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  • Magazin
  • Oper Frankfurt
  • September/Oktober 2020
  • S. 14-15

Premiere La serva padrona / Stabat mater

Schwerelos

Text: Konrad Kuhn

[Oper Frankfurt]

In einem Brief an Schiller preist Goethe die Vorzüge der Opera buffa am Beispiel von Cimarosas Il matrimonio segreto, ein Werk, das er selbst übersetzte und das ihm als besonders gelungenes Exemplar der Gattung erschien. Ihre Wirkung macht er daran fest, »dass das Alberne, ja das Absurde sich mit der höchsten Herrlichkeit der Musik so glücklich verbindet. Es geschieht dies allein durch den Humor, denn dieser, ohne selbst poetisch zu sein, ist eine Art von Poesie und erhebt uns seiner Natur nach über den Gegenstand.« Schiller, der Adressat von Goethes Beobachtung, pflichtet ihm bei. Auch für ihn liegt die Eigenart der italienischen Oper darin, dass sie ihren Gegenstand zu transzendieren vermag. Dadurch sei gerade dem Deutschen »immer schon etwas Ästhetisches gewonnen, wenn man ihn nur von der Schwere des Stoffes befreit.« Grundsätzlich rege die Oper »durch die Macht der Musik und durch eine feinere harmonische Reizung der Sinnlichkeit das Gemüt zu einer schöneren Empfindung an«.

Was Goethe und Schiller als Merkmale der Opera buffa beschreiben, hat sicher zu deren Siegeszug über die Opera seria, welche die Musikgeschichte bis fast ans Ende des 18. Jahrhunderts geprägt hat, beigetragen. In seinem Dramma giocoso führte Mozart die Gattung der Buffo-Oper auf ihren Gipfel. An ihrem Anfang steht jedoch ein 1733 uraufgeführtes, kurzes Werk aus der Feder Giovanni Battista Pergolesis: La serva padrona. Der in dem Städtchen Jesi in den Marken geborene und in Neapel ausgebildete Komponist schrieb das zweiteilige Intermezzo quasi als Pausenfüller für seine Opera seria Il prigionier superbo, zwischen deren drei Akte die beiden Teile jeweils eingeschoben wurden. Doch schon bald wurde das »Zwischenspiel« als eigenes Stück aufgeführt. Der Prigionier superbo ist längst vergessen, die Serva padrona aber erfreut sich seit ihrer Uraufführung in Neapel weltweit ungebrochener Beliebtheit und wurde so zu einer der ersten Repertoireopern überhaupt – war es doch bis dahin unüblich, ältere Werke wiederaufzuführen, sodass jede Premiere eine Uraufführung war.

 

Commedia dell’arte-Figuren

 

Dem Anlass ihrer Entstehung entsprechend kommt La serva padrona ohne Ouvertüre aus. Zwischen den meist dreiteiligen Da capo-Arien und den die beiden Teile der Kurzoper jeweils abschließenden Duetten stehen Secco-Rezitative (mit der Ausnahme eines einzigen Accompagnato-Rezitativs). Eine Besonderheit ist die stumme Rolle des Dieners Vespone, der für die Handlung unverzichtbar ist, sich aber nur durch Gesten äußert. Das Sujet des – zumeist als alter Mann gezeichneten – Hagestolzes, der trotz seines Reichtums unverheiratet geblieben ist und von seiner Dienerin mit List zu einer Eheschließung überredet wird, entstammt der Commedia dell’arte. Es findet sich in abgewandelter Form noch in Donizettis 1843 in Paris uraufgeführter, später Buffa Don Pasquale, mit dem Unterschied, dass der alternde Junggeselle (hinter dem sich die Commedia-Figur des Pantalone verbirgt) dort durch eine Scheinheirat mit Norina überlistet wird und am Ende als der Düpierte in ihre Heirat mit seinem Neffen einwilligen muss, während er selbst allein bleibt.

Die mit allen Wassern gewaschene Serpina ist sozusagen Norinas Urbild. Uberto hat sie, offenbar früh verwaist und aus ärmlichen Verhältnissen stammend, in ihrer Jugend bei sich aufgenommen. Sie ist also nicht nur seine Hausangestellte, sondern auch sein Mündel. Im Laufe der Jahre ist sie immer selbstbewusster geworden und will nicht mehr als Dienerin behandelt werden. Zwischen den beiden herrscht große Vertrautheit, vielleicht sogar ehrliche Zuneigung. Der Gedanke einer Heirat ist also gar nicht so abwegig, stünden dem nicht Ubertos Standesdünkel und seine Unfähigkeit, sich der eigenen Gefühle bewusst zu werden, im Weg. Hier setzt die »kleine Schlange« (so die Wortbedeutung des sprechenden Namens Serpina) an: Mit Lebensklugheit und Temperament zieht sie alle Register, um ihren Dienstherrn einzuschüchtern, ihn verliebt und schließlich sogar eifersüchtig zu machen; Letzteres mithilfe ihres Dienerkollegen, welcher sich als aufbrausender Capitano Tempesta (»Kapitän Unwetter«) verkleidet und als Heiratswilliger auf einer saftigen Mitgift besteht. Uberto kapituliert. Dass auf beiden Seiten durchaus zärtliche Gefühle im Spiel sein könnten, lässt sich vielleicht daran ablesen, dass das ursprüngliche Finalduett »Contento tu sarai« zwischen Uberto und Serpina schon bald nach Pergolesis frühem Tod durch das flirtig-verliebte Duett »Per te ho io nel core« aus seiner Oper Il Flaminio ersetzt wurde.

 

Einfühlsame Unmittelbarkeit

 

Musikalisch besticht La serva padrona durch eine einfühlsame Figurencharakteristik, die den ursprünglich schablonenhaften Maskenfiguren lebensnahe Tiefe verleiht. Abgesehen von Wortwitz und Situationskomik, die Pergolesi einfallsreich in Musik übersetzt, finden die Gefühle glaubhaften Ausdruck jenseits der Klischee-Affekte, die in der Opera seria mehr und mehr zum bloßen Vorwand für virtuose Ausbrüche geworden waren. Erst durch diese in der Musik neue Unmittelbarkeit des Ausdrucks kann die Opera buffa ihre realistische Kraft gewinnen. – Den in La serva padrona so erfolgreich angewandten »galanten Stil« übertrug Pergolesi drei Jahre später auch auf die Vertonung des Stabat mater, das die adlige Laienbruderschaft der Cavalieri della Vergine dei Dolori di San Luigi al Palazzo aus Neapel bei ihm in Auftrag gegeben hatte. Offenbar wollte man ein Vorgängerwerk, das zwanzig Jahre zuvor von Alessandro Scarlatti im Auftrag derselben Confraternità komponiert worden war, durch ein zeitgemäßeres ersetzen. Eben diese Übertragung »weltlicher« Stilmittel auf ein geistliches Werk ist Pergolesis Stabat mater immer wieder zum Vorwurf gemacht worden. Zugleich hat sie wohl seine ungeheure Beliebtheit befördert, die sich schon im 18. Jahrhundert etwa in den Worten von Jean-Jacques Rousseau ausdrückt; für ihn war der eröffnende Satz »das perfekteste und berührendste Duett aus der Feder irgendeines Komponisten.«

Gerade durch den intimen Zuschnitt – zwei Frauenstimmen, Streichorchester und Continuo – entfaltet sich der Zauber des chorlosen Werkes. Empfindsam, ohne sentimental zu werden, fasst Pergolesi den Schmerz der Mutter im Angesicht des grausamen Kreuzestodes ihres Sohnes in Töne, die zu Herzen gehen. Der ungeheure Nachruhm des Komponisten verdankt sich aber vielleicht auch der Tatsache, dass er wenige Tage nach Vollendung des Stabat mater im Alter von nur 26 Jahren an Tuberkulose starb. In der Kombination mit seiner Opera buffa La serva padrona zu einem Doppelabend ergibt sich ein reizvoller Kontrast.

 


 

LA SERVA PADRONA / STABAT MATER
Giovanni Battista Pergolesi 1710–1736

In italienischer und lateinischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

FRANKFURTER ERSTAUFFÜHRUNG
Sonntag, 18. Oktober
VORSTELLUNGEN 22., 30. Oktober / 1., 7., 12. November / 17., 19., 26. Dezember

 

MUSIKALISCHE LEITUNG Karsten Januschke INSZENIERUNG Katharina Thoma BÜHNENBILD Etienne Pluss KOSTÜME Irina Bartels LICHT Olaf Winter DRAMATURGIE Konrad Kuhn

LA SERVA PADRONA
Intermezzo in zwei Teilen / Text von Gennarantonio Federico / Uraufführung am 28. August 1733, Teatro San Bartolomeo, Neapel

SERPINA Simone Osborne / Kateryna Kasper UBERTO Gordon Bintner / NN VESPONE Frank Albrecht

STABAT MATER
Katholische Sequenz / Textdichter unbekannt / Uraufführung 1736 in Neapel

 

SOPRAN Monika Buczkowska / Ekin Su Paker° MEZZOSOPRAN Kelsey Lauritano / Bianca Andrew

° Mitglied des Opernstudios

 

Mit freundlicher Unterstützung des Frankfurter Patronatsvereins

  • Quelle: Magazin
  • Oper Frankfurt
  • September/Oktober 2020
  • S. 14-15

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