- Schmetterling
- Erzgebirgische Theater und Orchester
- Moderne Uraufführung, Saison 2026/27
- S. 14-16
Alles Große hat seinen Preis
Eine Annäherung
Text: Lür Jaenike
In: Schmetterling, Moderne Uraufführung, Saison 2026/27, Erzgebirgische Theater und Orchester, S. 14-16 [Programmheft]
Alles Große hat seinen Preis. Manchmal ist der Preis hoch. Und doch ist es nötig, ihn zu zahlen.
Mit diesem Gedanken stellt Sänger, Komponist und Librettist Daniel Behle seiner zweiten Operette „Schmetterling“ eine Art Leitmotiv voran und formuliert damit die Quintessenz seines neuen Werkes – eine Reflexion darüber, was Kunst bedeutet und welchen Wert wir ihr beimessen.
Für den Sänger Behle ist Kunst kein optionales Tätigkeitsfeld, sondern ein inneres Gesetz. Der Künstler kann nicht anders, als jede Mühe auf sich zu nehmen, um künstlerische Erfüllung zu finden. Kunst ist im Kern Unterhaltung – manchmal abstrakt, fern vom Erwartbaren oder nicht gefällig. Und doch reicht ihre Bedeutung weit über das Offensichtliche hinaus:
Kunst öffnet Räume, lässt uns einen Hauch des Göttlichen erahnen und führt uns zu innerer Arbeit. Sie macht uns größer und verbindet uns miteinander.
Eine Oper ist ein grandioses Kunstwerk, eine Musik von beinahe überirdischer Dimension. Der Komponist und Librettist Behle stellt dennoch die Frage: Ist es gerechtfertigt, ein Werk unter widrigen Umständen aufzuführen? Kann der Mensch daran wachsen – oder verweigert er sich dem?
Behle gibt darauf keine Antwort. Stattdessen entwirft er im dritten Akt eine Dystopie, die zeigt, was geschähe, wenn wir das Werk negieren und die Beschäftigung mit dem „Brotlosen“ aus ökonomischen Gründen wegrationalisieren. Die Welt, die bliebe, wäre gewiss eine farblose Welt.
Im „Schmetterling“ ist die Uhr der Gegenspieler – auf vielen Ebenen. Künstler haben nie genug Zeit. Die Lebenszeit begrenzt den göttlichen Auftrag. Und die Gegenwart begegnet dem originären Werk oft mit Undankbarkeit.
Die Pandemie hat uns einen erschreckend realen Vorgeschmack dieser dystopischen Welt gegeben. Ohne Kontakt und Austausch zog man sich ins Private zurück, misstraute dem Außen – und das begann bereits an der eigenen Haustür. Streaming-Angebote waren bald erschöpft, und der Wunsch, andere Gesichter zu sehen als die vertrauten, wurde übermächtig.
In solchen Momenten zeigt sich mit besonderer Klarheit, wie sehr Kunst, Kultur und Werk Orte des sozialen Austauschs und der geistigen Erhebung sind. Sie machen uns zu Menschen – und dennoch wird ihr Wert immer wieder unterschätzt.
Die Fülle an Angeboten und Möglichkeiten überfordert uns. Die ständige Verfügbarkeit von Belanglosem ermüdet und stumpft uns ab.
Der Raubbau der KI droht uns die Luft zum Atmen zu nehmen. Die Lust, Neues zu schaffen, schrumpft. Eigenständiges Denken wird zu anstrengend. Das Individuum verwässert, verkommt zu einem anonymen Funktionsträger. Für Künstler wird es nun zunehmend wichtig, ihre Ideen zu schützen und auf das Verständnis jener Menschen zu hoffen, die diesen Weg mitgehen. Eine pessimistische, aber leider realistische Sicht auf die gegenwärtige Entwicklung.
- Quelle:
- Schmetterling
- Erzgebirgische Theater und Orchester
- Moderne Uraufführung, Saison 2026/27
- S. 14-16
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