- Art Against Artillery. Ukrainische Künstler im Krieg
- Verlag Klingenberg
- Olha Volynska. Aus dem Ukrainischen von Harald Fleischmann, 1. Auflage, 2025 (Auszug)
- S. 65-77
Die Philharmonie der Unbeugsamen
Dirigent Vasyl Kryachok überlebte die Hölle von Mariupol und ließ mit geflohenen Musikern sein Orchester wiederauferstehen
In: Art Against Artillery. Ukrainische Künstler im Krieg, Olha Volynska. Aus dem Ukrainischen von Harald Fleischmann, 1. Auflage, 2025 (Auszug), Verlag Klingenberg, S. 65-77 [Buch]
Die Philharmonie von Mariupol war, wie auch andere Kulturzentren der Stadt, von den ersten Tagen des großangelegten Kriegs an im Epizentrum der Gewalt. Okkupation, massiver Beschuss und Plünderungen haben einem der kulturellen Wahrzeichen der Stadt schweren Schaden zugefügt, aber das Gebäude selbst steht noch. Eine Zeitlang diente es Menschen als Zuflucht vor den Bomben. Vasyl Kryachok, Direktor der Philharmonie und Dirigent, verbrachte zwei Monate unter der Besatzung und half den Kollegen und den Einwohnern der Stadt, die in der Philharmonie Zuflucht suchten. Wie durch ein Wunder gelang es ihm, der Besatzung zu entkommen und die Philharmonie der Unbeugsamen zu gründen, mit der Musiker aus besetzten und frontnahen Städten unterstützt werden.
»Ich bin der Hölle entkommen«, sagt Vasyl Kryachok über seine Flucht aus Mariupol. Ich treffe den Maestro an einem wunderschönen Ort in Österreich, wo er seine Tochter besucht. Vor mir sitzt ein schlanker, lächelnder Mann mit offenem Blick. Bei einer Tasse Kaffee erzählt er mir Geschichten, bei denen es mir kalt über den Rücken läuft. Er spricht sehr schnell, als fürchtete er, die Zeit könne nicht reichen, um alles Wichtige zu sagen. Um ihn herum seine drei Hunde Bella, Misha und Katzo, die er aus dem besetzten Mariupol retten konnte. Ich unterbreche ihn nicht, und unser Gespräch dauert über drei Stunden. Vasyl Kryachok wägt seine Worte nicht ab, wenn er die Verbrechen der Okkupanten beschreibt, und immer wieder kommen ihm deftige Ausdrücke über die Lippen. Nach allem, was er in Mariupol gesehen hat, beschloss er, keine russische Musik mehr zur Aufführung zu bringen.
Aus Prinzip wollte Kryachok Mariupol nach Beginn des großen Kriegs nicht verlassen. Als leidenschaftlicher Musiker und Direktor der Philharmonie fühlte er sich für seine Mitarbeiter und alle, die ihm vertrauten, verantwortlich. Wie viele andere Bewohner der Stadt hatte er nicht geglaubt, dass sich Russland auf einen umfassenden Krieg einlassen und, noch weniger, dass es die friedliche Zivilbevölkerung vernichten würde. Am sechsten Tag, nachdem die russischen Truppen in die Ukraine eingedrungen waren, brach der Kontakt zwischen ihm und der Außenwelt ab:
Bis zu dieser Sekunde jetzt kann ich nicht glauben, dass das alles mit Mariupol tatsächlich passiert ist. Ich bin nach dem Einmarsch noch zwei Monate geblieben, weil ich die Philharmonie und die Menschen nicht zurücklassen wollte. Sie glaubten mir und zählten auf mich.
Wider Willen wurde ich Zeuge schrecklichster Verbrechen. Erstens, der Zerstörung der Stadt: Rauch, Qualm, fliegende Phosphorbomben … Wenn so eine Bombe eine Wohnung trifft, dann brennen auch die Stockwerke darüber und darunter. Ständig Grad-Raketen und Fliegerbomben. Sie haben die Stadt buchstäblich in Schutt und Asche gelegt. Ich sah das alles mit an und wollte meinen Augen nicht trauen. Ich weiß nicht, wie ich überhaupt am Leben geblieben bin.
Während der intensiven Angriffe und Kämpfe wurde die Philharmonie Mariupol zum Obdach für Hunderte friedliche Einwohner, die sich vor Bomben und Artilleriebeschuss retten wollten.
Die Menschen versammelten sich in den Sälen der Philharmonie und ihren Kellern. Sie hofften, die dicken Mauern böten ihnen Schutz, auch wenn das Gebäude nicht dazu ausgelegt war. Viele kamen in tiefster Verzweiflung nach dem Verlust ihres Zuhauses oder sogar ihrer Liebsten.
Es war nicht unsere Absicht, die Philharmonie als Luftschutzkeller zu nutzen. Eine solche Verwendung war für das Gebäude nicht vorgesehen. Es fehlt an den nötigen baulichen Verstärkungen, aber die Leute kamen trotzdem. Irgendwann wurde mir klar, dass wir schon 1200 Menschen bei uns hatten: Frauen, Kinder, Alte und Kranke. Es war bei uns halbwegs warm, wir konnten Schlafplätze bereitstellen, und ich bat Unternehmer um Hilfe, die uns Teppiche, Lebensmittel und Wasser brachten – alles, was wir eben benötigten. Ich erfüllte nur meine Pflichten als ›Kommandant‹.
In den Geschäften gab es bald keine Lebensmittel mehr. Was die Leute nicht aufgekauft hatten, nahmen Plünderer mit. Dank der erwähnten Unternehmer hatten wir in der Philharmonie sogar Fleischprodukte, Wurst und Käse. Auch Wasservorräte. Und sogar eine Erst-Hilfe-Stelle. Allein und ohne Unterstützung von außen hätte ich das nie geschafft. Essen bereiteten wir auf Lagerfeuern draußen auf der Straße zu.
Die humanitäre Katastrophe wurde durch die schreckliche Belagerung der Stadt immer schlimmer. Neben all der Panik, Angst und Verzweiflung hatten die Menschen auch mit dem akuten Mangel an Essen, Wasser und Medikamenten zu kämpfen. Es gab keinen Strom mehr, kein Gas, keine zentrale Wasser- und Wärmeversorgung. Versuche, aus der Stadt zu entkommen, waren lebensgefährlich. Man beschoss Autos, in denen ganze Familien saßen. Viele Stadtbewohner meinten, sicherer für sie wäre es, zuhause auszuharren in der Hoffnung, der Schrecken würde bald enden.
Die betroffenen Menschen kamen zu uns so, wie sie waren: ohne warme Kleidung und sogar barfuß. Man muss sich das vorstellen: Bei minus acht oder minus zehn Grad flohen die Menschen in Hauskleidung und barfuß zu uns! Ich brachte von mir daheim Kleidung und Schuhe für Leute, die das brauchten.
Einmal kam eine dreiundneunzigjährige Oma. Schon einige Jahre lang war sie kaum mehr mobil, konnte sich nur auf Krücken fortbewegen. Ihre Wohnung war im achten Stock, der getroffen wurde und in Flammen aufging. Die Oma stand auf, fand irgendwelche Stöcke – es waren keine Krücken –, die gar nicht zum Gehen gedacht waren, und legte so die acht oder zehn Kilometer bis zu uns zurück. Sie sagte, sie sei mit diesen Stöcken mehr als vierundzwanzig Stunden unterwegs gewesen, jedenfalls brach sie bei uns im Foyer zusammen. Wir wärmten sie und gaben ihr zu essen. Sie war völlig entkräftet und krank.
Nach zwei Monaten war die Angst in der Stadt nicht mehr so zu spüren – die Dinge wurden als Horrorrealität hingenommen. Wir lernten dazu und kapierten, aus welcher Richtung ein Geschoß gerade kam und, überhaupt, dass es kam. Die russische Propaganda verbreitete schamlose Lügen, als würden die Ukrainer in Mariupol absichtlich gestellte Greuelszenen filmen, um die russische Armee zu diskreditieren. Russische Journalisten rannten mir nach und wollten ein Interview. Sie erzählten die größten Absurditäten: Kyiv sei schon gefallen, es gebe dort eine russische Regierung. Sie sagten, die russischen Truppen hätten bereits die ganze Ukraine erobert.
Es gab in Mariupol kein Internet und kein Handy mehr, und die Russen verbreiteten alle möglichen Gerüchte. Die Journalisten wollten bestimmte Antworten von mir. Später, in Deutschland, kam mir ein Ausschnitt aus dem russischen Fernsehen vor Augen, in dem ich vorkomme und über meine Stimme eine russische Übersetzung gelegt wird, die einfach alles auf den Kopf stellt. Man wollte den Russen weismachen, dass die Elite von Mariupol auf der Seite des Besatzungsregimes steht.
Wie auf viele andere ukrainische Intellektuelle übten die Besatzer auch auf Vasyl Kryachok Druck aus, um ihn zur Kollaboration mit der neuen Macht zu zwingen. Die Russen versuchten, einflussreiche Vertreter der Kulturszene auf ihre Seite zu ziehen, um die Illusion einer Unterstützung durch die ansässige Bevölkerung zu schaffen und eine Normalisierung des kulturellen Lebens vorzugaukeln.
Vasyl Kryachok aber lehnte jegliche Form der Kooperation ab, was keine ungefährliche Entscheidung war, da sie Konsequenzen bis hin zu einer Verhaftung haben konnte. Dem Dirigenten war es nicht nur wichtig, seinen Beruf zu behalten, sondern auch seine Werte nicht zu verraten.
Man redete auf mich ein, doch nach Donetsk zu übersiedeln, wo man mich zum Professor machen würde und mir einen Posten und eine Wohnung geben. »Ich bin ein ukrainischer Mensch«, gab ich ihnen zur Antwort. Und fand dann noch den goldenen Satz: »Und wer wird in Mariupol die Philharmonie wieder erneuern?« Da ließen sie erst einmal ab von mir, um dann wiederzukommen: »Erneuern Sie nur! Wir verdoppeln oder verdreifachen Ihr Gehalt, Sie sammeln Ihre Musiker wieder ein und studieren mit ihnen die Hymne der Volksrepublik Donetsk für die Siegerparade ein.« Ich antwortete Ihnen, dass ich eine solche Republik nicht kannte und nicht mitmachen würde.
Vasyl Krychok war Zeuge, wie die Russen von Anfang an systematisch Wohnbezirke, Krankenhäuser, Schulen und Kultureinrichtungen beschossen, was den Tod Tausender Menschen nach sich zog. Unter ihnen viele Zivilisten, die verschüttet wurden oder erschossen, während sie in einer Schlange um Wasser oder Lebensmittel anstanden, oder starben, weil sie nicht medizinisch versorgt wurden.
Die Zahl der Toten durch Bombardements und die brutalen Lebensbedingungen unter der Okkupation werden mit zwanzigbis fünfundzwanzigtausend beziffert, obwohl man die genaue Zahl wegen der andauernden Besatzung und den vielen Massengräbern nicht feststellen kann.
Ich ging jeden Tag von der Philharmonie nach Hause, zum Theater am Hauptplatz, wo Leute aus der ukrainischen Armee, dem Sicherheitsdienst, der nationalen Polizei und überhaupt viele Menschen zusammenkamen, um möglichst objektive Informationen auszutauschen.
Die Armeeleute warnten, dass in der Stadt viele Minen und noch scharfe Geschosse herumlagen und man äußerst vorsichtig sein musste. Es war gefährlich, die kürzeren Wege über die Innenhöfe zu nehmen. Ich ging trotzdem über die Höfe zur Philharmonie, weil es auf der Straße kein bisschen sicherer war. Überall Scharfschützen und auf eine Maschinengewehrsalve musste man immer gefasst sein.
Täglich lagen auf meinem Weg Leichen: von Scharfschützen erschossen oder auf Minen getreten. Einmal flog mir von irgendeinem Torbogen herab eine abgerissene Hand entgegen. Ein Horror …
Das Bombardement des Theaters von Mariupol war eines der allertragischsten Kriegsverbrechen. Im März 2022 diente es Hunderten Zivilisten, hauptsächlich Frauen und Kindern, als Schutzraum. Auch die in Riesenbuchstaben auf den Asphalt vor dem Theater aufgemalte Warnung »KINDER« hielt die Russen nicht ab, am 16. März eine Bombe auf das Theater zu werfen, die dessen gesamten Mittelteil zerstörte.
Das geschah vor meinen Augen. Ich wohne daneben und meine Fenster gehen direkt auf das Theater hinaus. Ich war am Morgen mit den Hunden draußen und wollte dann wie üblich noch zum Theater, um neueste Nachrichten zu hören. Plötzlich höre ich, ein Flugzeug kommt auf uns zu. Ich bleibe stehen, und im selben Augenblick pfeift es schon ohrenbetäubend und die Welle der Explosion drückt mich an die Wand einer Pizzeria. Als ich dann zum Theater hinkam, liefen schon Frauen herbei, die ihre Kinder und Enkel suchten. Ein einziger Schrecken. Unter Schutt und Trümmern die toten Menschen.
Ukrainische Staatsanwälte haben die Zahl von mindestens sechshundert Toten unter den Trümmern genannt. Die genaue Zahl ist weiterhin unbekannt, da viele Leichen unter dem eingestürzten Gebäude nicht geborgen werden konnten. Die Besatzer haben es zudem mit Beton übergossen und mit Chlor behandelt, um den Kadavergeruch zu camouflieren.
Hunderte Menschen, die in der Philharmonie Schutz suchten, beschlossen, nach dieser Tragödie die Stadt zu verlassen. Die einzige halbwegs sichere Fluchtroute ging dem Meeresufer entlang, über Pistschanyj (dt. Sandstrand):
Nach der Zerstörung des Theaters waren die Menschen, die bis dahin bei uns in der Philharmonie Schutz suchten, zu Tode erschrocken und beschlossen, die Stadt zu verlassen. Das Stadtzentrum war vollständig kaputt, nichts als Ruinen. Was nicht kaputt war, wurde gestohlen. Man hatte das Gefühl, die ganze Umgebung hätte sich in einen einzigen Bombentrichter verwandelt. Die Leute zogen für sich den Schluss, dass der einzige sichere Weg in die Evakuation über den Meeresstrand ging.
Viele machten sich zu Fuß auf den Weg, manche benötigten eine Woche, manche mehr, je nach Kraft. Sie gingen über Melekyne – das ist bei Kilometer zwölf – dem Meer entlang bis nach Yalta in der Oblast Donetsk, weil dort keine Kämpfe im Gang waren. Sie bildeten eine lange Kolonne von achthundert Menschen, vielleicht sogar mehr. Sie sahen sich zur Flucht gezwungen, da ein Bleiben viel zu gefährlich geworden war.
Bis zum 20. März verblieben in der Philharmonie dann noch circa hundertfünfzig Personen, hauptsächlich Separatisten, die auf die Russen warteten. Ich ging kaum mehr hin. Alles, was man dort stehlen konnte, war weg, ein geplünderter Tempel der Kultur. Es gab nichts, worüber ich mit diesen Leuten hätte reden können.
In Grund und Boden zerstörte Gebäude, Leichen auf den Straßen und Menschen, die in ihren Kellern aus Mangel an Wasser, Lebensmitteln und Medikamenten zugrunde gehen: Der Dirigent sah die Folgen der russischen Verbrechen mit eigenen Augen. Wie sollte man sich daran gewöhnen, dass friedlichen Menschen das Recht auf Leben und Sicherheit einfach verweigert wird?
Die russischen Soldaten untersagten es den Menschen, sich in der Stadt frei zu bewegen. Sie verbaten die Benützung des Telefons. Einmal war ich mit einem Freund, einem Universitätsprofessor, unterwegs, der aus der Tasche sein Telefon zog. Sofort stand ein russischer Soldat da und fragte: »Willst eine Kugel in den Kopf?«
Das ganze Ausmaß der Verbrechen an der Zivilbevölkerung ist kaum vorstellbar: Sie verbaten, von den öffentlichen Brunnen Wasser zu holen. Männer wurden dabei oft einfach ermordet. So gingen nur Frauen in Dreier- oder Vierergruppen Wasser holen.
Die Okkupanten gingen mit brutaler Härte vor: Vergewaltigungen, Zerstörungen, Morde, auch an Frauen und alten Leuten und sogar an Menschen, die dringend medizinische Hilfe brauchten. Alles, was lebte, wurde vernichtet. Das lässt sich mit Worten schwer ausdrücken. Ich glaube, dass sie den direkten Befehl hatten, die Zivilbevölkerung zu vernichten.
Jeder versuchte sich zu helfen, wie er konnte. Wasser holte man von Hydranten und kochte es auf offenem Feuer ab. Ich übersiedelte in einen Keller, wo es einen Platz für mich und einen Freund gab. Essen machten wir auf dem Hof draußen und zwei Monate lang wechselte ich nicht meine Kleidung.
Die Philharmonie Mariupol wurde durch den Beschuss schwer beschädigt: Dach, Fassade, Bühne und Zuschauerraum, auch Musikinstrumente. Das Gebäude selbst aber hat standgehalten. Heute arbeiten dort wieder Musiker, die im besetzten Mariupol geblieben sind.
Man hat die Philharmonie nicht nur als historisch-architektonisches Kulturgut zu zerstören versucht, sondern auch ausgeplündert. Granatsplitter haben Dach und Decke zerstört, und einen Kontrabass hat es in tausend Stücke zerrissen. Durch eine Explosion wurde der einzigartige Spiegelsaal zerstört, keine einzige Tür und kein Fenster sind ganz geblieben. Die Musikinstrumente, die nicht zerstört wurden, wurden geraubt.
In meinem Büro bewahrte ich meine Fracks, Fliegen und Manschetten für die Auftritte auf – alles weg. Keine Ahnung, wer damit etwas anfangen kann. Auch meine Dirigierstäbe wurden gestohlen, ich hatte ein Dutzend davon, schade darum.
Mit Hilfe der Familie gelang es Kryachok, Mariupol doch zu verlassen. Es war eine lange und mühsame Flucht. Erst über Donetsk nach Rostow am Don, dann über die russisch-lettische Grenze nach Lettland und weiter nach Warschau. Dort erwarteten ihn Verwandte, die ihm halfen, schließlich Berlin zu erreichen.
Ich konnte nur weniges aus Mariupol mitnehmen. Das Wichtigste waren meine drei Hunde, die ich nicht zurücklassen konnte. Dann hatte ich noch zwei Säcke mit Sachen dabei, eine Aktentasche, die Geige meiner Frau und einen Dirigierstab.
Kryachok verlor nicht nur sein gewohntes Leben und seine geliebte Arbeit, sondern auch seine über fünfunddreißig Jahre gewachsene musikalische Bibliothek. Dieser Verlust ist für den Musiker eine besondere Erschütterung, war diese Notensammlung doch von größter Bedeutung für das Repertoire des Orchesters und die Arbeit des Dirigenten.
Nichts davon konnte ich retten. Die Bibliothek war richtig groß, fünfunddreißig Jahre Arbeit. In den letzten Jahren wollten wir sie digitalisieren, aber die Zeit reichte nicht. Diese ganzen Jahre schuf ich selbst Notenmaterial für große Besetzung, Kammerorchester und sogar Opernaufführungen. Wir traten auf verschiedenen Bühnen in Mariupol auf und waren eine richtige Marke geworden, ein unverwechselbares Orchester. Vielleicht ließe sich ein Teil der Notensammlung rekonstituieren, aber das wäre sicher sehr schwierig. All die Stücke, die ich geschrieben habe, könnte ich nicht wiederherstellen, zum Teil sind sie verbrannt, andere einfach verloren.
Nach der Einnahme der Stadt verbrannten die Russen nicht nur unsere Bücher und Bibliotheken, sondern versuchten, jegliche Spur ukrainischer Kultur, insbesondere historische Archive, auszulöschen. Alles, was mit der Ukraine zu tun hat, wollten sie zerstören, egal ob Literatur oder historische Dokumente über die Stadt Mariupol. Partituren kann man wiederherstellen, Menschenleben nicht. Das Wichtigste, was ich aus diesem Horror gelernt habe: Das Teuerste ist das Leben. Der Mensch hat nichts Wertvolleres.
Schlussendlich war der Maestro in Sicherheit. Das erste halbe Jahr blieb er bei seiner Tochter in Berlin und kümmerte sich um seine Gesundheit. Von Berliner Ärzten erfuhr er, dass er unter der Besatzung einen Mikroinfarkt überstanden hatte.
Ich blieb zur Behandlung in Berlin. Alle dachten, ich würde nicht in die Ukraine zurückkehren, aber ich kehrte nach Kyiv zurück, denn unser Kammerorchester sollte wiedererstehen. Noten hatten wir freilich keine, auch keine sonstigen technischen Mittel.
Nach zwei Wochen waren wir schon zu zehnt. Wir hatten weder Noten noch Pulte. Und trotzdem machten wir uns an die Arbeit. Es war noch kein vollwertiges Orchester, aber man musste doch etwas tun. Ich kaufte zwanzig Pulte. Und wir probten, auch wenn in Kyiv der Strom ausfiel. Das Leben war halt so. Alles in der Hoffnung, dass eines Tages alles wieder richtig funktionieren würde. Weil ich wollte, dass wir uns weiterentwickelten, ging ich zum Generaldirektor der Nationalphilharmonie, den ich seit zwanzig Jahren kannte, und er kam gleich mit einer Idee: »Warum nicht eine Philharmonie der Unbeugsamen gründen?« Gesagt, getan. Damit unterstützen wir Musiker aus den besetzten und frontnahen Gebieten. Natürlich braucht ein neu zusammengewürfeltes Ensemble Zeit, sich aufeinander einzustellen. Normalerweise benötigt ein Kammerorchester einige Monate dazu, aber unser erstes Programm war nach kaum einem Monat fertig. Das war phantastisch!
Was mit Mariupol und der Philharmonie dort geschehen ist, bedeutet für das Kammerorchester Renaissance nicht nur einen materiellen, sondern vor allem einen emotionalen Verlust. Wer aus der Stadt flüchten konnte, kämpft dagegen an, indem er weiterhin in und außerhalb der Ukraine Konzerte gibt.
Mit der Zeit konnten wir auch in europäischen Ländern außerhalb der Ukraine auftreten. In Kyiv fanden unsere Konzerte in der Nationalphilharmonie statt, wo sie immer ausverkauft waren, und die Unterstützung durch das Publikum war enorm. Ich denke, das ist auch dem Mut unserer Musiker zu verdanken, die mitten im Krieg die ukrainische Musik neu entstehen lassen. Unsere Ensemblemitglieder sind großartig, bei uns sind die Besten der Besten.
Wir spielen nicht nur klassische, sondern auch geistliche und zeitgenössische Musik. Alles arrangiert für Kammerorchester. Neben Kyiv treten wir oft in Lviv auf, in den Philharmonien von Ivano-Frankivsk und Winnyzja, aber auch in vielen anderen Städten des Landes, wo man uns mit offenen Armen empfängt.
Jedes Konzert ist nicht bloß eine Gelegenheit, Musik zu machen, sondern auch eine Möglichkeit zur Genesung und Heilung in dieser schweren Zeit. Die Musik hat das wundersame Vermögen, die Gefühle des Menschen zu beeinflussen, ihm zu helfen, sein inneres Gleichgewicht wiederzufinden. Es geht mir selbst nicht anders, wenn ich spiele. Nach einem Konzert spüre ich, wie mir neue Kräfte zuwachsen, um weiterzumachen.
Die Musik hilft uns, jegliche Schwierigkeit zu meistern und stark zu bleiben. Ich glaube daran, dass wir nach dem Krieg noch nach Mariupol zurückkehren werden, um dort an einer Renaissance von Leben und Kunst mitzuwirken.
Offen spricht Vasyl Kryachok aus, dass die Vernichtung des ukrainischen Kulturerbes durch Russland für ihn einen vorsätzlichen Akt des kulturellen Genozids darstellt. Die Zerstörung des Theaters, der Philharmonie und anderer Kultureinrichtungen in Mariupol, ebenso wie die physische Verfolgung von Künstlern, sind für ihn Ausdruck des Versuchs, die ukrainische Identität auszuradieren.
Ich halte diese Zerstörung von Kulturgütern und künstlerischer Elite für einen bewussten Akt. Er ist Teil der Ideologie Russlands. Für mich keine Neuigkeit, da ich in Astrachan studiert habe, auch wenn ich mehr oder minder zufällig dort gelandet bin. Die Ausbildung war gut, und ich bin allen, die mir etwas beigebracht haben, noch immer dankbar. Aber damals habe ich auch diese russische Ideologie kennengelernt.
Mit meinen damals dreiundzwanzig Jahren spürte ich, dass es in diesem System für die Ukraine keinen Platz gab. Was man uns ideologisch eintrichterte, hatte mit ihr nichts zu tun. Ukrainer hatten keine Chance, diesen Prozess zu beeinflussen. Es war ein System, wo alles unter Kontrolle war, sogar was Musiker im Einzelnen zu tun hatten.
Ich konnte beobachten, wie in der Kultur Russlands unser Erbe zum Verschwinden gebracht wurde, wie man sich unsere Musik aneignete und zu seiner ›eigenen‹ machte. Der Krieg hat hier alles verändert. Endlich wird sichtbar, was die ukrainische Kultur schon immer geleistet hat. Man wird endlich international darauf aufmerksam, in Europa und auch in Übersee.
Unser eigenes Verhältnis zu unseren Wurzeln beginnt sich zu wandeln. Wir hören die Musik von Ljatoschynskyj, Lysenko oder Barwinskyj 1 heute mit anderen Ohren, und zwar nicht nur als Musik, sondern wir beanspruchen damit auch einen Platz auf der Welt. Das ist sehr wichtig für uns.
Vasyl Kryachok möchte mit der Philharmonie der Unbeugsamen weiterarbeiten und plant neue Konzerte im Ausland. Er erweitert das Repertoire um Werke moderner Komponisten, die heute während des Kriegs komponieren. Er möchte Meisterklassen für junge Musikanten aus den besetzten und frontnahen Gebieten organisieren, um sie damit zu unterstützen und Erfahrungen weiterzugeben.
Wir haben heute Möglichkeiten, der Welt zu zeigen, dass unsere Kultur lebt und sich sogar im Krieg weiterentwickelt. Ich wünsche mir, dass man überall noch mehr über die Ukraine erfährt, über unsere Musik und unsere Talente. Ich glaube, das kann helfen, die Haltung zu unserem Land im globalen Kontext zu verändern.
Ich bin heute siebzig und voller Energie. Trotz aller Schwierigkeiten arbeite ich, trete auf, und bin glücklich darüber, das tun zu dürfen, was ich am liebsten mache. Mit dem Kammerorchester werde ich weiterarbeiten und so versuchen, die Ukraine in der Welt würdig zu vertreten.
1 Borys Ljatoschynskyj (1895–1968), Mykola Lyssenko (1842–1912) und Wassyl Barwinskyj (1888–1963) gehören zu den bekanntesten ukrainischen Komponisten.
- Quelle:
- Art Against Artillery. Ukrainische Künstler im Krieg
- Verlag Klingenberg
- Olha Volynska. Aus dem Ukrainischen von Harald Fleischmann, 1. Auflage, 2025 (Auszug)
- S. 65-77
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