Vom Tabubruch einer Ehe zu dritt
Die Geschichten des Grafen von Gleichen
Text: Christoph Blitt
In: Foyer5, April-Juli 2026, Landestheater Linz, S. 30-31 [Publikumszeitschrift]
Im Dom zu Erfurt findet sich eine Grabplatte aus dem 13. Jahrhundert, die einen Mann zwischen zwei Frauen zeigt. Auch wenn es sich hierbei aller Wahrscheinlichkeit nach um das in Stein gemeißelte Porträt eines Ritters mit seiner Ehefrau und seiner Mutter handelt, regte diese Darstellung die Fantasie der Betrachter:innen an. Und so brachte man dieses Grabmal schnell in Verbindung mit der Sage über den Grafen von Gleichen, dessen Burg in der Nähe von Erfurt gelegen ist.
Die Sage vom Grafen von Gleichen
Der Erzählung nach soll dieser Graf seine Frau in Thüringen zurückgelassen haben, um an einem der Kreuzzüge teilzunehmen, wo er alsbald im Orient in Gefangenschaft geriet. Die Tochter des dortigen Sultans entbrennt jedoch in Liebe zu ihm. Unter der Bedingung, dass der Graf sie mit sich nehme, verhilft sie ihm zur Flucht. Die Sultanstochter lässt sich taufen, und der Graf erhält vom Papst persönlich die Erlaubnis, ab sofort mit zwei Frauen verheiratet sein zu dürfen. Da sich auch des Grafens Gemahlin mit der schönen Orientalin bestens versteht, führen sie seitdem eine Ehe zu dritt.
Aus diesem Grund hält sich hartnäckig das Gerücht, dass der bewusste Grabstein im Erfurter Dom den Grafen von Gleichen mit seinen beiden Ehefrauen zeigt. Dementsprechend regte diese Sage, die in Literatur und Kunst zahlreiche Verbreitung fand, auch vor allem männliche Fantasien an, die sich in neue Beziehungskonstellationen mit zwei oder mehreren Frauen hineinträumten. Die Sage bot aber auch politischen Zündstoff. Denn während der Reformation wollte der hessische Landgraf Philipp I. unter Berufung auf die Geschichte des Grafen von Gleichen neben seiner Gattin Christina von Sachsen auch noch Margarethe von der Saale heiraten. Da Philipp einer der wichtigsten und einflussreichsten Unterstützer von Luther und dessen neuen Lehren war, stimmte dieser zusammen mit dem Reformator Philipp Melanchthon der Doppelehe zu. Allerdings machte er zur Auflage, diese Verbindung geheim zu halten. Doch da sich dies nicht bewerkstelligen ließ, geriet dadurch die Sache der Reformation in Misskredit, während Philipps politischer Einfluss sank. Zeitweise war auch fraglich, ob ihm als Bigamist nicht die Todesstrafe drohe.
Tabubruch und kulturelle Rezeption
Auch wenn sich Johann Wolfgang von Goethe in seinem Schauspiel Stella für eine Dreierbeziehung stark macht, rührt die Sage über den Grafen von Gleichen bis heute an einem Tabu. Denn trotz sexueller Revolution, trotz einer Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Partnerschaften, trotz einer Fülle an Inspirationen, die das Internet in Hinblick auf Beziehungsmodelle und den damit verbundenen Spaß bietet, halten Gesellschaft, Staat und Kirche an der Zweierehe als einziger Variante einer amtlich verbrieften Verbindung nach wie vor fest. Die gelebte Realität spiegelt das aber nur bedingt, denn Triaden und polyamore Beziehungen kommen öfter vor, als sich das eine konservative Moral ausmalen möchte.
Da seinerzeit Franz Schubert als Teil einer experimentierfreudigen queeren Subkultur im Wien der engstirnigen Metternich-Ära derartige festgefahrene Sittengebräuche ignorierte, verwundert es nicht, dass er sich der Graf von Gleichen-Sage zugewandt hat, um sie für die Opernbühne zu adaptieren. In der Reihe Oper am Klavier kann man nun seine fragmentgebliebene Version dieses Tabubruchs genießen.
DER GRAF VON GLEICHEN
Oper in zwei Akten von Franz Schubert
Nach den Skizzen (D918) vollendet von Richard Dünser
Text von Eduard von Bauernfeld
ab 28. Mai 2026 | BlackBox Lounge