner Salon der Mendelssohns. Über den damals erst elfjährigen Knaben Felix notierte er in seinem Reisetagebuch, dass jener „ein Wunderkind seyn soll; bis itzt habe ich aber noch nichts zu hören bekommen“. Dafür musizierte er mehrmals gemeinsam mit der Schwester Fanny, wie Mutter Lea ihre Wiener Cousine Henriette Pereira-Arnstein wissen ließ. Ob sich Mendelssohn später dieser Begegnung erinnerte, wissen wir nicht. Den liebenswerten Mailänder Mozart hatte er jedoch nicht vergessen: ihn ließ er einige Jahre später durch einen Musikerbekannten grüßen.

Der kurze Zwischenstopp im August 1830 blieb nicht der einzige Kontakt Mendelssohns mit Salzburg, denn später ergaben sich noch weitere Berührungspunkte. Als dort in den 1830er-Jahren für ein Mozart-Denkmal finanzielle Beiträge gesammelt wurden, trat man auch an den nunmehr in ganz Europa gefeierten Künstler heran. Dieser lehnte jedoch aus Zeitgründen einen kompositorischen Beitrag für ein Mozart-Album zugunsten des Denkmals ab. Die Salzburger trugen ihm dies nicht nach und ernannten ihn im April 1846 zum Ehrenmitglied des fünf Jahre zuvor gegründeten Dommusikverein und Mozarteum, der Vorgängerinstitution der heutigen Stiftung Mozarteum Salzburg. Vorgeschlagen hatte ihn deren Kapellmeister und Direktor Alois Taux, der Mendelssohn im September 1845 in Leipzig begegnet war. Zur Erinnerung verewigte sich der Leipziger Meister damals in dessen Autographenalbum mit einem Canone a 2 in h-Moll. Der Salzburger Verein, der sich unter anderem die Pflege eines attraktiven Musiklebens zur Aufgabe gemacht hatte, spielte in seinen Konzerten Mendelssohns Musik, darunter größere Vokalwerke wie die 2. Symphonie Lobgesang op. 52 oder den 42. Psalm „Wie der Hirsch schreit“ op. 42. Aus Anlass des Todes Mendelssohns am 4. November 1847 veranstaltete der Dommusikverein und Mozarteum am 26. Februar 1848 im Rathaus-Saal eine ,Erinnerungsakademie‘, in der ausschließlich Werke des Komponisten, darunter Auszüge aus den Oratorien Paulus und Elias aufgeführt wurden. Der Ertrag sollte außerdem zur Anschaffung weiterer Mendelssohnscher Werke dienen.

Mendelssohn darf als ein bekennender Mozart-Jünger gelten, doch inhaltsleerer Künstlerkult war ihm stets ein Gräuel. Wahre Verehrung der Wiener Klassiker konnte für ihn nur in einer aktiven Pflege ihrer Musik bestehen. Diese Haltung hat er einmal in einem Brief vom November 1839 an seinen Freund, den Pianisten Ignaz Moscheles in London unmissverständlich zum Ausdruck gebracht: „Wenn Du sähest, wie häßlich sie’s in Deutschland jetzt mit den Monumenten treiben [...] Wenn sie in Halle für Händel, in Frankfurt für Mozart, in Salzburg für Mozart, in Bonn für Beethoven ein ordentliches Orchester bilden wollen, die die Werke ordentlich spielen und verstehen können, da bin ich dabei aber nicht bei ihren Steinen, wo die Orchester noch ärgre Steine sind, und nicht bei ihren Conservatorien, wo nichts zu conserviren ist.“ Und Mendelssohn ließ es nicht bei Worten bewenden: Er initiierte im Jahr 1843 in Leipzig die Gründung des ersten deutschen Musikkonservatoriums, aus dem viele renomierte Schüler hervorgehen sollten, und mit dem Leipziger Gewandhausorchester, zu dessen Kapellmeister er 1835 mit erst 26 Jahren berufen worden war, sorgte er für herausragende musikalische Aufführungen, deren Ruhm und Anerkennung weit über Deutschlands Grenzen hinaus strahlten. Bei all seinen musikalischen Aktivitäten räumte Mendelssohn Mozart eine bedeutende Stellung ein. Ein besonderes Anliegen war ihm dabei die Verbreitung von dessen Klaviermusik, sowohl der Solowerke als auch der Konzerte. Besonders häufig spielte Mendelssohn selbst die Konzerte in d-Moll KV 466 und c-Moll KV 491. Zum Konzert für zwei Klaviere Es-Dur KV 365 sind zudem verschiedene eigene Kadenzen erhalten geblieben. Als städtischer Musikdirektor in Düsseldorf, als Dirigent diverser Musikfeste und vor allem als Gewandhauskapellmeister in Leipzig sorgte er mit seinen Programmgestaltungen dafür, dass Mozart neben anderen Klassikern wie Gluck, Haydn und Beethoven stets angemessen vertreten war. Außer den erwähnten Klavierkonzerten waren es vor allem die späten Symphonien, die großen Konzertarien, das Oratorium Davide penitente KV 469 und Opernauszüge, die er zu Gehör brachte. Bei den 1838 eingeführten „Historischen Konzerten“ im Leipziger Gewandhaus war ein Abend allein Mozart gewidmet. Auch im Rahmen der regelmäßigen Kammermusikveranstaltungen wurde oft Mozart gespielt. Mendelssohn saß dann am Klavier.

Ein Werk faszinierte Mendelssohn ein Leben lang ganz besonders: die Jupiter-Symphonie KV 551. Bereits im Alter von zwölf Jahren beeindruckte sie ihn beim ersten Hören so nachdrücklich, dass er ein Arrangement des ersten Satzes für Klavier zu vier Händen begann. Wenig später hinterließ das letzte symphonische Werk Mozarts auch musikalische Spuren in mehreren eigenen Kompositionen. 1845 ließ sich Mendelssohn schließlich in Frankfurt bei Julius André die Gelegenheit nicht entgehen, das Autograph der Symphonie zu studieren.

Das besondere Interesse Mendelssohns an dem Wiener Klassiker zeigt sich auch in der großen Zahl an Mozarts Werken in seiner privaten Musikbibliothek, darunter zahlreiche Bände Klaviermusik, die teilweise aufführungspraktische Eintragungen enthalten. An reiner Reliquienverehrung lag Mendelssohn nichts, gleichwohl besaß er einige Mozart-Autographe, die er meist zum Geschenk erhalten hatte: das sogenannte Londoner-Skizzenbuch, die autographe Partitur der Oper Die Entführung aus dem Serail KV 384, den Klaviersonatensatz in g-Moll KV 312 sowie das Konzept von Mozarts Bewerbung um die Kapellmeister-Stelle an St. Stephan in Wien aus dem Jahr 1791. In den 1840er-Jahren bemühte sich Mendelssohn, den musikalischen Nachlass Mozarts vor einer Zersplitterung zu bewahren. Im Auftrag des Offenbacher Verlegers Johann Anton André, der 1799 den Nachlass von der Witwe Mozarts erworben hatte, versuchte er, ihn – allerdings erfolglos – an die Preußische Hofbibliothek zu vermitteln.

Felix Mendelssohn Bartholdy, zweifelsohne eine der zentralen europäischen Musikerpersönlichkeiten seiner Zeit, hinterließ ein umfangreiches kompositorisches Œuvre, das im Gegensatz zu vielen anderen Komponisten der Romantik alle damals gängigen Gattungen umfasst: kleine Liedformen und große Oratorien, Schauspielmusiken und Singspiele, Kirchenmusik a cappella, mit Orgel- oder Orchesterbegleitung, kleinformatige Lieder ohne Worte für Klavier und große Konzerte, zahlreiche bedeutende Kammermusikwerke sowie Konzert-Ouvertüren, Violinkonzerte und Symphonien. Das Programm der diesjährigen Mozartwoche möchte dieses umfangreiche, faszinierende und in Teilen nach wie vor wenig bekannte kompositorische Werk bekannter machen. Dabei wird die Musik Mendelssohns, dessen Mozart-Verehrung nie ein bloßes Lippenbekenntnis geblieben ist, in vielfältige Beziehung zum Salzburger Genius loci gesetzt.