• Foyer5
  • Landestheater Linz
  • April-Juli 2026
  • S. 18-21

Vom Klischee der bösen Schwiegermutter

Machtkonstellationen innerhalb der Familie

Text: Christoph Blitt

In: Foyer5, April-Juli 2026, Landestheater Linz, S. 18-21 [Publikumszeitschrift]

„Stell die Teller weiter zum Tischrand, dass in der Mitte mehr Platz für das Essen ist.“ – Die Schwiegermutter meint es doch „nur gut“. Ein harmloser Hinweis hier, eine kleine Korrektur dort. Mal geht es eben darum, wie man den Tisch deckt, mal darum, wie man das Kind anzieht, oder wie man mit dem eigenen Sohn spricht. Nichts davon wirkt brutal oder böse. Und doch entsteht durch solche Belehrungen ein Klima, in dem man sich als Adressat:in klein vorkommt. Man hat das Gefühl, ständig unter Beobachtung zu stehen und wird dadurch unsicherer.

Macht in Familien tritt oftmals nicht als offene Gewalt auf. Sie tarnt sich als Fürsorge, wird argumentativ mit Formulierungen wie „Das haben wir schon immer so gemacht“ unterfüttert oder durch einen Erfahrungsvorsprung legitimiert. In Leoš Janáčeks Oper Katja Kabanowa wird diese Dynamik auf die Spitze getrieben. Hier ist es die Mutter des reichen Kaufmanns Tychon, die dessen Ehefrau Katja das Leben zur Hölle macht. Denn bei dieser Schwiegermutter, der man den bezeichnenden Beinamen Kabanicha, was übersetzt „Wildsau“ heißt, gegeben hat, werden familiäre Nähe und familiäre Kontrolle zu Synonymen. Mit ihrem moralischen Druck, den sie auf ihre Umgebung, vor allem aber auf Katja ausübt, nimmt sie dieser die Luft zum Atmen, was letztendlich in die Katastrophe führt.

Janáček schärft hier auf der Grundlage des Schauspiels Gewitter von Alexander Ostrowski eine Konstellation bis zur Schmergrenze, die sich im Grunde in vielen Familien findet. Denn die Soziologie weiß schon lange, dass das Bild der Familie als ein natürlicher Hort von Harmonie und Verständnis eine Illusion sein kann. Denn eine Familie ist immer auch ein soziales System, das geprägt ist von festgeschriebenen Rollenmustern, Erwartungshaltungen und asymmetrischen Machtverhältnissen. Dabei kommen eher subtile Druck- und Kontrollmechanismen zum Tragen, die über Liebesentzug, Erzeugen von Scham oder über die Belohnung durch verstärkte Anerkennung und Zuwendung funktionieren. Das muss nicht zwangsläufig wie in Janáčeks Oper bewusst passieren. Viele derartige Prozesse laufen auch unterschwellig ab.


Die Rolle der Schwiegereltern

Dass in diesen Machtmechanismen die Schwiegereltern oftmals eine entscheidende Rolle spielen, die sich vor allem bei den Schwiegermüttern in vielen misogynen Witzen über diesen Personenkreis niedergeschlagen hat, resultiert aus verschiedenen Ursachen.

Ein zentraler Punkt ist hier, dass die Abhängigkeiten zwischen Eltern und Kindern in beiden Richtungen komplex sind. Verschiebt sich ein erst einmal ausgewogenes Verhältnis zwischen Zusammenhalt und individueller Abgrenzung oder gestaltet sich die Bindung zwischen den beiden Generationen besonders eng, kann es sein, dass der kollektive Emotionshaushalt durcheinandergerät. Wenn aber die Trennschärfe zwischen den eigenen Gefühlen und denen der Familie immer weniger greifbar wird, wird die eigene Autonomie oftmals geopfert. Und nicht nur das, man fühlt sich als Kind etwa auch für das Glück der Eltern verantwortlich, was schnell zu einer Überforderung führen kann.

Auch wenn damit die negativste der möglichen Entwicklungen innerhalb der Familie beschrieben ist, lassen sich derartige Prozesse in weniger starker Ausprägung eigentlich fast immer zwischen Eltern und Kindern konstatieren. Aber selbst bei nur dezenten und im Grunde normalen emotionalen Abhängigkeiten kann es zum Problem werden, wenn sich ein Kind eine:n Partner:in sucht. Dominiert die Herkunftsfamilie trotz des oder der Lebensgefährt:in, können Spannungen vorprogrammiert sein. Der neu hinzukommende Mensch wird als Eindringling in die bisherige Beziehungsdynamik empfunden. Da kann es passieren, dass die Schwiegereltern bewusst oder unbewusst, offen oder eher subtil meinen, ihm ihre Vormachtstellung beweisen zu müssen. Aktionen und Entscheidungen der neuen Partnerin oder des neuen Partners werden kommentiert und/oder bewertet und von dem eigenen Kind wird die gewohnte Loyalität eingefordert. Das kann auch auf Eltern- oder eben Schwiegerelternseite mit der Angst vor Status- und Machtverlust einhergehen, was eine weitere Eskalationsstufe in der Bekämpfung der neuen Partnerschaft nach sich ziehen kann. Auch der Instinkt, das eigene Kind beschützen zu wollen, kann dazu führen, dass die neue Partnerin oder der neue Partner erst einmal abgelehnt wird, da man nicht weiß, wie gut der Sohn oder die Tochter in der neuen Beziehung aufgehoben sein wird.


Lösungswege

In Janáčeks Oper Katja Kabanowa führen derartige Dynamiken in die Katastrophe, da die übermächtige Schwiegermutter als Repräsentantin eines starren Moralsystems durch emotionalen Druck Katjas Emanzipations- und Freiheitsstreben in schwerste Gewissensbisse und tief empfundene Schuld verwandelt. Diesen meint sich Katja nur durch Selbstmord entziehen zu können. Janáček mit seiner unnachahmlichen Fähigkeit, in seiner Musik Mitleid mit den unrecht Leidenden bei den Zuhörer:innen zu erregen, zeigt damit auch gleich einen Lösungsweg aus den oben beschriebenen toxischen Familiendynamiken: Empathie und Achtsamkeit; das Wissen auf Seiten der Eltern, dass man sich selbst einst in der Situation befand, sich von der Familie abnabeln zu müssen; Sensibilität auf Seiten der Kinder für die Verlustängste der Eltern; oder das Wissen, dass derartige Konflikte und Verschiebungen innerhalb des Kräfteverhältnisses und des Emotionshaushalts einer Familie vollkommen normal sind: All das kann helfen, derartige Prozesse aktiv zu gestalten und nicht eskalieren zu lassen. Dass es namentlich beim Verhältnis von Mutter und Schwiegertochter statistisch gesehen häufig zu Spannungen kommt, die aber in der Regel sich auch bald wieder normalisieren, unterstreicht freilich dabei nur die lebendige Emotionalität und Dynamik von Familienkonstellationen. In diesem Sinne: Auf gutes Zusammenleben!

 

KATJA KABANOWA
Oper in drei Akten von Leoš Janáček

Markus Poschner (Musikalische Leitung) Peter Konwitschny (Regie)

Mit Clarry Bartha, Christian Drescher, Matjaž Stopinšek, Carina Tybjerg Madsen, Michael Wagner u. v. m

Ab 26. April 2026
Großer Saal Musiktheater