- Die Zauberflöte
- Internationale Stiftung Mozarteum
- Haus für Mozart, Mozartwoche 26
- S. 10-14
Zur Inszenierung
Text: Rolando Villazón
In: Die Zauberflöte, Haus für Mozart, Mozartwoche 26, Internationale Stiftung Mozarteum, S. 10-14 [Programmheft]
I
Am Abend des 4. Dezember 2023 befand ich mich in New York. Den ganzen Tag über hatte ich an der Metropolitan Opera Die Zauberflöte geprobt und setzte mich nun hin, um mit der Arbeit an meinem eigenen Konzept für Die Zauberflöte zu beginnen – der Inszenierung, die Sie gleich sehen werden.
Um 19 Uhr hörte ich auf. In Europa war bereits die erste Stunde des 5. Dezember angebrochen, ziemlich genau die Zeit, zu der Mozart im Jahr 1791 gestorben ist. Ich fand eine Aufnahme seines Requiems und begann, sie anzuhören. Während ich lauschte, betrachtete ich das berühmte Mozart-Gemälde von Barbara Krafft. Ich blickte in seine tiefblauen Augen und es kam mir vor, dass er mich ebenfalls anschaute. Sein ruhmvolles Requiem erfüllte den Raum. Plötzlich hatte ich das Gefühl, Mozart lächelte mich an. Ich erwiderte das Lächeln – und in diesem Moment wusste ich, wie ich unsere Zauberflöte in Szene setzen wollte: Mozart selbst musste im Mittelpunkt stehen.
II
Nachdem ich beschlossen hatte, Mozart ins Zentrum der Inszenierung zu rücken, ergab es sich wie zufällig, dass sich das final ausgearbeitete Konzept auf drei Quellen stützte. Drei Quellen – gleich der bekanntermaßen wichtigen Zahl Drei, der Die Zauberflöte sowohl musikalisch als auch dramatisch ihre Gestalt verdankt.
Die erste Quelle stammt aus einer Passage am Ende eines kurzen Texts von Stendhal, an den ich mich erinnerte. Er beschreibt Mozart in seinen letzten Tagen, als er bereits zu geschwächt war, um die Aufführungen der Zauberflöte zu besuchen, die zu dieser Zeit im Theater auf der Wieden stattfanden. Obwohl er nicht im Theater sein konnte, verfolgte er die Aufführungen aufmerksam, schaute auf seine Uhr und stellte sich vor, was genau zu diesem Zeitpunkt auf der Bühne geschah.
Ich sprach mit dem Leiter unseres Wissenschaftlichen Bereichs, Ulrich Leisinger, über den Text, und wie immer konnte er mir Klarheit verschaffen, indem er die Originalquelle dieser Anekdote herbeibrachte: die Allgemeine musikalische Zeitung von 1798, die möglicherweise sogar auf Constanze selbst zurückgeht.
Meine zweite Quelle war ein kurzer Auszug, den ich über Mozarts Schwägerin gelesen hatte und der in Erinnerung rief, dass Mozart am Ende seines Lebens, bereits im Delirium, glaubte, er befinde sich im Publikum einer Aufführung der Zauberflöte. Auch hier half mir Ulrich Leisinger, die Anekdote in einem Brief des Komponisten Ignaz von Seyfried an den Dramatiker, Theaterdirektor und Schmetterlingsexperten (tatsächlich!) Georg Friedrich Treitschke aus dem Jahr 1840 auszumachen (Der Brief ist übrigens erhalten geblieben und befindet sich im Besitz der Internationalen Stiftung Mozarteum): „Am Abend des 4. Dezembers lag Mozart schon in Fantasien und wähnte sich im Wiednertheater der ,Zauberflöte‘ beizuwohnen; fast die letzten, seiner Frau zugeflüsterten Worte waren: ,Still! Still! jetzt nimmt die Hofer das hohe F; – jetzt singt die Schwägerinn ihre zweyte Arie‘: ,Der Hölle Rache;‘ ,wie kräftig sie das B anschlägt, und aushält‘: ,Hört! hört! hört! der Mutter Schwur!‘ – “
Meine dritte und letzte Inspirationsquelle war die Entscheidung, die Mozartwoche 2026, in der wir Mozarts 270. Geburtstag feiern, nicht seinem Geburtsjahr 1756 zu widmen, sondern dem Jahr 1791, das seinen Eingang in die Ewigkeit markiert. Mit der Stunde von Mozarts Tod, die so eng mit der Zauberflöte verbunden ist, beginnt seine Lux æterna, das ewige Licht seiner Musik. Und so verbinden wir unsere Inszenierung der Zauberflöte mit dem Gesamtmotto der diesjährigen Mozartwoche.
III
Die Bedeutung der symbolischen Zahl Drei spiegelt sich auch in den drei miteinander verbundenen ästhetischen Rahmen wider, die wir geschaffen haben:
Zunächst Mozarts Wohnung, in der er mit seiner Familie – Constanze, Franz Xaver Wolfgang und Carl Thomas – zu sehen ist. Sowohl unser Bühnenbild und Lichtdesign als auch die Kostüme sind von der Ästhetik des Malers Mark Rothko geprägt, der Mozart und insbesondere die Zauberflöte bewunderte.
Sodann die ursprüngliche Kulisse der Zauberflöte, wie Mozart und sein Librettist Emanuel Schikaneder sie konzipiert und uns über liefert haben.
Und schließlich ein eher symbolischer Schauplatz, in der jede Figur eine metaphorische oder allegorische Bedeutung annimmt: Die Drei Damen sind für mich gleichzeitig drei Künstlerinnen – eine Dichterin, eine Bildhauerin und eine Malerin. Tamino ist nicht nur der Prinz, der sich in einer märchenhaften Wildnis wiederfindet, sondern auch ein Musiker, dessen Verherrlichung ihn verfolgt und in Gestalt der Pamina von der Musik entfremdet. Manostatos mit seinem „Bauchladen“ möchte die Kunst kommodifizieren, ausbeuten und kommerzialisieren. Sarastro steht für die Vernunft, die die Phantasie ablehnt; die Königin der Nacht für Phantasie, die ihrerseits in den Wahnsinn abgleiten und die Vernunft ablehnen kann. Es sind dies keine unvereinbaren Gegensätze, vielmehr könnten sie sich ergänzen. Papageno und Papagena verkörpern Natur und Leben und ein Spiegelbild des lustigen Mozart selbst. Die Drei Knaben verweisen auf kindliche Weisheit und Unschuld. Und so weiter und so fort. Jede Figur bleibt, was sie in Mozarts Zauberflöte ist, nimmt jedoch eine sekundäre Bedeutung für das Hier und Jetzt an.
Die Internationale Stiftung Mozarteum mit ihren drei Säulen – Museen, Wissenschaft und Konzerte – und wir, das Regieteam, haben ein Bühnenuniversum erschaffen, in dem die Darstellerinnen und Darsteller die Geschichte der Zauberflöte zum Leben erwecken – für Sie, liebes Publikum. Sie sind der dritte, unverzichtbare Faktor des Aufführungserlebnisses. Ich wünsche Ihnen eine inspirierende Vorstellung und hoffe, dass wir auch weiterhin das Genie feiern, das uns dieses und so viele andere Meisterwerke geschenkt hat – den großen Mann, der weltweit unter diesem Namen bekannt ist, der sich – hier ist sie wieder, die Zahl – aus drei Wörtern zusammensetzt: Wolfgang Amadé Mozart.
- Quelle:
- Die Zauberflöte
- Internationale Stiftung Mozarteum
- Haus für Mozart, Mozartwoche 26
- S. 10-14
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