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  • Magazin Klassik
  • Radio Klassik Stephansdom
  • # 18 | Herbst 2020
  • S. 7-9

Piotr Beczała

Über das Hören

Text: Ursula Magnes

[Radio Klassik Stephansdom]

Mit dem lyrischen Tenor mit kraftvoller Höhe über das Hören reden. Dafür war Zeit. In der stillen Solistengarderobe der Wiener Staatsoper.

Das erste bewusste Hören bezog sich für Piotr Beczała auf die Musik. Wobei er als Kind das Autobahngeräusch in der Nähe seines Elternhauses nach einer Woche gar nicht mehr wahrgenommen hat. Eine Gewöhnung, die den später Zurückkehrenden oft sehr überraschte. So hat auch jede Stadt, in der Piotr Beczała wohnt und arbeitet, eigene Geräusche – oder auch nicht! Wien, New York oder Krakau haben ihren ganz speziellen Sound. „In unserem Haus in den Bergen in Südpolen rauscht ein Bach. Wenn es regnet, wird daraus ein reißender Fluss. New York klingt ganz anderes als Wien, das ich in erster Linie mit Vogelgezwitscher verbinde. Die Terrasse unserer Wohnung geht zum Innenhof – die Vögel singen einfach sehr laut und angenehm. Das ist Wien für mich.“

 

Der weltweite Lockdown hat auch den Klang der Stadt New York verändert, leergefegte Straßen; beruhigtes privates Grillen auf der dortigen Terrasse. Nach einer kleinen Odyssee ist das Ehepaar Beczała endlich im Haus in Polen gelandet, wo es sich meist für rund vier Tage nicht an örtliche Geräusche gewöhnt, wurden diese über den Zeitraum von eineinhalb Monaten „auch zu ihren“. Nicht nur die Vögel auch der Frühling „zwitscherte“. Ein Refugium, von Wien aus mit dem Auto circa so weit entfernt wie Salzburg. Gelegentlich fährt Piotr Beczała sogar direkt nach einer Vorstellung nach Hause, zum Abschalten und Kraft schöpfen.

Niemand der schlecht hört, wird als Sänger ausgebildet. Das ist eine ganz klare Voraussetzung. Die professionelle Ausbildung des Hörens kam für Piotr Beczała erst mit Solfeggio-Kursen an der Akademie. Zuvor war das Hören ein normales Hören der Musik. Das Paradoxon dabei: Ein Sänger muss gut hören, hört sich auf der Bühne aber meist nicht. „Ich will mich gar nicht hören. Das ist Teil meiner Technik, die ich mir über Jahre beigebracht habe. Wenn man versucht sich zu hören, wird das Resultat verfälscht. Der Ausgang wird geschwächt, wenn man versucht das Signal zurückzubekommen.“ Die Stimme ist über die Luft unterwegs zum Publikum im Raum. Eine Art Rückkoppelung wäre schlecht. Viel wesentlicher ist die eigene körperliche Wahrnehmung.

Die akustische Situation eines Opern- oder Konzertraumes versucht Piotr Beczała zu ignorieren, weil er ohnedies keinen Einfluss darauf hat. In der Hamburger Elbphilharmonie muss er beispielsweise über die erste Wand „d'rübersingen“ – erst dann hat die Stimme die Möglichkeit im gewaltigen Raum zu zirkulieren. Solche Gegebenheiten muss man ganz einfach wissen. „Meine Frau ist hier mein bestes Feedback! Sie sitzt im Publikum, denn es kommt in dieser dynamischen Situation auf kleinste Kleinigkeiten an.“

Dass es im Klassik- und Opernbetrieb gelegentlich gar nicht so leicht ist, gehört zu werden, darüber hat sich Piotr Beczała eigentlich nie Gedanken gemacht. Das Prägendste war die Repertoire-Wahl und eine gewisse Stimmpflege. Deshalb hat er sehr oft „Nein“ gesagt. Dieses „Nein“ war aber immer ehrlich und gut begründet. „Kein blödes Gerede eines Tenors, der keinen Bock auf irgendetwas hat.“

Nach Stanisław Moniuszkos auch außerhalb Polens wieder entdeckter Nationaloper „Halka“, in der packenden Inszenierung von Mariusz Trélinski – Piotr Beczała gab als Gegenspieler von Tomasz Konieczny (Janusz) am Theater an der Wien den Jontek – , hofft Beczała, dass da noch mehr kommt. „Das hat mich viel Energie und Ausdauer gekostet, um diese Produktion in Wien und Warschau auf die Bühne zu bringen.“ Es wäre schön, wenn auch andere Opernhäuser Interesse an diesem Repertoire bekommen, denn Beczała würde gerne auch Moniuszkos „Das Gespensterschloss“ singen. Jontek war übrigens ein Rollendebüt! Er hat zwar die berühmte Arie des Jontek „Szumi jodły na gór szczycie” oft gesungen, aber die Rolle nie auf der Bühne dargestellt. Sehr zu empfehlen ist auch die schön edierte Lied-CD mit Liedern von Mieczysław Karłowicz und Stanisław Moniuszko. Auch wenn man kein Wort Polnisch versteht, kann man sich auf die Situation einlassen, wann und wo die Lieder entstanden sind. Eine Zeit der polnischen Geschichte, die sehr betrübt und melancholisch war. „Die Dichter und Textschreiber beschrieben die Sehnsucht nach dem eigenen Land. „Eine postromantisch, durch und durch ehrlich geschriebene Musik – und vor allem schön, dass Helmut Deutsch da mitgemacht hat.“ Demnächst erscheint auch das erste Buch über den polnischen Tenor. „In die Welt hinaus“ beschreibt seinen Weg vom Straßensänger zum Kammersänger! „Das ist vielleicht doch interessant für viele, denn es war nicht ganz einfach bei mir. Man kann nicht alles schreiben, aber 30 Jahre auf der Bühne, von den Anfängen bis heute. Trotzdem bin ich einfach ‚ich‘ geblieben.“

Entscheidend war für Piotr Beczała unter anderen Sena Jurinac: „Junge vergiss Cavaradossi und nimm Mozart!“ Der junge Student hatte auch rebellische Momente, als man ihn zwingen wollte zu schwere Sachen zu singen. Da hat er instinktiv richtig gehandelt und nicht auf die damalige Professorin gehört. „Nello Santi in Zürich war für mich heilig. 1992 habe ich dann mit dem amerikanischen Stimmcoach Dale Fundling begonnen, die gesamte Technik umzubauen. Er hat nie etwas vorgesungen, aber alles was er erzählt hat, hat mich für Jahrzehnte geprägt. Er nahm wenig Rücksicht auf die psychische Komponente, aber ich bin sehr robust, was das betrifft.“ Generell passiert sehr viel in der Vorbereitung. Die Bühne ist dann etwas ganz anderes: Das ist pure Emotion und Spiel.

Die Zeiten von Verdi und Puccini sind für Beczała vorbei. Primitive und moderne Musik bedeuten für ihn wenig bis nichts. Mit letzterer hat er seine Mühe, obwohl Krzysztof Penderecki in der für die Wiener Staatsoper geplanten Oper etwas für seine Stimme vorgesehen gehabt hätte. Da hat er sich fast „etwas gefürchtet“. Beczała liebt es harmonisch und die ganz alten Aufnahmen! Damit kann er Stunden verbringen. Wie gerne würde er die Stimme von Jean de Reszke (1850-1925), französischer Tenor polnischer Abstammung, hören können. Im Gegensatz zu Caruso gibt es von ihm keine Aufnahmen. „Ich hoffe, dass es irgendwann einen Scanner geben wird, der die nicht gemachten Aufnahmen von gesungenen Tönen einfängt – 1876 Carnegie Hall, 22.00 Uhr Zugabe zum Beispiel.“

Sein Jaguar klingt toll: „Ein sehr schöner Klang. Er brummt, aber sehr geschmeidig wie eine große Katze. Hochgedreht klingt er wie ein Spintotenor.“ (Sechs Zylinder in einer Reihe mit drei Weber-Vergasern für die Auto-Freaks). Der Weinkenner und –liebhaber österreichischer Weine schmeckt, „hört“ auch den Unterschied von beschalltem und nicht beschalltem Wein nach der Reifezeit. Auch seine Stimme reift ständig weiter. Sein Verismo-Album „Vincerò!“ öffnet nach sehr erfolgreichem Cavaradossi und Lohengrin auf der Bühne weitere Fenster, doch Piotr Beczała sieht sich weder als zukünftigen Verismo- noch Wagner-Tenor. Diese Ausflüge sind lediglich das I-Tüpfchen. „Es ist die Kirsche oben mit ein bisschen Sahne auf einer Schwarzwälder-Torte.“ Es ändert sich nichts im Wesentlichen: Lohengrin ist sehr italienisch singbar, Parsifal kommt zuerst konzertant, vielleicht der Walther von Stolzing. Die Krönung wäre womöglich ein Otello, irgendwann … Shakespeare pur! Da braucht es große Erfahrung im italienischen Verdi-Fach. „Nur säuseln, das interessiert mich gar nicht. Radamès spätestens in zwei Jahren in Madrid, schau ma!“

Das private Hören ist für den Sänger ein bisschen eingeschränkt. Er kann seine „Berufsohren“ nicht ausschalten. Als Zuhörer mutiert er eher zum Stimmdoktor. Doch abschalten und einfach genießen, nicht nachdenken müssen, den Klang der Stimme inhalieren, das kann er, wenn Anna Moffo die Rachmaninow-Vocalise irgendwo zwischen den Vokalen „a-o-e“ anstimmt: „Diese Aufnahme ist für mich purer Genuss! Pures Zuhören!“


Radiotipp

 

Rubato mit Piotr Beczała, geplant für September 2020.
Aktuelle Infos: www.radioklassik.at

 

  • Quelle: Magazin Klassik
  • Radio Klassik Stephansdom
  • # 18 | Herbst 2020
  • S. 7-9

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