• Ein Fall für Figaro
  • Staatstheater Nürnberg
  • Musikalische Komödie nach Gioacchino Rossini, Saison 2025/26
  • S. 13-17

Figaro, Figaro, Figaro!

Text: Wiebke Hetmanek

In: Ein Fall für Figaro, Musikalische Komödie nach Gioacchino Rossini, Saison 2025/26, Staatstheater Nürnberg, S. 13-17 [Programmheft]

„Figaro, Figaro, Figaro!“ – die Auftrittsarie des legendären Barbiers von Sevilla ist weltberühmt und für viele zum Synonym für Oper schlechthin geworden. Das Bravourstück darf natürlich auch in der Musikalischen Komödie „Ein Fall für Figaro“ nicht fehlen. Sie ist eine Bearbeitung von Gioacchino Rossinis bekanntester Oper „Il Barbiere di Siviglia“.


Theaterkind

Gioacchino Rossini war bei der Uraufführung seines Erfolgsstücks knapp 24 Jahre alt, hatte schon über ein Dutzend Opern komponiert und war auf dem besten Wege, der Star der europäischen Opernwelt zu werden. Die Liebe zum Musiktheater war ihm quasi in die Wiege gelegt worden: Sein Vater war Hornist, seine Mutter Sängerin. Als Kind tourte er oft mit den Eltern von Theater zu Theater, lernte früh das Cembalospiel und wurde von seiner Mutter in Gesang unterrichtet. Als er mit 14 Jahren auf das Konservatorium für Musik in Bologna kam, hatte er also bereits viele praktische Erfahrungen sammeln können, er stand regelmäßig selbst auf der Bühne, kannte sich mit den Orchesterinstrumenten aus und komponierte eigene kleine Stücke. Was ihm noch fehlte, waren die theoretischen Grundlagen, und die eignete er sich in wenigen Studienjahren an.

Rossinis Lebens begann bereits mit einer Skurrilität: Er wurde an einem 29. Februar geboren, ein Datum, das nur alle vier Jahre wiederkehrt.


Das Ergebnis zählt

Mit 18 Jahren stellte er dem Publikum zum ersten Mal eine eigene Oper vor, bereits mit 21 Jahren leitete er zwei Opernhäuser in Neapel und erfüllte darüber hinaus noch Opernaufträge anderer Theater in Italien. Sein Einfallsreichtum und sein Arbeitstempo waren legendär; auch und vor allem in Bezug auf seine bis heute populärste Oper: „Il Barbiere di Siviglia“. Dieses Werk entstand im Auftrag des Teatro Argentino in Rom. Wegen seiner Kompositionsverpflichtungen in Neapel war die Zeit für die Uraufführung überaus knapp bemessen. Nachdem sich Rossini mit der römischen Theaterleitung auf ein Sujet geeinigt hatte, blieben nur wenige Wochen, um die neue Oper zu schreiben – wohlgemerkt: nicht nur die Musik, sondern auch das Libretto. Dem Textautoren Cesare Sterbini kam dabei zu Hilfe, dass die Handlung der neuen Oper auf einer Komödie von Pierre Auguste Caron de Beaumarchais  basierte. Der hatte selbst schon an eine Verwendung als Opernstoff gedacht und das Stück entsprechend angelegt. Zudem gab es bereits mehrere Vertonungen, an denen sich Sterbini orientieren konnte.

Beaumarchais’ „Barbier” war Teil einer Trilogie über Figaro. Im zweiten Teil wird erzählt, wie Figaro selbst um seine Braut kämpfen muss. Diesen Teil hat Wolfgang Amadeus Mozart vertont: „Figaros Hochzeit“ ist ebenfalls eine weltberühmte Oper geworden.

Sobald Sterbini eine Szene geschrieben hatte, reichte er sie an Rossini weiter, damit er sie sofort in Musik setzen konnte. Auch Rossini half sich, indem er einige Melodien aus seinen früheren Opern übernahm, was damals übrigens nicht unüblich war. Die Ouvertüre hatte er bereits zweimal für andere Opern verwendet. Ob die Entstehung nun 16 Tage oder vier Wochen gedauert hat, ist heute nicht mehr nachzuvollziehen und eigentlich auch egal: Das Ergebnis zählt.


Altbekanntes Komödienschema

„Der Barbier von Sevilla“ ist u. a. deswegen so ein Meisterwerk, weil es sowohl auf der Tradition aufbaut als auch darüber hinausgeht: Unschwer ist in den Figuren und in der Handlung das traditionelle Komödienschema der Commedia dell’arte zu entdecken: Die Liebe der beiden jungen Leute wird durch den komischen Alten (Pantalone) und seinen pseudogelehrten Freund (Dottore) verhindert, aber mit Hilfe des Dieners (Arlecchino) doch noch ermöglicht. Rossini bedient dieses Schema und entlarvt es gleichzeitig, indem er Situationen über- und ad absurdum treibt: Bis hin zum großen Ensemble im Finale I, in dem sogar der Text ins Absurde abgleitet, weil die Figuren zu keinem klaren Gedanken mehr fähig sind – und die Lust am Chaos zum musikalischen Selbstzweck geworden ist.


Ein Fall für Figaro“

In der Bearbeitung „Ein Fall für Figaro“ nehmen wir diesen Hang zum Absurden, die Typisierung der Figuren und die Lust am Klischee mit großer Begeisterung auf. Indem wir die Handlung in die späten 50er-Jahre der Bunderepublik versetzen, können wir auf inhaltliche Schlüsselmotive verzichten, die heutzutage kaum noch jemand versteht (Mündel, Quartierschein, die Wäscheliste …). Die 50er-Jahre sind zudem nah genug an uns dran, um die Lebensumstände der damaligen Menschen nachvollziehen zu können. Der Alltag der Jugendlichen war, vor allem für die Mädchen, streng reglementiert, und die Liebe von jungen Leuten wurde durch die Eltern oftmals schon im Keim erstickt. Gleichzeitig aber atmeten die 50er schon den Geist der Rebellion, der dann spätestens Ende der 60er die verkrustete Moral aufbrechen wird.


Erfolg in ganz Europa

Nach der erfolgreichen Aufführungsserie des „Barbier“ war der Erfolg von Gioacchino Rossini nicht mehr aufzuhalten. Im Schnitt komponierte er nun vier Opern pro Saison, seine Werke wurden an Opernhäusern in ganz Europa gespielt . 1824 ließ er sich in Paris nieder, wo sich allmählich das Zentrum der europäischen Opernwelt entwickelt hatte. Er übernahm dort die Leitung des „Théâtre-Italien“, in dem ausschließlich italienische Opern gespielt wurden. Wenig später ernannte man Rossini zum königlichen Hofkomponisten und beauftragte ihn mit einem neuen Werk für die Krönungsfeierlichkeiten von Karl X. Als 1830 in Paris eine Revolution ausbrach und der König infolgedessen abdanken musste, verlor auch Rossini seine Stellung am Hof – handelte sich aber eine lebenslange Rente aus.

In der Saison 1826/27 erlebte der „Barbier“ seine Erstaufführung in New York. Der dortige Theaterleiter, Lorenzo da Ponte, war Jahrzehnte zuvor der Librettist von Mozarts „Figaro“ gewesen.


Legendäre Kochkünste

Innerhalb von 19 Jahren hatte Rossini 39 Opern komponiert. Obwohl er erst Mitte 30 war, zog er sich allmählich von der Bühne zurück. Die Gründe dafür sind vielfältig: Rossini war ein wacher und weitsichtiger Künstler, der die musikalische Entwicklung um ihn herum mit Interesse beobachtete und selbstkritisch bemerkte, dass seine Opern nicht mehr lange up to date sein würden. Hinzu kamen gesundheitliche Probleme inklusive schwerer Depressionen, die er erst in den 1850er-Jahren in den Griff bekam.

Bis heute werden Rossinis Rezepte nachgekocht. Er hatte eine besondere Vorliebe für Trüffel, was mit seiner Herkunft zu tun hat: Seine Geburtsstadt Pesaro liegt in den Marken, einem Trüffelparadies.

In seinen letzten Lebensjahren galt er als Strippenzieher im Hintergrund in Paris, der, obwohl selbst nicht mehr aktiv, immer noch Einfluss auf die Opernszene hatte und jüngere Kollegen unterstützte. Legendär sind seine Kochkünste, denen er sich in seiner zweiten Lebenshälfte mit großer Hingabe widmete.

Ganz gab Rossini das Komponieren nicht auf, aber er verlegte sich nun auf geistliche und kammermusikalische Werke. Letztere sind nach wie vor von einer großen Portion Humor durchzogen. Humor war nicht nur ein Wesenszug seiner Kunst, sondern offensichtlich auch seines liebenswerten Charakters. Er starb 1868 in Paris.

Als seine „Alterssünden“ bezeichnete Rossini eine Reihe von kurzen Klavierstücken, humorige Bagatellen mit Titeln wie „Asthmatische Etüde“, „Hinkender Walzer“, „Naives Thema mit ebensolchen Variationen“, „Kostprobe musikalischen Quatsches der rechten Hand auf den schwarzen Tasten“ …

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