- Turandot
- Staatstheater Nürnberg
- Oper von Giacomo Puccini, Saison 2025/26
- S. 13-17
Aus der Sicht von Turandot
Text: Kateryna Sokolova
In: Turandot, Oper von Giacomo Puccini, Saison 2025/26, Staatstheater Nürnberg, S. 13-17 [Programmheft]
Vorgedanken
Obwohl die Hauptfigur des Stückes Turandot heißt, bleibt sie für eine ungewöhnlich lange Zeit unsichtbar und ein Mysterium. Bevor sie die Bühne in der Mitte des zweiten Aktes zum ersten Mal betritt, hören wir ausschließlich andere Figuren über sie reden. Und was wir hören, sind fragmentarische Aussagen: Turandot sei unbeschreiblich schön und gleichzeitig unglaublich mörderisch. Ihre Schönheit wird als eine Falle beschrieben, in die sie die Männer lockt, um sie dann wegen Unzulänglichkeit zu köpfen. Sie wird ausschließlich als tödliche Verführerin geschildert, die eine Gefahr für die gesellschaftli chen Strukturen darstellt.
Was wir von diesen Schilderungen nicht vermittelt bekommen, ist das Bild eines Menschen, einer Frau, die sich mit der Frage auseinandersetzt: „Was verliere und/oder gewinne ich, wenn ich als Frau heirate?“ Stattdessen präsentiert man uns den uralten Mythos der männermordenden Frau an der Macht.
Der Versuch dieses Abends ist es, diesen Mythos als eine Frau aus Fleisch und Blut zu begreifen und sie bei der Auseinandersetzung mit ihren Fragen zu begleiten. Und zwar von Beginn des Abends an und mit der emotionalen Kraft der Musik.
Die Reise
Unsere Turandot ist eine junge, wohlhabende Frau aus dem (restriktiven) 19. Jahrhundert, die am Tag ihrer Hochzeit einen Zusammenbruch erleidet. Ihre Fragen und Zweifel (personalisiert durch Ping, Pang und Pong) überwältigen sie: Wenn sie heiratet, fällt ihr weltlicher Besitz an ihren Mann, und auch sie selbst wird zum Besitz ihres Ehemanns. So wie es die Rechtslage jahrhundertelang vorsah. Ist ihre Liebe zu Calaf (ihrem Bräutigam) dieses Opfer wert? Wie trifft sie diese Entscheidung, ohne jegliche Lebenserfahrung Welche Rolle kann sie in dieser Welt einnehmen, wenn sie keine Rechte hat? Wird sie die „ideale”, hingebungsvolle Frau sein können – so wie Liù es ist?
Turandot ist zwar in Calaf verliebt, aber sie hat auch Angst vor dieser Beziehung. Warum fällt es ihr so schwer, Calaf zu küssen? Wie kann er ihr Vertrauen gewinnen? Welche gesellschaftlichen Grenzen sind auch ihm gesetzt?
Überwältigt von diesen Fragen halluziniert sich die junge Frau auf eine Reise zu großen Frauenfiguren der Geschichte. Sie „zieht” sich deren Identitäten und damit Probleme an, um sich mit den eigenen Fragen auseinanderzusetzen.
Zunächst träumt sie sich in die Figur der Turandot, der allmächtigen persischen Prinzessin. Endlich ist sie uneingeschränkt machtvoll, statt machtlos. Endlich kann sie ausprobieren, wie es sich anfühlt, Macht zu haben.
Doch dieser anfängliche Befreiungsschlag erweist sich schnell als trügerisch. Als Frau an der Macht wird sie sofort hinterfragt und hinterfragt sich selbst: Weibliche Machtausübung scheint widernatürlich zu sein – ein Schreckgespenst, das der Gesellschaft Angst einzujagen scheint. Sobald sie als Turandot eine Heirat mit dem Prinzen von Persien ablehnt, wird sie zu einem gesellschaftlichen Monster: Sie wird zu einer Medusa – einer wunderschönen Nymphe, die nach der Vergewaltigung durch Poseidon in eine hässliche Frau mit Schlangenhaaren verwandelt wird, deren Blick angeblich tödlich ist. Macht fühlt sich für Turandot nun wie eine Strafe an.
Auf ihrer nächsten Reiseetappe setzt sich die junge Frau mit ihrem Äußeren auseinander: Ist ihre Schönheit ein Pro blem oder wird sie zu einem Problem, wenn sie diese zu ihrem Vorteil nutzt? Eine der bemerkenswertesten Passagen der gesamten Oper sind die Sätze von Ping, Pang und Pong: „Una femmina con la corona in testa!...“ [Sie ist auch nur aus Fleisch und Blut. Da ist nichts zu holen! Nimm lieber hundert andere Frauen als diese eine. Sie hat auch nur einen Kopf, zwei Arme und zwei Beine.] Als Frau ist sie also austauschbar, ihr Körper wird öffentlich diskutiert und ihre Schönheit als hinterhältiges Mittel der Verführung eingestuft. Ihr ergeht es im Grunde nicht anders als Judith im Alten Testament – diese hat zwar ihr Volk vor seinen Angreifern beschützt, aber auf eine angeblich „schmutzige” Art und Weise, indem sie Holofernes verführt hat. Den Kopf hat sie ihm „unfairerweise“ nicht im Kampf, sondern im Schlafzimmer abgeschlagen.
Hinter der Figur der Verführerin steht natürlich eine echte Person – man schaue sich die Darstellung der Judith von Caravaggio an. Eine junge Frau, der man genau ansieht, wie sehr sie an der Situation und sich selbst zu verzweifeln scheint. Opfert sie ihre Seele für eine Machtposition auf? Warum wird sie dafür bestraft?
Königin Elisabeth I. von England ist bekanntlich eine Frau, die ihr privates Glück ihrer Position und ihrer Sorge um ihr Land geopfert hat. Unsere junge Frau träumt sich also weiter durch die Geschichte und schlüpft in die Rolle dieser fähigen Regentin. Wie Elisabeth wird sie vom Schatten ihres Vaters verfolgt, und wie Elisabeth muss sie den Bewerbern um ihre Hand komplizierte Fragen stellen, um herauszubekommen, ob sie in ihrer Unabhängigkeit eingeschränkt sein wird. Die Rätsel sind nichts anderes als ihr Versuch, einen Partner zu finden, der ihr intellektuell ebenbürtig sein wird. Was noch nicht heißt, dass er ihr auch als Mensch ebenbürtig ist… Doch natürlich ist da immer die Angst vor den Lehren der Vergangenheit: Jedes Mal, wenn ihre Vorfahrinnen an die Macht kamen, wurden sie von ihren Männern niedergemetzelt.
Als Eva begibt sich die junge Frau anschließend buchstäblich zum Beginn aller Dinge. Sie versucht Tabula rasa zu machen und ganz unvoreingenommen ihre Beziehung zu Calaf zu verstehen. Doch die Fragen nach ihrer „Reinheit“ und Verführungskraft reißen nicht ab. Ist sie als Frau tatsächlich am Niedergang der Menschheit schuld? Wird sie schuld am Unglück ihrer Ehe sein?
- Quelle:
- Turandot
- Staatstheater Nürnberg
- Oper von Giacomo Puccini, Saison 2025/26
- S. 13-17
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