- Foyer5
- Landestheater Linz
- #40 | September / Oktober 2026
- S. 18-21
Schwäne, Götter, Königshäuser
Richard Wagners "Lohengrin" kommt nicht ohne den berühmten Schwan aus. Der ist jedoch mehr als nur ein Vogel
Text: Anna Maria Jurisch
In: Foyer5, #40 | September / Oktober 2026, Landestheater Linz, S. 18-21 [Publikumszeitschrift]
Es gibt für eine Neuproduktion des Lohengrin von Richard Wagner im Grunde keine andere Möglichkeit: Man muss sich mit der Frage nach dem Schwan, ehrlicherweise sogar der Frage nach DEM Schwan beschäftigen. Das ist in der Regel auch die erste Frage, die an ein Regieteam, an das Konzept, an die Ausstattung gestellt wird – „Wie hältst Du’s mit dem Schwan?“ sozusagen. Denn nicht nur, dass die szenischen Einfälle von echten Schwänen bis hin zu Videoprojektionen reichen, dass sich zwischen abstrakter Kunst und Schwanenbooten alles findet, wenn Lohengrin auf die Bühne kommt. Der Schwan ist auch untrennbar mit Lohengrin verbunden – die Stadt Graupa in der Nähe von Dresden etwa, wo große Teile des Konzepts und auch der Komposition der Oper entstanden, hat den Schwan zu seinem Wappentier gemacht, um an das Wirken Richard Wagners zu erinnern.
Aber der Schwan ist vor allem auch Zeichen: Für diese Wagner-Oper, für ewige Liebe (Schwäne leben in einer sozialen Monogamie), für Reinheit und Erkenntnis, aber auch resiliente Religiosität (etwa als „Lutherschwan“), aber auch für das Lebensende (man denke an den Begriff „Schwanengesang“). Hinzu kommt der absurde und zugleich außerordentlich unterhaltsame Fakt, dass alle Höckerschwäne auf offenen Gewässern im Vereinigten Königreich automatisch der britischen Krone gehören und ein Mal im Jahr alle unberingten Höckerschwäne auf der Themse eingefangen und nur beringt – damit als Kroneigentum markiert – wieder freigelassen werden (das Prozedere nennt sich „Swan upping“). Dieses ganze Unterfangen hat sogar zwei Ämter im königlichen Haushalt hervorgebracht: den Warden of the Swans (etwa „den Aufseher über die Schwäne“) und den Keeper of the Swans (etwa „den Hüter der Schwäne“). Die royalen Tiere sind also alles andere als eine Nebensächlichkeit. Aber selbst in den Sprachgebrauch ist der Schwan übergegangen: „Mein lieber Schwan“ hat, im Gegensatz zu „Mir schwant nichts Gutes“ tatsächlich einen Bezug zu Wagners großer romantischer Oper. Der Schwan ist also weit mehr als ein Tier, seine Symbolkraft ist immens und die Entscheidung auf der Opernbühne im Lohengrin also umso interessanter.
Der Schwan als Erscheinung des Übernatürlichen
Denn die Magie, die sich entfaltet, wenn der (noch) namenlose Ritter auf einem Nachen, also einem Kahn oder Boot, der, von einem Schwan gezogen, am Ufer der Schelde erscheint, ist unbestreitbar. Sofort ist klar, dass es hier um etwas Übermächtiges, vielleicht auch Übernatürliches, in jedem Fall um zauberhafte, auch unerklärliche Sphären geht. Der Schwan ist nicht nur Sinnbild für die Zwischenwelt, der der Ritter auf dem Boot entstammt, sondern auch Geheimnisträger für die ganze intrigante Handlung, aus der sich die Konflikte in der Oper entwickeln. Und: Er ist auch Fanal des Glaubens. Seine Zeichenhaftigkeit für den ganzen Mythos des unbekannten Ritters verlangt danach, dass auch geglaubt wird.
Dass dieser unglaubliche Auftritt der Auftakt für die Erlösung einer orientierungslosen Gesellschaft ist, dass Antworten, Klarheit, Sicherheit wieder Einzug halten. Also ganz schön viel für ein einzelnes Tier!
Mythologische Tiefenschichten
Zwischen Kreatürlichem und Fantastischem ist der Schwan aber nicht erst seit Wagners romantischer Weiterentwicklung der Parzival-Sage aufgeladen mit Bedeutung. Die griechische Mythologie kennt für die sexuelle Begegnung zwischen der spartanischen Königin Leda und dem Göttervater Zeus dessen Verwandlung in einen Schwan, oder auch im Fall von Nemesis, der Tochter der Nacht, der Zeus so lange nachstellt, bis sie sich in eine Gans verwandelt und er sich in einen Schwan, und sie ihm nicht mehr entkommen kann. Bei Hans Christian Andersen weiß das hässliche Entlein nicht, dass ihm eine Zukunft als anmutiger, weiß strahlender Schwan bevorsteht: Transformation als Motiv ist gleichermaßen zentral. Bei Jakob und Wilhelm Grimm sind im gleichnamigen Märchen die sechs Schwäne von einer bösen Königin in die Vögel verwandelt worden und können nur durch die Hingabe der Schwester erlöst werden. Gerade in der Märchenvariation der Brüder Grimm scheint der Wagner’sche Schwan schon in greifbarer Nähe.
Der Komponist und Autor selbst hat das Erscheinen Lohengrins (und damit auch des Schwans) sehr eindrücklich beschrieben – Lohengrin als edler, geheimnisvoller Ritter, aber auch die Reaktionen der Antagonist:innen Ortrud und Friedrich von Telramund sind bemerkenswert: „Friedrich blickt in sprachlosem Erstaunen auf Lohengrin hin. – Ortrud, die während des Gerichtes in kalter, stolzer Haltung verblieben, gerät beim Anblick des Schwans in tödlichen Schreck.", steht es im Klavierauszug.
Intrige, Wissen, Verwandlung
Damit ist klar: Diesen beiden schwant auch nichts Gutes. Denn so anmutig und mystisch der Schwan daherkommt, zur Auratisierung des Schwanenritters beiträgt, das Tier ist auch die Spur der Intrige. Dass Ortrud den Erben von Brabant, den Jungen Gottfried, in einen Schwan verwandelt hat, weiß außer ihr zu diesem Zeitpunkt in der Oper niemand. Was wiederum Ortrud nicht ahnen kann, ist, dass der die längste Zeit namenlose Ritter den von ihr verfluchten Gottfried am Ende wieder vom Schwan in einen Menschen zurückverwandeln wird – wenn Elsa sich an die zugegebenermaßen unmöglichen Regeln ihrer Ehe hält. Kein Wunder also, dass ein Regieteam mit der Entscheidung, wie der Schwan auf der Bühne gezeigt wird, eine grundlegende Entscheidung fällt. Betont man das Kreatürliche, indem man ein echtes Tier besetzt (das natürlich vollkommen unberechenbar ist – die Anekdoten über auf der Bühne ausgebüchste Schwäne, die dann im Orchestergraben landen, sind zahlreich)? Oder abstrahiert man in einer Art Kunstwerk oder Installation und rückt damit das Überlebensgroße des Symbolischen in den Fokus?
Ein Problem, das in den Umsetzungen von Richard Wagners Opern übrigens regelmäßig auftaucht: Nicht nur, dass Lohengrin laut Regieanweisungen des Komponisten am Ende, wenn Elsa die verbotene Frage gestellt, die ganz Illusion des Heilsbringers zerborsten ist, wieder auf dem Nachen verschwindet, der aber dieses Mal nicht vom Schwan, sondern von einer weißen Taube (Parsifal wird dieses Motiv natürlich später aufgreifen) gezogen wird. Auch im Ring des Nibelungen etwa das Pferd Grane, das in der Götterdämmerung eine zentrale Rolle spielt, oder Wotans Raben. Das Kreatürliche hat also Konjunktur bei Wagner, wahrscheinlich auch, weil es ein Bühnengeschehen entgrenzen kann. Ob das aber allein durch das Animalische möglich ist, ist der Ausgangspunkt für die Frage nach dem Schwan: Theatertrick und ehrlich bedeutsames Symbol, das über Referenzen, Haltungen und Sichtweisen erzählen kann?
LOHENGRIN
Romantische Oper in drei Aufzügen von Richard Wagner
Christoph Koncz (Musikalische Leitung) Michael Schulz (Inszenierung)
Mit Erica Eloff, Julia Faylenbogen, Marco Jentzsch, Adam Kim, Michael Wagner u. v. m.
Ab 10. Oktober 2026
Großer Saal Musiktheater
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- Foyer5
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