- Lulu
- Staatstheater Nürnberg
- Oper von Alban Berg, Saison 2025/26
- S. 15-16
Boulevardkomödie mit Toten
Text: Jens-Daniel Herzog
In: Lulu, Oper von Alban Berg, Saison 2025/26, Staatstheater Nürnberg, S. 15-16 [Programmheft]
Frank Wedekind nannte seine „Lulu“-Stücke „Tragödien“, und das zu Recht, denn Tote gibt es darin am laufenden Band. Aber Wedekind war ein Kabarettist, ein Satiriker. Tragik und Komik sind bei ihm nicht zu trennen. Er erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die von ganz unten kommt, aus sozialen Abgründen, die wir uns nicht mal vorstellen können. Schon als Kind ist sie gierigen Männern in die Hände gefallen, die sie ausbeuten, sexuell und als geldwerte Inspiration (wie der Maler, Alwa und der Athlet). Trotzdem oder gerade deshalb lässt sie sich ihre Lebensenergie nicht rauben. Sie weiß, wo sie herkommt, und dass sie da nicht mehr hin will. Der Schlüssel zu einem besseren Leben ist für sie Dr. Schön. Er war der erste, der sie gekauft hat, und an ihn hängt sie sich. Ihr großes Ziel ist, ihn zu unterwerfen und zu heiraten. Schön ist der einzige, den Lulu vielleicht liebt.
Die Männer um sie herum sind eine Geisterbahn der Männlichkeit, grelle Karikaturen, die ihre Komplexe auf eine junge Frau projizieren: der geile, impotente alte Medizinalrat; der hochneurotische Maler, der erst Erfolg hat, als er anzügliche Bilder von Lulu produziert; der Machtmensch Dr. Schön, ein ekelhafter Zyniker; sein sentimentaler Sohn Alwa, ein weichlicher, erfolgloser Komponist; der Gymnasiast, der ernsthaft glaubt, eine Frau wie Lulu könnte man mit selbstgemachten Gedichten beeindrucken; der Prinz, der sie einfach kaufen und mitnehmen will; der Diener, der plötzlich komplett aus seiner sozialen Rolle fällt; Schigolch, der erste, der Lulu missbraucht hat und der sich jetzt auf ihre Kosten ein schönes Leben macht; der Athlet, ein grober Klotz, der nur auf den eigenen Vorteil bedacht ist; schließlich als einzige Frau im Pandämonium die Gräfin Geschwitz, die unglücklich in Lulu verliebt ist und sich für sie in Lebensgefahr begibt. Lulu nutzt die Energien, das Geld und die Gefühle dieser Männer und dieser Frau, um irgendwie durchzukommen. Das gelingt am Anfang sehr gut: Sie fällt immer nach oben, von einer lukrativen Beziehung in die nächste. Erst als sie Dr. Schön seinem verdienten Schicksal zuführt und ihn umbringt, beginnt ihr Abstieg. Die Flucht nach Paris und Alwas Bankrott zwingen sie, die Prostitution, die sie bislang auf höchstem Niveau ausgeübt hat, nun in einer dreckigen Dachkammer zu betreiben, wo sie ihrem Mörder begegnet. Im 3. Akt hat sie, verarmt und geschlechtskrank, ihre Anziehungskraft auf die Männer verloren. Für den Marquis, den Freier und Jack the Ripper ist Lulu nur noch ein Gebrauchsgegenstand.
Lulu ist eine einfache, ein bisschen prollige Frau, die sich selbst wundert, was sie in den Männern auslöst. Gegen ihre Energie, die aus purem Überlebensinstinkt erwächst, haben die selbstmitleidigen Männer keine Chance. Lulu entdeckt ihren Körper als Ware, von der sie gut leben kann. Sie entwischt einer Schlinge nach der anderen, die man ihr auslegt, aber ihre Spielräume werden im Lauf des Stücks immer kleiner. Doch sie antwortet auf ihre Lage nicht mit Depressionen, sondern schlägt mit voller Kraft um sich. Das ist bitterböse, eigentlich furchtbar traurig, auf der Bühne aber oft irre komisch. „Lulu“ ist eine Boulevardkomödie mit Toten.
- Quelle:
- Lulu
- Staatstheater Nürnberg
- Oper von Alban Berg, Saison 2025/26
- S. 15-16
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