Eine Welt steht Kopf
Text: Maximilian Enderle
In: Magazin, März / April 2026, Oper Frankfurt, S. 6-7 [Publikumszeitschrift]
Zeitgenössischen Opern ist es nur selten vergönnt, nach ihrer Uraufführung an weiteren Häusern gespielt zu werden. Zu groß ist der Reiz des Neuen und Eigenen, zu riskant ein unbekannter Titel auf dem Spielplan, so dass selbst gut besprochene Stücke mitunter nach wenigen Aufführungen in der Schublade verschwinden. Im Falle von George Benjamins zweiter Oper Written on Skin verhält sich dies fundamental anders: Seit der Uraufführung 2012 in Aix-en-Provence war das Werk mehr als 100 Mal zwischen Toronto, New York, London, Berlin und Moskau zu erleben, womit es zu den meistgespielten Opern des 21. Jahrhunderts zählt.
Ein modernes Drama
Ein wesentlicher Grund für diesen Erfolg liegt in der kongenialen Zusammenarbeit zwischen George Benjamin und dem Textdichter Martin Crimp. Dessen Sprache, die Benjamin als »hart, extrem ökonomisch und fantasievoll zugleich« beschreibt, war für den Komponisten ein Katalysator, um sich nach vielen Instrumentalwerken erstmals dem Musiktheater zuzuwenden. Zunächst verfassten Benjamin und Crimp im Jahr 2006 die Kammeroper Into the little Hill, ehe sie sich mit Written on Skin an eine abendfüllende Oper für großes Orchester wagten.
Als Stoffgrundlage dienten in beiden Fällen ältere Erzählungen. Während Into the little Hill vom Märchen des Rattenfängers von Hameln inspiriert ist, basiert Written on Skin auf der mittelalterlichen Legende vom »verspeisten Herzen«, die sich um den katalanischen Troubadour Guillem de Cabestanh rankt: Nach der Affäre mit der Ehefrau eines Gönners fand der Künstler einen gewaltsamen Tod. Martin Crimp überführte die Erzählung in ein modernes Drama, das die Gewaltbereitschaft des Menschen ebenso aufscheinen lässt wie dessen schöpferisches Potenzial.
Vorangetrieben wird das Geschehen der Oper von drei Engeln: Zu Beginn erschaffen sie überhaupt erst den Kosmos um den reichen Protector und seine Ehefrau Agnès, welchen sie später durch ihre Handlungen gründlich auf den Kopf stellen. Einer der Engel schlüpft in die Rolle des Boy, der den Protector in einer Buchmalerei verherrlichen soll. Durch seine Bilder eröffnet der Boy aber zugleich Agnès eine neue Perspektive auf ihr Leben, woraufhin sie sich zunehmend von ihrem gebieterischen Ehemann emanzipiert.
In Gang gesetzt wird diese Reise von einer ungemein vielschichtigen Musik: George Benjamin, der im Alter von 16 Jahren der jüngste und letzte Schüler von Olivier Messiaen wurde, vereint in seinem Schaffen verschiedene Traditionslinien. Impressionistische Elemente à la Ravel und Debussy finden sich darin genauso wie die Klangsinnlichkeit seines Lehrers, die dichte Tonsprache Anton Weberns oder Anleihen bei der indischen Musik. Als Anspruch seiner Kompositionen formulierte George Benjamin: »Ich will etwas mit meiner Musik sagen, und das so klar und kompakt wie nur möglich. Ich will ein Maximum an Informationen schichtweise übereinanderlegen, aber so transparent, dass alles hörbar bleibt.«
Die Partitur von Written on Skin zeichnet mit einer feinnervigen, mal abgründigen, mal enthemmten Musik die Kräfteverhältnisse der Charaktere nach. Analog zu der im Text beschriebenen Kunst der Buchmalerei nutzt der Komponist die ganze Palette an instrumentalen Farben, um jeder Szene eine eigene atmosphärische Grundierung zu verleihen. Dank einer subtilen Dynamik und eines gläsernen Orchestersatzes bleiben dabei aber stets die Gesangsstimmen im Fokus der Aufmerksamkeit: Immer wieder ist zu vernehmen, wie die Figuren aneinander vorbeireden, sich voneinander abstoßen oder gegenseitig ins Wort fallen. Nur Agnès und dem als Countertenor besetzten Boy ist es vergönnt, vorübergehend in Liebesmomenten zusammenzufinden und ihre Gesangslinien umeinanderzuwinden.
Sturz in die Höhe
Nachdem der Boy und Agnès im dritten Akt dem Protector ihr Verhältnis offenbaren, läuft die Oper auf ihren düsteren Kulminationspunkt zu: Die Ermordung des Boy durch den Protector vermittelt Benjamin durch ein Orchesterzwischenspiel, das der Komponist nicht als illustrative Darstellung, sondern als »musikalische Zuspitzung« der dem Drama inhärenten Gewalt versteht. Es folgt eine karg instrumentierte Szene, in welcher der Protector seiner unwissenden Ehefrau das Herz des Verstorbenen zum Essen vorsetzt.
Als Agnès über die Herkunft ihrer Speise aufgeklärt wird, bekräftigt sie erneut ihre Liebe zu dem ermordeten Boy: »Reiß mir die Zunge heraus, überschütte mich mit Säure – was immer du mir antust, nichts wird die Bilder ausradieren können, die dieser Junge auf meine Haut gezeichnet hat«, schleudert sie ihrem Ehemann ins Gesicht, ehe sie sich dessen Fängen entzieht und aus dem Fenster springt. Begleitet vom ätherischen Klang einer Glasharmonika, macht die Szene deutlich: Agnès stürzt nicht zu Boden, sondern in Richtung Himmel. Ob sie dort eine Welt jenseits patriarchaler Unterdrückung vorfindet, lässt Martin Crimps Libretto offen. Die letzten Worte dieser soghaften Oper gehören den drei Engeln, die Agnès’ Sprung mit einer »kalten Faszination für das menschliche Elend« zur Kenntnis nehmen.
WRITTEN ON SKIN
George Benjamin *1960
Martin Crimp (Text) *1956
Oper in drei Teilen mit Musik von George Benjamin und einem Text von Martin Crimp nach der anonymen okzitanischen Erzählung Guillem de Cabestanh – Le cœur mangé / Uraufführung 2012, Grand Théâtre de Provence, Aix-en-Provence / In englischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln
FRANKFURTER ERSTAUFFÜHRUNG
Sonntag, 1. März
VORSTELLUNGEN 5., 7., 13., 15., 21., 29. März / 5. April
MUSIKALISCHE LEITUNG Erik Nielsen INSZENIERUNG Tatjana Gürbaca BÜHNENBILD, LICHT Klaus Grünberg KOSTÜME Silke Willrett DRAMATURGIE Maximilian Enderle
PROTECTOR Bo Skovhus AGNÈS Elizabeth Reiter FIRST ANGEL / BOY Iurii Iushkevich SECOND ANGEL / MARIE Cecelia Hall THIRD ANGEL / JOHN Michael McCown
Mit freundlicher Unterstützung [Logo Patronatsverein]