Premiere Mazeppa
Sinnloses Leid
Text: Maximilian Enderle
In: Magazin, August-Oktober 2026, Oper Frankfurt, S. 6-7 [Publikumszeitschrift]
Eine Liebe, die alle Konventionen sprengt. Ein Verrat, der zu einer blutigen Familienfehde führt. Eine Clique von Aristokraten, die ihre Konflikte auf dem Rücken der eigenen Bevölkerung austrägt. Peter Tschaikowskis Mazeppa spannt einen großen Bogen vom Privaten ins Politische und trifft mitten ins Herz unserer Gegenwart.
Das Werk entstand in den Jahren 1881 bis 1883 und basiert wie Tschaikowskis Erfolgsopern Eugen Onegin und Pique Dame auf einer Vorlage von Alexander Puschkin. Dieser hatte sich in seinem Poem Poltawa mit der historischen Figur des Iwan Mazeppa auseinandergesetzt, um den sich schon zu Lebzeiten zahlreiche Legenden rankten: Im Jahr 1640 im damals polnischen Teil der Ukraine geboren, machte Mazeppa als junger Mann Karriere am Warschauer Hof. Nachdem herausgekommen war, dass er eine Affäre mit einer älteren Hofdame hatte, wurde er angeblich auf den Rücken eines Pferdes gefesselt und in die Wildnis geschickt. Mazeppa überlebte jedoch diesen Ritt, überquerte die ukrainische Grenze und wurde von den dortigen Kosaken zu ihrem Hauptmann (»Hetman«) gewählt.
In seiner neuen Stellung gewann Mazeppa schnell das Vertrauen des russischen Zaren Peter I., mit dessen Einvernehmen er 1703 sogar den östlichen Teil der Ukraine rechts des Dnipro besetzte. Schon bald kam es allerdings zum Bruch zwischen diesen beiden Herrscherpersönlichkeiten: Im Krieg zwischen Peter I. und dem Schwedenkönig Gustav verband sich Mazeppa mit den Gegnern des Zaren. Er hoffte, dadurch seine eigene Macht zu vergrößern und mehr Unabhängigkeit für die Gebiete der Kosaken zu gewinnen. Der Plan scheiterte jedoch: Bei der Schlacht von Poltawa 1709 verlor Mazeppa gegen eine Übermacht russischer Soldaten. In der Folge wurde der Kirchenbann über ihn verhängt und sein Heimatdorf samt mehreren tausend Bewohnern dem Erdboden gleichgemacht. Mazeppa selbst gelang die Flucht ins Osmanische Reich, wo er kurze Zeit darauf verstarb.
Verräter oder Held?
Leise Hoffnung? Unmittelbar nach Mazeppas Tod entbrannte ein heftiger Kampf um die Deutung seines Lebens und Wirkens. Die historischen Fakten waren dabei mitunter zweitrangig. Dichter wie Voltaire oder Lord Byron und Maler wie Eugène Delacroix rückten Mazeppa in die Nähe eines wagemutigen romantischen Genies. Mit dem Aufkommen der ukrainischen Autonomiebewegung Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Hetman aufgrund seines Aufbäumens gegen die russische Übermacht zum Nationalhelden stilisiert. In Russland selbst haftet Mazeppa hingegen bis heute der Ruf eines »Vaterlandsverräters« an, was sich bereits in Puschkins Poem Poltawa von 1828 spiegelt: Ganz im Sinne des damaligen Zaren Nikolaus I. wird die Titelfigur darin als manipulativer, gewissenloser Machtmensch gezeichnet.
Als Tschaikowski 1881 mit Puschkins Text in Berührung kam, fesselte ihn zunächst nur ein bestimmtes Detail der Geschichte, nämlich das große Streitgespräch zwischen Mazeppa und Maria: Darin beschwert sich Maria, dass Mazeppa zu wenig Zeit mit ihr verbringt und sich vorwiegend seinen Geschäften als Hetman widmet. Mazeppa eröffnet ihr daraufhin seine Umsturzpläne gegen den Zaren und ringt seiner Ehefrau einen Treueschwur ab. Diese Szene, die im zweiten Akt der Oper erklingt, bildete den Ausgangspunkt, von dem aus Tschaikowski den Rest des Werkes konzipierte.
Ambivalente Charaktere
Es ist bezeichnend für der Komponist Lesart, dass ihn dieser aufreibende Ehestreit mehr interessierte als der politisch-historische Kontext Iwan Mazeppas. Folglich zeichnete der Komponist die Titelfigur seiner Oper weitaus ambivalenter als Alexander Puschkin: Mazeppas Liebe zu Maria vermittelt sich in lyrisch-melancholischen Arien ebenso wie seine Brutalität. Die emotionale Tiefe der Partitur entsteht dabei nicht zuletzt durch den Rekurs auf volksmusikalische Quellen ukrainischen und russischen Ursprungs: Neben den Hauptfiguren ordnet Tschaikowski diese Melodien auch dem Volk zu, um das zunehmend enthemmte Treiben der Mächtigen kritisch zu kommentieren.
Wie so oft in Tschaikowskis Opern gelingt es der Musik auch in Mazeppa, Ungesagtes und Unsagbares hörbar zu machen: Die rasenden Rhythmen zu Beginn der Ouvertüre erinnern an Mazeppas Ritt auf dem Pferd und kehren im Lauf der Oper immer dann wieder, wenn die Getriebenheit des Hetmans die Oberhand gewinnt. Die Schlacht von Poltawa am Beginn des dritten Aktes verlegt der Komponist sogar gänzlich ins Orchester: Ausgehend von Motiven seiner eigenen Ouvertüre 1812 und dem Slawa-Hymnus, der u.a. auch in Mussorgskis Boris Godunow zitiert wird, kreiert Tschaikowski ein musikalisches Schlachtengemälde, das ebenso eindringlich wie furchteinflößend ist.
Leise Hoffnung?
Im finalen dritten Akt weicht Tschaikowskis Oper am deutlichsten von Puschkins Poem ab. Hier rückt die Figur der Maria ins Zentrum des Geschehens: Nachdem die junge Frau mitansehen musste, wie ihr Vater Kotschubej von den Schergen des Zaren hingerichtet wird, verliert sie den Verstand. Treu an Marias Seite steht bis zuletzt ihr Jugendfreund Andrej, der seit jeher Liebesgefühle für sie hegt. Doch auch Andrej kommt schließlich im Duell mit Mazeppa ums Leben.
Maria wiegt Andrej daraufhin mit einem sanften Schlaflied in den Tod. Getragen von zarten Streicherklängen erhebt sich ihre Stimme gen Himmel, während um sie herum die menschliche Zerstörungswut in ihrer sinnlosesten Form sichtbar wird. Wie zum Trotz verbindet sich mit Marias Gesang jedoch die leise Hoffnung, dass eines Tages eine humanere Welt Realität werden kann.
MAZEPPA
Peter I. Tschaikowski 1840–1893
Oper in drei Akten und sechs Bildern / Text von Victor P. Burenin und Peter I. Tschaikowski nach Alexander S. Puschkin / Uraufführung 1884, Bolschoi-Theater, Moskau / In russischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln
FRANKFURTER ERSTAUFFÜHRUNG Sonntag, 13. September
VORSTELLUNGEN 18., 20., 26. September / 1., 4., 10., 15. Oktober
MUSIKALISCHE LEITUNG Karsten Januschke INSZENIERUNG Matthew Wild BÜHNENBILD, KOSTÜME Herbert Murauer VIDEO Bibi Abel CHOREOGRAFIE Christiana Stefanou KAMPFCHOREOGRAFIE Stephen Louis LICHT Jan Hartmann CHOR Manuel Pujol DRAMATURGIE Maximilian Enderle
MAZEPPA Petr Sokolov MARIA Nombulelo Yende KOTSCHUBEJ Alexander Roslavets / Alex Birkus ANDREJ Mikhail Pirogov LJUBOW Karolina Makuła ORLIK Jarrett Porter ISKRA Jihun Hong° BETRUNKENER KOSAK Kudaibergen Abildin
°Mitglied des Opernstudios
Übernahme einer Produktion der Tiroler Festspiele Erl