• Magazin
  • Oper Frankfurt
  • August-Oktober 2026
  • S. 18-19

Premiere Ottone

Starkult und Teufelspakt

Text: Mareike Wink

In: Magazin, August-Oktober 2026, Oper Frankfurt, S. 18-19 [Publikumszeitschrift]

Die Uraufführung von Ottone zählt zu den Meilensteinen der Etablierung italienischer Oper in London. Der zugehörige Kompositionsprozess belegt, wie Besetzungspolitik schon im Barock mit wirtschaftlichem Kalkül zusammenhängt und Einflussnahme auf ein künstlerisches Ergebnis nach sich ziehen kann. Ottone entsteht als Händels drittes Werk für die gerade erst gegründete Royal Academy of Music in London, zu deren musikalischem Leiter er seit 1720 berufen ist. Mit der Etablierung dieser Operngesellschaft unter der Schirmherrschaft Georg I. scheint es endlich gelungen, an der Themse einen funktionierenden Opernbetrieb auf die Beine zu stellen – zumindest bis zum Tod Georgs und der Erschöpfung aller finanziellen Mittel 1727/28 floriert das Unternehmen.


Teofane heißt jetzt Ottone 

Für seine Aufführungen ist Händel permanent auf der Suche nach neuen bzw. den besten Stimmen seiner Zeit, wie es auch vom Londoner Publikum erwartet wird. Über dessen so gar nicht kultiviertes Verhalten wundert sich der Komponist schriftlich: »In einer so glänzenden und mondänen Versammlung war keine Spur von Formen, Benehmen, ja kaum von Ordnung, Höflichkeit oder Anstand zu bemerken ...«

Um den Starkult und damit das eigene Geschäft zu beleben, unternimmt Händel mehrere Casting-Reisen. Schon 1719 hatte er in Dresden Halt gemacht und u.a. eine Aufführung von Antonio Lottis Dramma per musica Teofane anlässlich der Hochzeit des sächsischen Kurprinzen Friedrich August II. mit Maria Josepha von Österreich erlebt.

Auch die Handlung der Oper geht auf eine historische Eheschließung zurück: Im Jahr 972 heiratet der deutsche Kaiser Otto II. in Rom die byzantinische Prinzessin Theophanu. Mit dieser Ehe soll die Auseinandersetzung zwischen dem deutschen Kaiser Otto I. und dem italienischen Markgrafen Berengar II. um die Vorherrschaft in Italien geklärt werden. Der Librettist Stefano Benedetto Pallavicini hatte aus dem weltgeschichtlichen Stoff ein fiktives und historisch weitgehend ungenaues Textbuch gesponnen, das Händel dann durch seinen Librettisten Nicola Francesco Haym bearbeiten lässt, um es unter dem Titel Ottone zu vertonen.


Vom »Oberhaupt aller Teufel« 

Drei Mitglieder des Dresdner Teofane-Ensembles von 1719 stehen dann auch in den äquivalenten Partien der Händel-Oper bei der Londoner Uraufführung im Januar 1723 auf der Bühne: der Altkastrat Senesino als Ottone, die Sopranistin Margherita Durastanti als Gismonda und der Bass Giuseppe Boschi als Emireno. In der zentralen Partie der Teofane, die trotz Titeländerung doch der eigentliche Dreh- und Angelpunkt des Werkes bleibt, soll DIE Primadonna ihrer Zeit in London debütieren: Francesca Cuzzoni. Dem fiebert die Opernwelt gespannt entgegen.

Für Händel bedeutet die Besetzung zusätzlichen Arbeitsaufwand. Nicht zu knapp muss er sich mit den unterschiedlichen Ansprüchen der verpflichteten Gesangsstars auseinandersetzen. Man will brillieren, sich von seiner besten Seite zeigen. Der künstlerische Disput zwischen dem Komponisten und La Cuzzoni geht so weit, dass er sie »eine leibhaftige Teufelin« nennt und damit droht, selbst der »Beelzebub, das Oberhaupt aller Teufel« zu sein …

Dem Erfolg des Werkes tut seine komplizierte Entstehung mit unzähligen musikalischen wie textlichen Revisionen keinen Abbruch. Mit einem Geflecht aus eleganten, innigen Arien, deren Melodien im Kopf bleiben, erweist sich Ottone schließlich sogar als Kassenschlager und als jene Händel-Oper, die – abgesehen von Rinaldo – zu Lebzeiten des Komponisten die meisten Wiederaufführungen erfährt. Umso spannender, das Werk und mit ihm die Handschriften der international viel gefragten Regisseurin Jetske Mijnssen und des Ausstatters Ben Baur kennenzulernen, die damit zum ersten Mal an der Oper Frankfurt arbeiten.

 

OTTONE 
Georg Friedrich Händel 1685–1759 

Oper in drei Akten / Text von Nicola Francesco Haym nach Stefano Benedetto Pallavicini / Uraufführung 1723, King’s Theatre, Haymarket, London / In italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

PREMIERE Sonntag, 11. Oktober 
VORSTELLUNGEN 18., 24. Oktober / 1., 7., 12., 15., 21. November

MUSIKALISCHE LEITUNG Václav Luks INSZENIERUNG Jetske Mijnssen BÜHNENBILD, KOSTÜME Ben Baur CHOREOGRAFIE Dustin Klein LICHT Jan Hartmann DRAMATURGIE Mareike Wink

OTTONE Yuriy Mynenko TEOFANE Monika Buczkowska-Ward GISMONDA Paula Murrihy ADELBERTO Iurii Iushkevich MATILDA Cecelia Hall EMIRENO Jonas Müller