- Almanach
- Internationale Stiftung Mozarteum
- Mozartwoche 2016
- S. 199-203
„Im Mittelpunkt aber wird immer Mozart stehen“
Text: Clemens Panagl
In: Almanach, Mozartwoche 2016, Internationale Stiftung Mozarteum, S. 199-203 [Programmheft]
Das Salzburger Mozarteumorchester reiht sich in eine Liste prominenter Preisträger: Im Rahmen der Mozartwoche 2016 wird es mit der Goldenen Mozart-Medaille der Stiftung Mozarteum ausgezeichnet. Beim Œuvre von Wolfgang Amadeus Mozart hört die Spielkultur des Salzburger Orchesters längst nicht auf, aber mit dem Ziel, Mozarts musikalisches Erbe zu bewahren und von Salzburg aus weiter zu verbreiten, war bereits die Gründungsgeschichte des Ensembles vor 175 Jahren untrennbar verbunden.
Die Notiz, die am 8. November 1841 in der Kaiserl. Königl. Privilegirten Salzburger Zeitung erschien, war nicht lang. Aber für alle „Freunde der Tonkunst“, an die sie sich richtete, musste die Nachricht einen vielversprechenden Klang haben. Von einer „größtmöglichen Konzentrirung und Auswahl aller musikalischen Kräfte unserer Kreishauptstadt“ war die Rede, und auch von der „Anstellung mehrerer neuer ausgezeichneter Künstler“. Eine Salzburger Premiere kündigte sich an, veranstaltet von einer erst kürzlich ins Leben gerufenen Vereinigung: „Der seit 1. Oktober d. J. hier in Wirksamkeit getretene Dom-Musik-Verein und das Mozarteum wird am 9. d. M. November, abends um ½ 7 Uhr, im hiesigen Rathhaus-Saale sein erstes großes Vokal- und Instrumental-Conzert veranstalten, wo bey die angestellten Künstler und Lehrer im Mozarteum ihre Kunstfertigkeit öffentlich zu zeigen die erste Gelegenheit haben werden.“
Dass ein neuer Verein sich in der Lage sah, mit dem angekündigten Debüt „den Wünschen eines kunstsinnigen Publikums auf gediegene Weise zu entsprechen“, war im Jahr 1841 keineswegs eine Selbstverständlichkeit, denn Salzburgs ehemaliger kultureller Ruhm und Glanz war um die Mitte des 19. Jahrhunderts stark verblasst. Seit 1816 gehörte Salzburg zu Österreich. Im Zuge der Säkularisierung war die einst bedeutende fürsterzbischöfliche Residenzstadt zur Kreishauptstadt geschrumpft. Die Hofkapelle des Fürsterzbischofs, in der noch Vater und Sohn Mozart gedient hatten, war lange aufgelöst. Doch ein öffentliches Konzertwesen – oder andere bürgerliche Gegenentwürfe zum Modell einer Musikkultur, die bisher vom Adel und Klerus getragen worden waren – hatte sich in Salzburg kaum entwickelt. Literatur und Musik wurden vor allem im Salzburger Verein Museum gepflegt. Die Stadt kämpfte zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit Armutswellen und Bevölkerungsschwund. Erst um 1830 erwachte Salzburg allmählich wieder aus seinem „ohmachtsähnlichen Schlaf“ (Franz Zillner). Bei der Wiederbelebung des Kulturlebens spielten die Besinnung und der Rückgriff auf das musikalische Erbe Wolfgang Amadé Mozarts eine zentrale Rolle. Die Initiative, dem Komponisten in seiner Geburtsstadt ein Denkmal zu setzen, die auch von Mozarts Witwe Constanze und seinen Söhnen getragen wurde, führte 1842 zur Enthüllung der Mozart-Statue. Und bereits im Jahr davor legte die Konstituierung des ,Dommusikverein und Mozarteum‘ den Grundstein für ein neues Konzertleben sowie für Musikausbildung und Forschung in Mozarts Namen. Mit dieser „Konzentrirung aller musikalischen Kräfte“ Salzburgs begann 1841 auch die Geschichte des Salzburger Mozarteumorchesters.
Aus Professoren und Schülern sowie aus begeisterten Musikliebhabern der Stadt rekrutierte sich das Ensemble, das an die neu gegründete Musikschule Mozarteum gekoppelt war. In seiner Zusammensetzung mochte der Klangkörper vielleicht eher an die engagierten „Dilettantenorchester“ erinnern, die bereits zur Mozart-Zeit aktiv gewesen waren. Doch das „kleine Orchester hatte tüchtige Leute, unter den jüngeren Mitgliedern sogar hervorragende Kräfte“, vermerkte der Musiker Theobald Kretschmann in seinen Erinnerungen eines Musikanten. Als Professor für Violoncello 1872 ans Mozarteum berufen, war er somit auch Mitglied des Orchesters. Für groß besetzte Konzerte, etwa bei den Mozartfesten, welche zwischen 1877 und 1910 veranstaltet wurden, reichten die lokalen Orchesterkräfte indes oft nicht aus. Dann mussten zum Beispiel Musiker aus München das Ensemble grundlegend verstärken.
175 Jahre nach seinen Anfängen hat sich die Identität des heutigen Mozarteumorchesters freilich so gründlich und nachhaltig gewandelt wie die Musikwelt selbst. Wer über die Distanz von beinahe zwei Jahrhunderten nach Verbindungslinien zwischen dem gegenwärtigen, global agierenden sowie international renommierten Salzburger Klangkörper und dem Ensemble der Gründungsjahre sucht, wird sie dennoch am ehesten in einem auch heute noch immer wieder regen Austausch der musikalischen Kräfte finden. Nur die Vorzeichen seien heute oft umgekehrt, stellt Orchesterdirektor Thomas Wolfram fest: Musikerinnen und Musiker des Mozarteumorchesters seien heute auch bei großen Orchestern zwischen Berlin und Wien als Verstärkung begehrt – einer von vielen Belegen für die hohe Spielklasse der Salzburger. Zugleich sei mit der im 20. und 21. Jahrhundert beständig gewachsenen Qualität des Ensembles auch der Drang von Musikern nach Salzburg immer größer geworden:„Bei Probespielen für eine einzelne, frei werdende Orchesterstelle erhalten wir bis zu 200 Bewerbungen aus aller Welt“, so Thomas Wolfram im Interview mit dem Verfasser im August 2015.
Zwischen zwei eigenen Konzertzyklen, der Einbindung in Mozartwoche und Salzburger Festspiele, Verpflichtungen in Kulturvereinigung und Landestheater sowie internationalen Tourneen sind die Agenden des modernen Salzburger Orchesters breit gefächert. Für die Musiker der Gründerzeit gehörten neben Konzerten und fallweisen Theatereinsätzen vor allem noch die Dienste in Salzburgs Kirchen zu den grundlegenden Pflichten. Die „Emporbringung der Musik in allen ihren Zweigen, insbesondere aber der Kirchenmusik, und hiezu die Gründung und Beförderung einer Musik-Anstalt zur würdigen Erhaltung des Andenkens Mozarts in seiner Vaterstadt, für alle Zeiten ,Mozarteum‘ genannt“ war in den Statuten des ,Dommusikverein und Mozarteum‘ festgelegt.
Die schrittweise Trennung, aus der die Internationale Stiftung und die Musikschule Mozarteum sowie letztlich das Mozarteumorchester als eigene Körperschaften hervorgingen, begann noch im 19. Jahrhundert. Die weiterhin engen Bande des Orchesters zur Stiftung Mozarteum können ebenfalls als stabil gebliebene Konstante in seiner 175-jährigen Historie gesehen werden. Sie gehen über die Mitwirkung des Orchesters in der Mozartwoche oder dem Festival „Dialoge“ weit hinaus, er läutert Ivor Bolton, der scheidende Chefdirigent des Mozarteumorchesters Salzburg: „Mit ambitionierten Programmideen hat die Stiftung Mozarteum Salzburg dem Orchester immer wieder überaus wichtige Impulse gegeben, in neue Richtungen zu gehen, sei es mit Werken von György Ligeti oder mit Johann Christian Bachs ,Lucio Silla‘ (Ivor Bolton in einem Interview mit dem Autor, August 2015).
Dass das Orchester Mozarts Namen prominent in seinem Banner führt – 1908 trat es erstmals offiziell als „Mozarteums-Orchester“ in Erscheinung – führe in der Gegenwart nur noch fallweise zu Missverständnissen und anschließenden Fragen, ob es sich etwa um das Orchester der Universität oder der Stiftung handle, erzählt Orchesterdirektor Thomas Wolfram. Bei Mozart hört die Interpretationskompetenz des Ensembles längst nicht auf. Bei großen Tourneen freilich sei das Orchester vor allem in seiner Kernkompetenz gefragt, „und dazu gehören eben die Werke der Wiener Klassik im Besonderen“. Ivor Bolton beschließt indes seine Ära mit der Gesamtaufnahme aller Bruckner-Symphonien. Diese Edition sei „mit Sicherheit ein Meilenstein in der jüngeren Orchestergeschichte“, betont Wolfram, „ebenso wie die Gesamtaufnahme aller Mozart-Symphonien unter Hans Graf“. Zudem ist die Assoziationskette, die von Bruckner zu Mozart und zum historischen Mozarteumorchester führt, ebenfalls denkbar kurz: Zweimal hat sich Bruckner in den Jahren 1861 und 1868 vergeblich als Direktor der Musikschule Mozarteum beworben.
Zu Bruckners Zeit und bis weit ins 20. Jahrhundert war auch die Existenz des Orchesters von existenziellen Unsicherheiten geprägt. Wenn es um einen Vergleich zwischen dem Ensemble damals und heute gehe, sagt Thomas Wolfram, „war ein entscheidender Moment in der 175-jährigen Geschichte des Mozarteumorchesters mit Sicherheit das Erlangen einer stabilen, wirtschaftlichen Existenzgrundlage“. In den ersten hundert Jahren seines Bestehens war das Orchester meist als mehr oder weniger freie Musikergemeinschaft auf Vereinsbasis organisiert, nicht als reines Berufsorchester. Noch als der junge Herbert von Karajan 1929 in Salzburg sein Debüt als Dirigent mit Werken von Mozart, Tschaikowsky und Richard Strauss gab, saßen in den Orchesterreihen noch professionelle Musiker neben Amateuren. Im Konzert gab der junge Dirigent daher auch dem Salzburger Chirurgen Ernst von Karajan die Einsätze: Sein Vater saß als Klarinettist im Orchester. Der Rezensent des Salzburger Volksblattes lobte die „Präzision des Zusammenspiels“, die „Schwung- und Schlagkraft“ so wie die „Intelligenz“ eines Mozarteumorchesters, das „in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht hat“.
Über die Herausforderungen, die sich aus der Arbeit mit einem nicht voll professionalisierten Ensembles ergaben, schrieb auch Bernhard Paumgartner in seinen Erinnerungen (1969). 1917 wurde der Dirigent und Mozart-Forscher als Direktor ans Konservatorium Mozarteum berufen. Die Besetzung des Orchesters „aus Lehrern und den tüchtigsten Absolventen des Konservatoriums […] dazu aus einem ziemlichen Stock von Zuzüglern“, schrieb Paumgartner, habe ziemlich genau dem Bild entsprochen, „wie etwa ein größeres Konzert-Orchester, gemischt aus Berufsmusikern und Dilettanten in den vergangenen Jahrhunderten ausgesehen haben mochte, von dem uns die Lebensgeschichten der großen Meister jener Zeiten erzählen. Diese Form entsprach keineswegs mehr den Anforderungen der neueren Werke, die man pflichtgemäß neben der ,Klassik‘ auch vor das Publikum zu bringen hatte.“
Dennoch spielte das Mozarteumorchester unter Paumgartners Ägide von Anfang an auch bei den Salzburger Festspielen eine Rolle. Bereits im Festspiel-Gründungsjahr 1920 gestaltete es die Bühnenmusik im Jedermann. Auch Mozart-Matineen, Serenadenkonzerte und Mozarts c-Moll-Messe wurden zu Fixpunkten, wie der langjährige Konzertmeister Joseph Schröcksnadel in seiner Orchesterbiographie Salzburgs musikalische Botschafter (1984) resümierte. Rückblickend lobte auch Paumgartner die „rasche Entwicklung des Klangkörpers“, der ab 1930 auch international auf ersten Tourneen Erfolge einspielen konnte.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde Paumgartner abgesetzt. Zugleich wurde das Mozarteumorchester unter Willem van Hoogstraten erstmals zum Berufsorchester umorganisiert – bis zur Auflösung aller Kultureinrichtungen unter dem wankenden NS-Regime nur wenige Jahre später, 1944. Nach dem Zweiten Weltkrieg konzertierten die Orchestermitglieder, erneut als freie Arbeitsgemeinschaft organisiert, unter der Leitung prominenter Komponisten und Dirigenten wie Hans Pfitzner, Paul Hindemith oder Clemens Krauss. Dem künstlerischen Wachstumsprozess – 1945 war das Mozarteumorchester auch das erste Orchester der wieder stattfindenden Salzburger Festspiele – stand der wirtschaftlich nur schwer zu vollbringende Balanceakt des freien Orchesters entgegen. 1958 übernahmen Stadt und Land den Klangkörper. Die Mitglieder des Mozarteumorchesters wurden gleichsam offiziell „Salzburgs musikalische Botschafter“.
Dass auch diese Botschafterrolle immer wieder auf Mozart zurückverweist, wird trotz eines Orchesterrepertoires, das heute bis in die Gegenwart reicht, nicht als Bürde erlebt, sondern durchaus als Auftrag. In einer wissenschaftlichen Studie gaben Mitte der 90er-Jahre fast die Hälfte der 91 Musikerinnen und Musiker im Orchester an, ein wesentlicher Aspekt in der Existenz des Orchesters sei die Pflege von Mozarts Musik. „Seine Werke sind bei uns tief im System verankert“, sagt auch Chefdirigent Ivor Bolton. „Wir zeigen zwar gern, dass wir noch vieles andere können, aber Mozart ist in unserem Namen festgeschrieben, und dagegen stemmen wir uns keinesfalls. Wenn es um Mozart geht, spielen wir heute mit Sicherheit in der Champions League mit. Oft glauben Leute, die das Mozarteumorchester hören, wir seien ein Originalklang-Ensemble. Das nehme ich als Kompliment.“ Dem kann Orchesterdirektor Wolfram nur zustimmen. Vielseitigkeit zwischen Klassik und Moderne sei eine der großen Qualitäten des Mozarteumorchesters. „Aber Mozart wird für uns immer im Mittelpunkt stehen.“
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