- Foyer5
- Landestheater Linz
- #40 | September / Oktober 2026
- S. 22-24
Premierenfieber | Oper
Die Poesie des Verschwindens
Der Doppelabend "Vanishings" erzählt von Sehnsucht, Verlust und Liebe
Text: Anna Maria Jurisch
In: Foyer5, #40 | September / Oktober 2026, Landestheater Linz, S. 22-24 [Publikumszeitschrift]
Wie kann es sein, dass das Verschwinden als große, poetische Klammer für einen musiktheatralen Abend über Sehnsüchte funktioniert? Wie kann das Verschwinden die konkreten, poetischen Lieder von Leoš Janáčeks Zyklus Tagebuch eines Verschollenen und die atmosphärisch-abstrakten Ideen von Növények des britischen Komponisten Thomas Adès vereinen? In Lukas Hemlebs intimem, bildmächtigem Doppelabend Vanishings wird das Verschwinden zum roten Faden, wenn die Lieder Janáčeks und Adès’ miteinander verwoben zu einem eigenständigen Werk werden. Der 1921 uraufgeführte Zyklus Tagebuch eines Verschollenen ist eine eindrückliche Reise durch die Sehnsüchte des Bauern Janíček, der sich unmöglich verliebt – in die schöne, fremde Zefka, die für seine Familie nicht infrage kommt. Im Hadern mit den Konventionen und Erwartungen der Gesellschaft löst Janíček sich dabei von diesen und findet seine Freiheit gerade in der Distanz – er verschwindet aus einer Gesellschaft, die für die Liebe zwischen ihm und Zefka keinen Platz machen will. Dabei werden die für den großen tschechischen Komponisten Leoš Janáček so wichtigen Anknüpfungspunkte – Liebe, Entsagung und vor allem auch Natur – auf intimste Art zu den Ankerpunkten des Protagonisten, desjenigen, der in der Entfremdung von allem, was zuvor Normalität gewesen war, verschollen geht.
Janáček und Adès im Dialog
Für Vanishings verbindet Regisseur Lukas Hemleb diese Komposition mit Werken des zeitgenössischen britischen Komponisten Thomas Adès – dem Zyklus Növények (2020 - 2022) aus sieben Liedern nach ungarischen Gedichten des 20. Jahrhunderts und dem Soloklavierwerk Darknesse Visible. Diese Verschränkung zweier Komponisten und ihrer Werke entspringt dabei der großen musikalischen Verneigung vor Janáček, die Thomas Adès seit fast zwei Jahrzehnten begleitet. Nicht nur, dass Adès als Pianist Das Tagebuch eines Verschollenen eingespielt hat, die Klangsprache Janáčeks ist immer wieder auch Referenz für die außergewöhnliche, differenzierte, oft komplexe und zugleich unmittelbare Musikwelt Adès’. In seinem Liederzyklus Növények (Wurzeln oder Pflanzen) wird die Natur zum Sinnbild für das menschliche Leben. Wo Janáčeks Arbeit die konkrete menschliche Entfremdung meint, greift Adès in hochpoetischen Metaphern das Werden, Sein und Entschwinden in Analogie zur Natur auf. Es entsteht ein Abend, der Handlung und Introspektive miteinander in Dialog bringt. So wie Janíček im Tagebuch eines Verschollenen sich nach und nach von der Welt löst, wird die namenlose Stimme im ursprünglich nicht theatral gedachten Zyklus Növények mit den Naturbetrachtungen als Sinnbild für die Vergänglichkeit allen Irdischen konfrontiert. Es entsteht ein Abend zwischen Poesie, Sinnlichkeit und der Sehnsucht nach der Vergänglichkeit, der über die Grenzen von Liebe, Selbst und Entfremdung erzählt.
Nach der erfolgreichen Premiere an der Opéra de Massy in Frankreich ist der Doppelabend ab 31. Oktober im Schauspielhaus zu erleben, bevor er ab Jänner 2027 am Teatro Comunale Modena auf die Bühne kommt.
VANISHINGS
Musiktheater mit Werken von Leoš Janáček und Thomas Adès
Ingmar Beck (Musikalische Leitung) Lukas Hemleb (Regie)
Mit Marlene Janschütz, Helena Milosevic, Lena Obexer, Angela Simkin, Vladimír Šlepec
Ab 31. Oktober 2026 Schauspielhaus
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