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  • Magazin
  • Oper Frankfurt
  • September/Oktober 2020
  • S. 16

Welche Oper soll man spielen?

Text: Konrad Kuhn

[Oper Frankfurt]

Am 1. August 1752 wurde Pergolesis Kurzoper La serva padrona in der Pariser Académie royale de musique (dem königlichen Opernhaus, Vorläufer der heutigen Opéra national de Paris) von einer reisenden italienischen Operntruppe unter Leitung von Eustacchio Bambini mit großem Erfolg aufgeführt. Im Pariser Volksmund nannte man sie »les Bouffons«, was so viel wie »Spaßmacher« bedeutet. Ursprünglich war der Buffone in Italien der Hofnarr, »bouffon« bedeutet im Französischen aber auch einfach »komisch«. Die »Buffoni« spielten dreizehn weitere Werke ähnlichen Zuschnitts. Eine Aufführungsserie mit ungeahnten Folgen! Entzündete sich daran doch ein theater- und musiktheoretischer Streit, der, wenn nicht ganz Frankreich, so doch tout Paris über mehrere Jahre in Atem hielt und teilweise zu Tätlichkeiten, Polizeieinsätzen und zwischenzeitlich zur Flucht von Jean-Jacques Rousseau in seine Heimatstadt Genf führte. Die Auseinandersetzungen reichten bis in die Königsfamilie hinein: Auch König Ludwig XV. und seine Gattin, Königin Marie, nahmen darin entgegengesetzte Standpunkte ein. Die Anhänger der streitenden Parteien versammelten sich im Theater unter der jeweiligen Loge: in der »Ecke des Königs« die eher konservativen Verfechter der Tragédie lyrique, wie Lully sie etabliert hatte und Rameau sie noch in der Mitte des 18. Jahrhunderts repräsentierte, in der »Ecke der Königin« die Anhänger der italienischen Opera buffa, die sich um die Enzyklopädisten, also die Philosophen der Aufklärung, scharten. Aber worum ging es genau?
 

Der Buffonisten-Streit

Rousseau, der als Komponist eher Dilettant war, hatte mit seiner eigenen Oper Der Dorfwahrsager im selben Jahr (1752) in Fontainebleau einen Achtungserfolg errungen; stilistisch wurde er mit diesem eher unbedeutenden Werk jedoch der Königspartei zugerechnet. Daraufhin ergriff er vehement Partei für die italienische Oper und sprach der französischen Sprache sogar grundsätzlich die Eignung für das Musiktheater ab. In seinem Pamphlet Brief über die französische Musik lobte er Pergolesis Serva padrona über den grünen Klee und stellte das leichtgewichtige Intermezzo als Musterbeispiel wahrer Opernkunst dar, während er Rameau frontal angriff.

Dass die scheinbar nur musikästhetische Frage so sehr die Gemüter erhitzte, hatte aber auch soziale Gründe. Die von Pergolesi rund zwanzig Jahre zuvor komponierte Oper schien wie auch das sonstige Repertoire der »Buffoni«, die Paris im übrigen 1754 wieder verließen, in ihrem melodischen Duktus alltagsnah und ungeziert. Das aufstrebende Bürgertum konnte sich darin wiederfinden – im Gegensatz zu den historisierenden Sujets und der hochgestochenen formalen Anlage der höfischen Tragédie lyrique. Auch deshalb nahmen Diderot, d’Alembert und andere Enzyklopädisten keine vierzig Jahre vor der französischen Julirevolution von 1789 gern Partei für die »Ecke der Königin«. Die »Querelle des bouffons« führte wenige Jahre später zur Entstehung der Opéra comique, die als eigenständige französische Entwicklung schließlich die italienische Buffo-Oper überflügeln sollte – allerdings erst im 19. Jahrhundert. Der Anlass des längst vergessenen Opernstreits aber, Pergolesis Serva padrona, erweist sich noch heute als ungemein lebendig. So bietet die Frankfurter Neuinszenierung eine Gelegenheit, der Eigenart dieses kleinen, großen Werkes nachzuspüren.


 

ZUGABE
OPER EXTRA

TERMIN 11. Oktober, 11 Uhr, Opernhaus
Mit freundlicher Unterstützung des Frankfurter Patronatsvereins

 

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  • S. 16

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