Gerächt, verloren
Text: Zsolt Horpácsy
In: Magazin, Mai / Juni 2026, Oper Frankfurt, S. 6-7 [Publikumszeitschrift]
Als Wolfgang Fortner im Jahr 1957 mit Bluthochzeit seine erste Oper fertigstellte, galt der damals 50-Jährige bereits als führende Persönlichkeit im europäischen Musikleben. In der Leipziger Bach-Tradition ausgebildet, gehörte er in der Nachkriegszeit zu den erfolgreichsten Komponisten der Bundesrepublik. Auch als Lehrer hat er eine ganze Generation geprägt. Zu seinen prominenten Schülern zählte Hans Werner Henze, der seinen ehemaligen Professor als sensiblen Vermittler zwischen den Gattungen, Kulturen und Epochen charakterisierte.
Seit 1931 wirkte Fortner am Kirchenmusikalischen Institut in Heidelberg, doch er verhielt sich während der Zeit des Nationalsozialismus keineswegs neutral. Seine NSDAP-Mitgliedschaft und Werke für Propaganda-Zwecke gehören zu den dunkelsten Kapiteln seiner Biografie. Nach dem Kriegsende unterrichtete er an verschiedenen Musikhochschulen und war Leiter der Sektion Musik an der Berliner Akademie der Künste. Als Dirigent setzte sich Fortner für Kompositionen seiner Kollegen und Studenten ein und führte sie regelmäßig auf. Sein Einfluss auf die Entwicklung des Musiklebens blieb bis zu den frühen 80er Jahren enorm.
Seelenverwandschaft
Von der Musik des Mittelalters, über Werke von Hindemith und Strawinsky bis hin zur Zwölftontheorie und den Experimenten der elektronischen Musik hat Fortner viele Einflüsse auf sich wirken lassen. Er verarbeitete diese Impulse und führte sie in einem originellen Klangbild zusammen. Ende der 1940er Jahre, auf der Suche nach neuen kompositorischen Wegen im Musiktheater, entdeckte Fortner den andalusischen Dichter Federico García Lorca und war von seinen Theaterstücken wie gefesselt.
Der 1898 geborene spanische Dichter wurde 1936, im ersten Jahr des Franco Militärputsches gegen die Republik, als »Links-Intellektueller« von den Falangisten erschossen. In dieser Zeit zählten seine Gedichte und Bühnenwerke bereits zu den Höhepunkten der zeitgenössischen europäischen Literatur. Lorca war künstlerisch vielseitig interessiert und begabt, sammelte Volkslieder, sang sie, spielte die Begleitung selbst auf der Gitarre und gab zusammen mit Manuel de Falla ein Buch über den Cante Jondo, die Folklore seiner Heimat heraus.
1933, drei Jahre vor seinem Tod, wurde die Tragödie Bluthochzeit mit großem Erfolg in Madrid uraufgeführt. Ihre Szenen folgen einem klaren Konzept, ihre Struktur erinnert an streng gebaute musikalische Formen. In der Verknüpfung von existentiellen Themen wie Liebe, Hass, Rache und Tod ist Bluthochzeit den antiken Schicksalstragödien vergleichbar. Ihre Kraft liegt auch in Lorcas konzentrierter Sprache, die eine Sogwirkung entwickelt. Die ursprünglich dreiaktige Tragödie richtet sich gegen das eiserne Gesetz der Blutrache, plädiert eindringlich für Freiheit und Liebe.
Schicksalstragödie
Fortner sah in Bluthochzeit die ideale Vorlage für eine Oper und näherte sich dem Stoff in mehreren Schritten. Er erkannte, dass »dieses Stück ein unerhört schönes Libretto mit sangbaren Partien« sei und dass »die Musik die Tragödie zu Ende singen müsse«. Den Anstoß zur Komposition gab 1948 ein Auftrag für die Bühnenmusik zu einer Inszenierung von Lorcas Tragödie am Hamburger Schauspielhaus. Die Szenenanweisung für das vorletzte Bild (»Es erklingen zwei Violinen, den Wald ausdrückend«) bedeutete für Fortner eine Aufforderung, sich mit dem Stück intensiver auseinanderzusetzen. Die Handlung regte ihn zu einer freien Form an, in der gesungene und gesprochene Texte genauso bruchlos miteinander verbunden sind, wie in Lorcas Dramen Prosa und Vers ineinander übergehen. Nach der Bühnenmusik für die Hamburger (und Berliner) Aufführungen folgte das zweite Kapitel der Entstehungsgeschichte: Im Auftrag des Hessischen Rundfunks entstand die lyrische Suite Der Wald, die 1953 in Frankfurt uraufgeführt wurde. Sie diente später als Grundlage für die Oper, deren Libretto Lorcas Text weitgehend unverändert übernahm, wobei die umstrittene Übersetzung von Enrique Beck behutsam gekürzt wurde. Die 1957 fertiggestellte Oper wurde als Eröffnungspremiere des neu gebauten Kölner Opernhauses unter der Leitung von Günter Wand, einem engen Freund und Mitstreiter des Komponisten, uraufgeführt. Die Rezeptionsgeschichte von Bluthochzeit ist exemplarisch für Fortners Gesamtwerk: Sie wurde nach der Uraufführung bis zu seinem Tod 1987 insgesamt 22-mal neu inszeniert und galt somit als eine der erfolgreichsten deutschen Opern nach 1945. Seitdem erscheinen seine Werke nur selten auf den Spielplänen und in den Konzertprogrammen. Mit der Wiederentdeckung der zweiten Lorca-Oper des Komponisten In seinem Garten liebt Don Perlimplín Belisa 2024 im Bockenheimer Depot und der aktuellen Erstaufführung von Bluthochzeit trägt die Oper Frankfurt zu einer (möglichen) Fortner-Renaissance bei.
Zu Ende gesungen
Fortner verwendete nur wenige Motive der spanischen Musik in seiner Vertonung, um die Atmosphäre der Tragödie nachdrücklich zu unterstreichen. Die sieben Bilder der Oper sind durch expressive Zwischenspiele miteinander verbunden. Die Instrumentation ist zurückgenommen und lässt dem Text, den streng angelegten Sing- und Sprechstimmen den Vorrang. Umso wirkungsvoller erscheinen die ariosen Momente, in denen »die Tragödie zu Ende gesungen wird«. Fortners Klangwelt reflektiert Lorcas Sprachmelodie und entspricht perfekt ihrer mitreißenden, elementaren Kraft. Sie verleiht den Figuren eine neue Dimension, verstärkt ihre Konturen und zeichnet – ganz im Sinne des Autors – das erschreckende Bild einer lieblosen und menschenverachtenden Gemeinschaft, die im Namen der »Tradition« agiert. Die Blutrache wird zum Schluss für beide Clans gleichzeitig vollbracht. Zwei junge Männer sterben. Verlierer sind alle.
BLUTHOCHZEIT
Wolfgang Fortner 1907–1987
Lyrische Tragödie in zwei Akten / Text von Federico García Lorca in der deutschen Übersetzung von Enrique Beck / Uraufführung 1957, Städtische Oper, Köln / In deutscher Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln
FRANKFURTER ERSTAUFFÜHRUNG Sonntag, 10. Mai
VORSTELLUNGEN 13., 15., 24., 31. Mai / 6., 15. Juni
MUSIKALISCHE LEITUNG Duncan Ward INSZENIERUNG Àlex Ollé BÜHNENBILD Alfons Flores KOSTÜME Lluc Castells LICHT Olaf Winter CHOR Álvaro Corral Matute DRAMATURGIE Zsolt Horpácsy
MUTTER Claudia Mahnke BRAUT Magdalena Hinterdobler BRÄUTIGAM Christian Clauß TOD / BETTLERIN Daniela Ziegler LEONARDO Mikołaj Trąbka LEONARDOS FRAU Zanda Švēde SCHWIEGERMUTTER Annette Schönmüller MAGD Karolina Makuła NACHBARIN Barbara Zechmeister KLEINES MÄDCHEN Karolina Bengtsson VATER DER BRAUT Dietrich Volle MOND AJ Glueckert KIND Alina Avagyan°
°Mitglied des Opernstudios